Johann Gottwert Müller
Siegfried von Lindenberg
Eine komische geschichte
Vorrede
mit einer Dedikationsvarentese.
Nichts, lieber Leser! ist so gross oder so klein unter der Sonne, oder unter dem mond – wie die schönen Geister zu sagen pflegen, wie ich aber nicht sage, weil ich kein schöner Geist sein mag; denn, so wie du mich siehst, hab ich wohl eher Leute gefunden, die sich schöne Geister nannten: aber an denen war alles so kunterbunt, und so mächtig gekräuselt, und so verzweifelt hoch, und gar nicht ein bischen so, wie bei andern ehrlichen Leuten, dass ich nicht das zehnte mal klug draus werden konnte, und es der Seele des Eustatius (welches eine sehr scharfsinnige Seele ist, die bei Leibesleben ihre Stärke darin hatte, dass sie die schönen Geister da verstand, wo sie sich selbst nicht verstanden) überlasse zu beurteilen, ob die Herren selbst daraus klug werden können. Nein, dafür lob ich mir die guten braven Leute, die so hübsch gerade vom mund weg reden, dass es nicht kraus und nicht bunt ist, und doch hübsch heraus kommt. Da hab ich unter andern einen gekannt, der nun wohl schon ganz verweset ist, der hiess Hagedorn, und war ein feiner freundlicher Mann, der mich oft auf den Schooss nahm, als ich noch ein Knabe war, und mir Rosinen und Zuckerstritzeln in den Mund steckte. Auch kenne ich einen, der Gleim heisst, und meinen lieben alten Freund, der zur Minderung des menschlichen Elends so ein menschenfreundliches Büchlein gemacht hat. Habe auch mancherlei gelesen, das Engel, Weisse, Lessing und etliche andre geschrieben haben, kenne auch den wackern Buchhändler Friedrich Nicolai in Berlin, der, Jahr aus, Jahr ein, ein paar dicke Bände verlegt, worinn den schönen Geistern die Wahrheit gesagt wird, wenn sie sich zu mausig machen. (Er hat mir auch wohl eher die Wahrheit gesagt oder sagen lassen, wiewohl ich kein schöner Geist bin, und mich eben nicht mausig zu machen pflege. Aber eben darum weil ichs für Wahrheit erkenne, und auf der Welt nichts lieber höre als Wahrheit, wenn sie manierlich, wie sichs unter feinen Leuten schickt, gesagt wird: so will ich um meine Erkenntlichkeit so öffentlich als ich kann zu Tage zu fördern, alles was in diesem Büchlein Gutes ist, Ihnen, mein werter Nicolai, hiermit in bester Form dediciret haben, mit angehängter Bitte, da doch für eine Dedikation die mehrste Zeit ein kleines Andenken zu erfolgen pflegt, mir statt dessen die gefälligkeit zu erzeigen, und fernerhin wie vor diesem, in einer kleinen Recension dem ehrsamen Publikum mein Gutes, und mir meine Gebrechen anzeigen zu lassen. Wesfalls ich Ihnen nicht nur dieses, sondern auch meine letzten zwei oder drei Büchlein samt dem was ich etwa nächstens schreiben werde, zu baldigem Andenken empfehle. – Alles hergegen, was sich in diesem buch Schlechtes und Mittelmässiges findet – und das wird wohl bei weiten der grösste teil sein – das dedicire ich hiermit in tiefster Devotion der hohen Ottomanischen Pforte, einmal, weil es doch so hübsch lässt, einen Monarchen zum Patron zu haben; zweitens, weil Seine Hoheit der Grosssultan, wie ich von guter Hand weiss, kein Wörtchen Deutsch verstehen.) Alle die Leute, von denen ich vor dieser meiner Dedikationsparentese redete, und alle ihres gleichen, müssen wohl keine schöne Geister sein, weil man alles was sie schreiben, ganz ordentlich verstehen kann, ob man gleich zuweilen seine Sinne ein wenig zusammen nehmen muss. Wobei ich doch nicht unterlassen kann anzumerken, dass ich mich darum just für kein Pfefferkorn1 gebe. Ich mag auch überall kein Pfefferkorn sein; lieber denn doch noch ein Gewürznägelein, das reucht und schmeckt doch besser, und ist darum doch pikant. Denn ich habe mich all mein Tage vor übler Gesellschaft gefürchtet, und wenn das Sprüchwort wahr ist, welches die Gewürzkrämer entscheiden mögen, so ist Pfeffer und ein gewisses ekelhaftes Ding mehrenteils unter einander gemischt. Und gesetzt ich entginge der Gesellschaft, so wäre ich damit noch nichts gebessert, zerstampft zu werden, um etwa ein Topf voll Kartoffeln zu würzen.
Aber was wollt ich doch sagen? – Das ist meine Unart, wenn ich eine Vorrede schreibe, dass ich manchmal von meinem Zwecke so leicht und so weit abkomme, dass ich mich kaum wieder zurecht finden kann. Was ich für Unarten habe, wenn ich ein Buch schreibe, das magst Du, lieber Leser, selbst ausfündig machen, denn ich selbst weiss es noch nicht recht. – Also, was ich sagen wollte: Unter der Sonne ist nichts so gross und so klein, davon nach einiger Leute Meinung nicht schon Bücher gemacht wären. Diese einige Leute müssen doch wohl nicht recht zugesehen haben; denn ich habe in allen Buchladen fleissig nachgefragt, aber vom Junker Siegfried hat noch, so lange der Wind wehet und der Hahn krähet, keine Seele ein Buch geschrieben. Es kommt auch sonst noch diess und das in diesem Büchlein vor, das anderwärts wohl noch nicht gesagt sein mag, aber freilich auch wohl nicht recht weit her ist. Auch präsentiret sich neben etlichen bekannten Physiognomien wohl ein und andres Gesicht, das noch keinem Maler gesessen hat. Nun kömmts nur darauf an, ob der Edelmann im Pommerlande Mannes genug sei, dem Publikum gefallen zu können, oder nicht? Und das überlassen wir dem Publikum und ihm, unter einander auszumachen, ohne den guten Mann und die armen Wichtlein die