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wir neben ihm zur Schau stellen, auch nur mit Einem Worte zu empfehlen oder anzuschwärzen. Wir haben noch ein Vieles zu lernen, und stellen uns so nach still und lehrbegierig hinter den Vorhang, sans Komparäson wie Apelles, um zu vernehmen was die Vorübergehenden urteilen werden. Und hätten wir ja was zu bitten, so mögte es dieses sein, dass der Schneider nicht über den Stiefel, und der Schuster nicht über den Schnitt des Kleides urteilen wolle. Sollt auch irgend jemand, aus Drang des Genie oder so etwa unser Eustatius zu werden Lust und Belieben finden: den bitten wir gar säuberlich, sich die Lust vergehen, und das Ding unterwegs zu lassen, bei nahmhafter Pön.

Fände sich jemand, der da meinte, wir hätten Unrecht getan, nur Fragmente zu liefern, und aus dem vielen Stoff nur eins und anders auszuheben: dem geben wir die Versicherung, dass wir selbst bedauren, durch gewisse Umstände zu diesem Verfahren genötiget gewesen zu sein. Da wir aber in unserm Pulte noch sehr viele Dokumente haben, das Lindenbergische Philantropinum, die grosse Reise die der Edelmann inkognito tat, seine liebes und Vermählungsgeschichte, und wenigstens hundert andre eben so wichtige und merkwürdige begebenheiten betreffend: so könnten wir uns wohl entschliessen, die geschichte unsers Junkers und seines Ludimagisters vollständig zu liefern. Wir versprechen aber in dieser Absicht nichts gewisses, indem wir, wie billig, der Meinung sind, dass Versprechen Schuld mache, und andern Teils wohl wissen, wie viel bei der Autorschaft auf Wind und Wetter ankomme. Das können wir aber versichern, dass der Leser, dem dieses Bündel Siegfriediana nicht unschmackhaft vorkömmt, bei dem zweiten sein Konto wohl noch reichlicher finden dürfte.

Uebrigens ersuchen wir alle Kaiser, Sultane, Könige, Fürsten und Herren, die dieses unser geringes Büchlein lesen mögten, es ihrerseits dem guten Junker immerhin zu erlauben, dass er, was sie Grosses tun, im Kleinen nachahme. Er hat, das getrauen wir uns kecklich zu beschwören, seinerseits nichts als Grösse und seines Landes Bestes vor Augen. Dass das für einen Landjunker missverstandne Grösse sei, räumen wir gern und willig ein, wenn uns dagegen eingeräumet wirddenn eine Hand muss die andre waschendass des Junkers Untertanen sehr glückliche Leute waren, in so fern ihr Glück von ihm abhieng. Schliesslich versichern wir, dass wir, so wenig als Junker Siegfried, irgend einem Mutterkinde zu nahe zu treten gewillet sind, womit wir uns Dir bis aufs Wiedersehen bestens empfehlen.

Leipziger Oster-Messe, 1779.

Fussnoten

1 M. s. die bekannten Fragmente aus Briefen von Tellow an Elisa, S. 17. Ein Buch an dem ich, ausser dem Pfefferkorn, nur sehr wenig tadle, und sehr viel lobe.

Erstes Kapitel.

Ohne welches der Leser alle übrige nicht wohl

verstehen wird.

Es war einmal ein Edelmann im Pommerlande, der ein Schloss hatte, und ein Paar Hufen Land umher, und ein Dorf, wo bauern drinn wohnten, und etliche hundert Bäume, die er seinen Forst nannte, und sechs räudige Köter, die hiess er seine Kuppel, und wer ihm die schief ansah, der griff ihm an die Seele. Sie hatten auch jeder ein hübsches ledernes Halsband um, mit blanken messingenen Buchstaben drauf, und messingenen Schlössern dran; und des Sonntags blaue sammtne Halsbänder mit Silber gestickt. Es gibt zwar hässliche Lästermäuler, die sich nicht scheuen auszubreiten, es sei nur blauer Manschester und unächtes Silber: ich aber, der ich beides gesehen habe, und ohne Ruhm zu melden wohl weiss, was Manschester sei, versichre jeden, dem daran gelegen ist, dass es ächter Sammt und ächtes Silber war.

Es war auch ein Nachtwächter auf dem hof, der ein Horn hatte; und ein viereckigter Tölpel mit einem Stelzfusse, das war der Jäger; auch stand ein Pfal mit einem Halseisen mitten auf dem Schlossplatze, und draussen vor dem dorf ein Galgen, denn der Edelmann hatte die hohe und niedre Gerichtsbarkeit. Daher war auch ein Justitiarius im schloss, welcher dermalen auch ein witziger Kopf war und ein grosser Satirikusnach seiner Meinung; zwo Eigenschaften, die eben nicht zu seinem amt erfodert wurden, und wovon man die letzte billig als ein Symptoma seines Advokatengewerbes, welches er nebenbei trieb, anzusehen hat. Das muss man ihm aber lassen, dass er kein unrechter Poet gewesen sein würde, wenn er zum Ausstreichen Mut, und zum Feilen Geduld gehabt hätte. Uebrigens war er wirklich, was die Poeten alle von sich vorgeben, ein grosser Liebhaber starker Getränke.

Der Edelmann hatte auch eine Kirche in seinem Bezirke, und das Jus Patronatus. Auch war ein Ludimagister auf dem Gute, der den Bauerjungen das A, B, ab einpeitschte, und Seiner Gnaden die Avisen vorlas. Dieser Mann wusste auf jegliche Frage eine Antwort, denn er war nichts geringers als ein Polyhistor und Originalgenie. Daher war er denn auch des Junkers Faktotum und Orakel, wie der Verwalter zu sagen pflegte; der Justitiarius aber, der seinen Ausdruck besser wählte, behauptete immer, der Schulmeister sei dem Edelmanne das, was das Gewicht dem Bratenwender ist. Beide haben im grund Recht; denn, so oft unsre Leser bei diesen Blättern eine Lust zu lächeln oder zu lachen anwandeln wirdund wir mögten wohl prophezeihen, dass das nicht selten geschehen dürfte, wenn sie sich nur durch die Paar ersten Kapitel hindurch gearbeitet habenso könnte wohl der ehrsame Ludimagister, wo nicht ganz,