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und öffnete die Gaststube, und der Ludimagister marschirte hinein, indem er die Anwesenden vornehm grüsste. Nachdem er Hut und Stock abgeleget, liess er sich in den Lehnstuhl nieder, streckte die Beine von sich, und foderte eine Halbe Spanisch Bitter, und eine Pfeife.

Mit erlaubnis, dass ich fragen mag, wo soll die Reise hingehen? – Durch diese unverschämte Frage, die den Gastwirten so ganz eigen ist, eröffnete der Wirt die Unterredung.

"Nicht einen Fingerbreit weiter!" erwiderte der fremde Herr mit der wichtigsten Miene.

Werden Sie sich hier eine Zeitlang aufhalten?

"Nach Advenant."

Sie haben gewiss Geschäfte hier?

"Ja und nein, wie es kommt."

Mit erlaubnis zu fragen, wo kommen Sie her?

"Von haus, Herr Wirt."

Sie wohnen wohl nicht weit von hier?

"Es geht noch so wohl an."

Sie sind doch wohl heute erst ausgereiset?

"Nein, Herr Wirt."

Der Gastwirt fügte zu diesen impertinenten fragen noch verschiedene hinzu, die jeder, der nur einmal in seinem Leben sechs Meilen gereiset ist, sich hoffentlich ohne Schwierigkeit wird denken können, weil man in Deutschland unmöglich sechs Meilweges reisen kann, ohne der naseweisen Unverschämteit eines neugierigen Wirtes ausgesetzt zu sein; man müsste denn so sehr eilen oderknickern, dass man auf sechs Meilen kein einziges mal einkehrte. Je mehr indessen dieser Wirt hier seine fragen häufte, desto geflissener machte sich der Ludimagister eine boshafte Freude daraus, den zudringlichen Fürwitz desselben bei der Nase herum zu führen. Ein Betragen, welches uns so nachahmenswürdig scheint, dass wir nicht umhin können, es allen Reisenden bestens zu empfehlen.

Unterdessen brachte eine Aufwärterinn von ausgesuchter Hässlichkeit (vielleicht um die Annehmlichkeiten der Wirtin desto besser zu heben) mit weniger Grazie den Bitterwein und eine neue Pfeife, und die freundliche Wirtinn schenkte unserm Pilger das erste Glas ein, und fragte: ob ihm diesen Mittag hier zu speisen beliebte? – Ja, Madam, antwortete er mit feierlichem Ernst, und diesen Abend auch, wenn Sie erlauben.

Viel Ehre für uns, sagte sie mit einer kleinen Neigung des Hauptes und jenem possirlichen, kurzabgestossnen, schnellen Knickbeinen, welches bei dem kleinstädtischen Frauenzimmer, das so gern vornehm tun mögte, an die Stelle des Knixes einer wohlgezognen person tritt.

Und nun, lieber Leser, wollen wir Dir die Kapitel, die wir am Schlusse des neunten versprochen, keine Minute länger vorentalten.

Eilftes Kapitel.

Malus sutor inopia deperditus. Phaedr.

Oder

Das erste Kapitel vom Geniewesen.

Es war dieses eine Stadt, von der der Ludimagister noch nicht wusste, dass der Teufel daselbst unter dem Pöbel sein Spiel mit dem leidigen Geniewesen hatte. Da gabs philosophische Schulknechte, und metaphysische Schneider; politische Bartputzer, und statistische Friseurs; satyrische Gerichtsdiener, und poetische Kollekteurbursche; seraphische Lakaien, und Ziegelstreicher voll rhetorischer Figuren. Bei den übrigen Klassen aber ging alles ganz natürlich her, und seinen überall gewöhnlichen gang, denn die Vornehmen, etliche wenige ausgenommen, behalfen sich mit ihrem Range; die Reichen, etliche wenige ausgenommen, behalfen sich mit ihrem Gelde; die Obrigkeitlichen Personen, etliche wenige ausgenommen, behalfen sich mit dem Schlentrian; der Mittelmann behalf sich grösstenteils mit der gesunden Vernunft. In diesen Klassen also befand sich alles in seiner gebührenden Ordnung, nur bloss der Jan Hagel und was nahe dran grenzte, schlug aus der Art, und konnte sich, verdorben durch etliche übel verdauete Bücher, und durch missverstandne Beispiele so wenig vor dem Drang des Genies retten, als einer der sich in geräucherten Rindfleisch und Pudding übernommen hat, vor Magendrücken. Das alles wusste der Ludimagister noch nicht, ein Aufentalt aber von nicht mehr als andertalb Tagen lehrte es ihn, und ein besserer Beobachter als er würde es in andertalb Stunden gelernet haben. Ob aber der Pastor loci und sein Diakonus sich für oder wider die symbolischen Bücher erklärten, ob die ärzte sich mit der Metode und die Sachwalter mit Schimpfen und Türlüpiniren behalfen: das hatte der Schulmeister zu erforschen vernachlässiget; folglich kann ich, der ich alle meine Nachrichten von diesem Städtchen einzig und allein aus seinem mund habe, meinen Lesern und ihrer Wissbegierde hierunter nicht dienen.

Es befand sich unter den Anwesenden, die ihren Morgen in diesem Gastofe bei einem Glase Wein oder Aquavit verplauderten, ein Mensch, der, seine Waldteufelphysiognomie ausgenommen, und bloss nach seiner Kleidung zu urteilen, wie ein feiner Mann, aber doch etwas närrisch aussah, denn er trug einen Kasaquin von Mineralgrünem seidnen Damast nebst Weste, Beinkleidern und Pambouschen von eben dem Zeuge. Nur die Strümpfe waren hellblau, sonst hätte man schwören sollen, der ganze abenteuerliche Kerl sei in einen Farbekessel gefallen. Sein Haupt verwahrte vor den Einflüssen der gesunden Luft ein falber Hauptschmuck, der von den Händen seines Schöpfers eigentlich zur Beutelperüke geschaffen war, aber um den Haarbeutel zu sparen, mit einem kleinen Biddelchen fast wie eine Abbe-Perüke getragen ward. Vom hut stralte ein goldnes Bourdalou das vormals neu gewesen war, wie das Siebengestirn durch den Saum einer Regenwolke; und eine gewaltige Troddel bummelte dran, an der aber die Krepinen nicht mehr vollzählig waren. Der Mann der in dieser Schale steckte, war ein Genie, aber ein verteufelt grosses Genie, und führte mit sich herum, wie alle seines gleichen, eine mächtig hohe Meinung von seiner person, von seinem geist, Witze, verstand, Talenten, Verdiensten, Werte, und dergleichen; so hoch, dass