ihn selber schwindelte, wenn er von oben herunter sah; so hoch, dass er sich erlaubte alles zu sagen, was ihm in den Mund kam, wobei er keines Abwesenden schonte, und alles zu tun was ihm einfiel – und einem Genie ohne irgend eine Art von grundsätzen pflegt denn mancherlei einzufallen, mit unter auch wohl ein Ding, das nicht völlig so unschuldig ist als mineralgrüne Damastne Pantoffeln zu – tragen. Alles das tat er auf Rechnung seines Wertes, denn er hatte einmal die meines Bedünkens nicht ganz richtige Bemerkung gelesen: grosse Genies hätten immer grosse Fehler. Das Sprüchlein führte er fleissig im mund, wusste aber einen solchen Sinn hinein zu legen, dass es so viel hiess als: schlechte Handlungen verraten einen hohen Genius. Wenn man ihm aber vieles übersah, so geschah es nicht in Betracht seines Wertes, sondern weil er der Gegenstand des Spottes und der Verachtung aller vernünftigen Leute war. So viel einstweilen zur Nachricht von dem mann mit der Waldteufelphysiognomie, der sein mineralgrünes Gehäuse dermalen in diesen Gastof zur Schau getragen hatte.
Der seidne Mann schloss aus der Miene und Kleidung des schwarzen Mannes, er habe ein Stück von einem Gelehrten vor sich; und ein Blümlein aus Latium's Gefilden, das dem Fremdling unversehens zu entfallen schien, bestärkte ihn in seiner Meinung. So bald er diese Entdeckung gemacht hatte, beschloss er, sich zu zeigen, und um das Ding schicklich einzuleiten, trank er des fremden Herrn Gesundheit, und musste gleich darauf gestehen, dass der Knaster, den der Herr rauche, von so feinem Geruche sei, als er ihn kürzlich nicht gerochen.
"Er geht und steht so, versetzte der schwarze Mann gar vornehm; es ist so unser gewöhnlicher Kneller auf dem schloss."
Bei dem Worte schloss hörte der damastne Mann hoch auf, hatte aber doch den Mut nicht, zu fragen, aus Beisorge, der Fremde, der dass Inkognito zu lieben schien, mögte ihn, wie den Wirt, herum führen.
"Mein Herren, fing der Ludimagister an, mit Permission zu fragen, was gibt es in diesem Orte für Merkwürdigkeiten für einen Reisenden? Ich mögte mich doch gern ein wenig umsehen."
Merkwürdigkeiten? murmelte der eine; Merkwürdigkeiten? wiederholte der andre. Das Wort sogar war den Leuten fremd.
Merkwürdigkeiten? sagte der damastne Mann, Ich wüsste hier nichts, als etwa, dass es wohl an keinem Ort in der Welt so viel Krüppel gibt. Bloss allein in dieser kleinen Strasse kann ich Ihnen ganzer neune zeigen.
"Hm! Es wird hier doch wohl eine öffentliche Bibliotek sein?"
O was das betrifft, ja. Auf dem rataus steht der allzeit fertige Notarius in Schweinsleder gebunden, und zwei Kodex Fridericianusse.
"So! gibt es hier keine öffentliche Gebäude?"
O ja! da ist das Stockhaus – wiewohl das eigentlich nur die Garnison angeht; und der Ratskeller, wo aber der Wein nichts taugt.
"Ich sehe, Sie scherzen, mein Herr!"
Das mineralgrüne Genie beteuerte mit einem grässlichen Schwure das Gegenteil. Ob er falsch geschworen? – Das lasse ich dahin gestellt sein; aber das mögt ich wohl behaupten, dass er das Abgeschmackte in der Frage nach einer öffentlichen Bibliotek in einem Landstädtlein nicht fühlte, und sich nicht so wohl über das schwarze Genie, als vielmehr nach seiner Art über den Ort lustig machte.
"gibt es hier wirklich nichts für die Aufmerksamkeit eines Reisenden? Kein Naturalienkabinet? Keine Gemäldesammlung?"
O! damit können wir dienen. Herr Peter Fix hat ein hübsches Naturalienkabinet in einer Schachtel, das soll er Ihnen wohl weisen. Und dann ist hier noch einer, der hat die ganze biblische geschichte in buntgemalten Kupfern, und sechs Könige und Königinnen von Nilson, die recht schön sind. Aber das ist 'n dummer Kerl, der versteht so was nicht. Die schönen Bilder hängen da im Tobacksrauch, und ich glaube wohl nicht, dass er sie weisen würde, wenn Sie auch drum hingingen.
Dem Schulmeister war auch wirklich mit Naturalien, Bildergallerien, und was er sonst aus den Zeitungen aufgeschnappt haben mogte, nichts gedient, darum näherte er sich seinem Zwecke, und nach einem Seufzer, dass freilich mancher Demant in Blei gefasset sei, fuhr er fort zu fragen:
"Aber ein Buchladen ist doch wohl hier?"
Dass Gott erbarme! lästerte der grüne Mann, wenn ich mich und noch 'n Stück oder etliche ausnehme, so glaube ich nicht, dass ein Mensch hier ist, der 'n Buch lesen kann –
Nun hatte der schwarze Mann wirklich nicht das Herz, gerade zu nach einer Druckerei zu fragen, wiewohl das damastne Genie hier gottlos gelogen hatte. Denn, wenn man es genau nehmen will, so war gerade Er vielleicht der einzige im Orte, der nie ein Buch hätte lesen müssen, weil er weniger als jemand auf der Welt im stand war, ein Buch zu verdauen. – Der Ludimagister, sage ich, hatte nicht den Mut, gerade zu zu fragen, denn er glaubte schon zum voraus das schröckliche Nein, vor dem er sich so sehr fürchtete, zu hören; doch fragte er etwas beklemmt, ob es hier Künstler in dem Orte gebe? Das mineralgrüne Genie war auch schon im Begriff, die Frage zu beantworten, als ein Mann in einem simpeln dunkelbraunen Kleide hereintrat, auf dessen gesicht ein trüber, in sich gekehrter, melancholischer Ernst unter einem erzwungenen Lächeln verborgen war