1779_La_Roche_065_98.txt

"O, der Vater und die Mutter!" riefen sie und liefen davon. Nanny schrieund ich trug sie, so schnell ich konnte, den Andern nach. Da ich aber die Eltern erblickte, die ihre Trage niedergesetzt hatten und mit staunender Miene der Erzählung ihrer zwei Kinder zuhörten, die beide zugleich sprachen und das Geld, dann auch mich zeigten: so ging ich etwas langsamer. Die Nanny aber wollte zu ihrer Mutter. Ich liess sie also hinlaufen. – Die Mutter hatte mich ängstlich betrachtet, so lange ich ihr Kind auf den Armen hatte. Sie fasste es herzlich in die ihrigen, und Nanny, wie ich bemerkte, erzählte ihr auch etwas. – Mann und Frau sprachen da mit einander, und ich näherte mich ihnen. Beide untersuchten meinen gang und person, so wie ich auf ihre Gestalt und Physiognomie aufmerksam war. –

Der Mann hat etwas über 30 Jahre, ist gross, wohlgewachsen, aber sehr hager; eine männliche und redliche Bildung, schöne braune Augen und Haare, viel Entschlossenes in seiner Stellung. ––

Die Frau mitler Grösse, – schlang, eine sanfte leidende Mine, süsse blaue Augen; aber ihre feine Haut ist von der Sonne verbranntund sie ist auch, wie ihr Mann, durch Kummer und Arbeit schmächtig geworden. Freude und sorge druckte sich in ihrem Gesicht aus, als ich so nah kam, dass ich sie anreden konte. – Aber die Gruppe rührte mich zu Tränen. – Die Frau hielt ihre Nanny an einer Hand und breitete zugleich ganz instinktmässig den einen Arm über den kleinen Korb in welchem ihr Säugling schlief. – Der Mann befestigte geschwind den einen Fuss der Trage an dem abhängenden Boden mit einem Stein.

Lotte kam zu mir – "Ich habe mein Geld der Mutter gegeben; – und ich meins dem Vater" sagte der Knabe. ––

"Ihr seid auch gute Kinderund habt gute Eltern," –– sagte ich freundlich und bewegt. Indem ging der Mann um die Trage herum nahm seinen Hut ab und machte mir mit Anstand, und einem Ausdruck von Zuversicht auf seine Rechtschaffenheit, eine Verbeugung, sah mich fest an, und sprach: "Ja, meine Frau, unsere Kinder haben uns das Geld gegeben, so sie ihnen schenkten. Wir danken Ihnen dafür. Aber ich bekenne, wir sind doch über Ihren Besuch und Ihre Güte unruhig. Es kommt niemand zu uns, besonders keine Frauen." ––

"Ist Herr von Pindorf aus W** niemals hier gewesen?" fragte ich, indem ich wünschte und hoffte, dass er der gute Herr sein möchte, von dem mir die Kinder gesagt hatten. – Ihre Gesichter erheiterten sich bei seinem Namen. – E r i s t s – O , m e i n e F r e u n d i n , E r i s t s ! ––

"Ja, meine Frau," antwortete der Mann "dieser ist voriges Jahr viermal bei uns gewesen und hat uns Gutes getan. Aber er wollte niemand von unserm Aufentalt sagen." ––

"Er hat es mir, aber sehr weit von hier, gesagt; denn gewiss dachte er nicht, dass ich jemals hieher kommen würde. – Mir ist leid, dass er sich nicht in W** befindet. Aber ich will ihn erwarten." –

Sie sahen sich und mich an. Der Mann fragte mit bescheidenem Ton, wer ich wäre? "Eine Engländerinn, reich, aber redlich bei meinem Golde, wie ihr bei der Armut." – Beide schlugen die Augen zur Erde, mit einem übergehenden Strahl von Hoffen und Nachdenken.

Meine grösste Angelegenheit war nun, ihnen lieb zu werden, so wie sie mir wert waren. – – Der Mann sagte: "Es ist wahr, meine Frau, wir sind arm, aber gewiss ehrlich und treu." – Er blickte seine Frau an, die ihm die Hand reichte und in Tränen zerfloss. – Dieses bedrängte meine Seele; und in der lebhaften Bewegung erhob ich meine hände gegen Himmel und rief aus: "O Gott! du kennest mein Herz; schenke mir das Vertrauen dieser Familie. – Meine Freunde", indem ich mich gegen sie wandte, und meine Armen gegen sie streckte, "öffnet mir eure Herzen! Gewiss, ach, gewiss wird es Euch niemals gereuen."

Nun kamen dem Mann Tränen ins Auge. Er umfasste seine Frau, aber etwas zitternd. "Lotte! liebe Lotte! wir trauten immer auf Gott. –– Vielleicht" – Er hielt inne, konnte nicht mehr sprechen. –– Sie liess ihre Kinder los, fasste beide Armen ihres Mannes, und ihr Kopf sank auf seine Brust. Die guten Kinder wussten nicht, was das alles bedeutete, wurden bewegt und hielten sich zusammen.

Ich umfasste alle Dreie. – "Liebe Kinder! bei eurer Unschuldbei dem Weh Eurer Eltern, gelobe ich Euch allen meine Liebe und hülfe." ––

Ich küsste sie und ging zu den Eltern, die mit ihren weinenden Augen gegen Himmel blickten; nahm von jedem eine Hand; "Liebe Redliche! nehmt mich zu Eurer Freundin; ich werde Gott für Eure Bekanntschaft –– und Eure Liebe danken."

Sie seufzten Beide und sagten zugleich: "O, Gott!" – "segne uns," fetzte ich hinzuDarauf schwiegen wir alle einige Augenblicke. Dann fing ich an: "Wir wollen vollends