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zu erzählen, dass er bei einem solchen Vorfalle zum ersten mal in seinem Leben in Wut geraten sei, den Säbel gezogen, und den armen Sünder mit eignen hochadlichen Händen dermassen durchgefuchtelt habe, dass ihn der Feldscheer an die vier Wochen lang besalden und bepflastern müssen. "Wart du! rief er, will dich Racker schwänzelieren lehren!" – Dieses einzige Beispiel war so würksam, dass seitdem nie wieder ein Klätscher auf Lindenberg aufduckte.

Hergegen, wenn ihm erzählet wurde, Hannes Bruck sei in der Verbesserung seiner Ländereien so glücklich gewesen, dass er in diesem Jahre schon so und so viel Fuder Heu mehr gewonnen habe, als sonst; – oder Peter Imbeck wolle Hochzeit machen, und Jürgen Risch Kindtaufe geben: dann dähnte er sich gemächlich in seinem Polsterstuhle, und sah so heiter aus, als wenn er selbst der Bräutigam, oder Vater zum kind wäre. Hiess es aber: dem langen Friedrich ist ein Pferd umgefallen; – oder in Hannes Breimanns Schaafstall ist das Sterben gekommen: dann war er im Stands so ein trübseliges Gesicht zu machen, als ob ihm selbst die Peterfilie verhagelt wäre; und selten ermangelte er in Freud oder Leid, seine milde Hand aufzutun. Auch war im ganzen dorf kein Bauer, der dürftig, oder ohne Verbindlichkeit gegen den gnädigen Herrn gewesen wäre.

Ich weiss nicht, ob sich in der Folge eine bessere gelegenheit dazu anbieten mögte, darum will ichs hier erzählen, dass sein Verwalter den gemessensten Befehl hatte, in Absicht der Herrengefälle und Abgaben keinem einzigen bauern eine Stunde Rachsicht zu geben, sondern ihm, dem gnädigen Herrn, so bald am Nachmittag des letzten Hebungstages die Klocke fünfe schlug, ein genaues Verzeichniss aller derer, die bezahlt und nicht bezahlet hatten, einzureichen, und vorzulesen. Traf sichs dann einmal, dass etwa ein Bauer mit den Gefällen ausgeblieben war, so liess Er ihn zu sich rufen. "Hör, du! sagte er, mein Verwalter will dich exquiren lassen, weil du nicht bezahlen tust. Ich mag aber den Schimpf nicht haben, dass ich so'n Schlüngel auf meinem Gute hätte, der geexquirt werden muss. Da hast's Geld. Geh hin und bezahle den Verwalter."

Diesen Weg hatte er ausgedacht, weil er glaubte, des Verwalters Rechnungen so am leichtesten übersehen zu können, wobei ihm nun die Restanten keine Schwürigkeit verursachen konnten. "'S ist einerlei, dachte er, ob's der Bauer meiner Kasse oder meiner tasche schuldig ist; und der Verwalter kann mir doch kein X für'n U machen, und meine Untertanen werden auch nicht getribuliret. Und solcher Wege hatte er noch mehrere ausgedacht, um seinem Verwalter das X für'n U machen zu verwehren. Das Schöne bei der Sache war aber dieses, dass, wenn der Bauer dem er so geholfen hatte, ihm über kurz oder lang das Geld wieder brachte, er es niemals annahm." Geh man hin, sagte er; bist doch 'n ehrlicher Kerl, sehe ich wohl. Mach aber, dass mein Verwalter nicht wieder über dich klagt. – Kannst nu man gehen, und halt 's Maul von, sonst kömmst' ins Hundeloch."

Dieses im Vorbeigehen. Wir lenken wieder in unsern Weg.

So gern also der Edelmann hören mogte, so wenig war er selbst fürs viele Reden, und wenn er ja den Mund öffnete, so pflegte ihm doch das Ding eigen zu sein, das man gemeiniglich Imperatoria Brevitas zu nennen pflegt. Wie er demnach dazu kam, dass er mit dem Ludimagister manchen ausgelängten Tag verplaudern konnte, der doch mehr als Ein Jahr zubrachte, ehe er den eigentlichen Ton merkte, worinn man mit dem gnädigen Herrn reden musste, wenn es ihm recht sein sollte: dasist wirklich ein wenig mehr als sich begreifen lässt. Der Schulmeister pflegte zum Exempel eine Neuigkeit auf diese Art vorzubringen: Wissen Eu'r Gnaden wohl? – oder: Haben Eu'r Hochwohlgebohrne Gnaden schon gehöret? – oder auch schlechtweg: diess und dass hat sich zugetragen. Und auf diese oder ähnliche Art musste man dem Edelmann im Pommerlande nicht kommen. Das hatte das Ansehen als ob man ihn etwas lehren wollte. Nein, man musste sich so zu wenden wissen, dass man immer voraus setzte, er habe das schon längst gewusst, was man jetzt erzähle; zum Exempel: mich soll verlangen, wer bei dem kleinen Jungen, wovon Jürgen Risch's Frau gestern entbunden ist, morgen Gevatter stehen wird? – oder: das hat mich doch recht gefreuet, dass dem ehrlichen Hannes Bruck seine Verbesserungen so gut eingeschlagen sind, dass – u.s.w.

Noch unbegreiflicher ist es, wie er sogar den Ludimagister zu seinem Vertrauten machen, und über Dinge zu Rate ziehen konnte, die er wohl ein dutzend Jahre im Busen herum getragen hatte, er, der sein Tage sich gegen keine Seele zur Vertraulichkeit herabgelassen, und niemals jemand um seine Meinung gefragt hatte.

"Muss Ihn mal in Rat nehmen, Schulmeister! Habe schon lange bei mir selbst bedacht, was ich anfangen wollte, als Mama seliger noch lebte. Dachte immer in meinem Sinn, sollst wieder in 'n Krieg gehen, wenn du länger lebst als Mama, oder auch auf Unverstäten. Und nu sie tot ist, weiss ich nicht, was ich davon tun soll, versteht Er. Und Eins von beiden muss ich doch wohl tun.