ich ihrer Tugend und Einfalt nicht schädlich bin: so baue ich mir zwei Zimmer zwischen den noch stehenden Mauern des Schlossgangs und wohne einige Zeit hier. – Dies, Rosalia, sagte mein Herz, mit mehr Gefühl von Wahrheit und Begierde als jemals in mir war. ––
Ich fragte den Knaben, ob er das Geld kenne, so ich ihm gegeben?
"Nein, – aber er hätte solches schon gesehen; der gute Herr habe seinem Vater vorigen Sommer wie er weggangen, vier solche Stücke gegeben." ––
"Wie ist denn der gute Herr zu euch gekommen?"
"Ei, den Weg, wie Sie. – Aber er ist geschwinder berauf gestiegen und hat sich nicht so an den Steinen gehalten, wie Sie es machten." ––
Indem kam ein vierjähriges Kind aus der Hütte und rief: "Lotte, Lotte, mein Brodt!" – Lotte suchte gleich in ihrem Sack und zog ein Stückchen heraus, sah es traurig an, und dann ihren Bruder. – "Carl, wir haben zuviel davon gegessen" – Ich war froh, aus der Dorfschenke ein grosses Stück Brodt mit mir genommen zu haben – und schnitt gleich drei Stücke davon, die ich den Kindern gab. Die zwei älteren liefen dem Jüngern zu, das über meinen Anblick gestutzt hatte und nicht mehr rief. – Ich blieb auf meinem Platz und sah, dass die zwei Grossen dem Kleinen freundlich zuredten, das Brodt gaben, auf mich wiesen und ihm auch das Geld zeigten. Es verlangte ein Stück. Der Knabe gab ihm seines und nahms bei der Hand um es zu mir zu führen. – "Da Nanny, die Frau hat uns Brodt und Geld gegeben." ––
Ein holdseliges Mädchen ist diese Nanny; fein gebildet und noch ganz weiss. Ich gab dem Knaben ein ander Stück Geld und teilte noch etwas Brodt unter sie. Mein Messer, aus einem schönen Futteral gezogen, ergötzte sie sehr. Ich sezte mich auf einen Stein nahm die Nanny auf meinen Schooss wies Ihnen meine Uhr, und liess sie schlagen. Neues Staunen für sie! – Ich hielt sie jedem an das Ohr, – und da sie die Begierde zeigten, sie von innen zu sehen, machte ich sie auf und erzählte alles mit kurzer deutlicher Auslegung. Als ich sagte, ich könnte da sehen, wie lange die Sonne bei uns bleibe, und wie bald sie wieder komme, fiel der Knab ein: "O, das weiss ich auch! Jetzt scheint sie des Morgens um vier Uhr in unser Fenster; da steht der Vater auf, betet, und dann fort zur Arbeit. – Zu Mittag scheint sie bei dem alten Turm herein, und da essen wir, –– und Abends geht sie dort bei dem Berg unter, zu den andern Lemen; da stehen die auf und wir legen uns schlafen." – Alle dies wurde mit der wahresten kindlichen Geberde erzählt, wobei er immer den Ortzeigte, von dem er sprach. –
Lotte sah rund am Himmel umher, und zog ihren Bruder am Ermel. "Sieh doch, Carl, hellt Nacht wird der Himmel gewiss schön. – Die Frau soll da bleiben. – Alle die Wolken," sie wies mit ihren Händen darnach, "werden lauter Gold – und rot und blau, wie des Vaters Blumen." ––
"Ja," sagte der Knabe munter und treuherzig, die Hand auf meinen Arm legend, – "bleiben Sie da! – Im Tal und im Dorf sehen Sie den schönen Himmel, wo Gott wohnt, nicht so wie wir." ––
"O, wir sind auch viel näher bei Gott," sprach Lotte, und faltete dabei ihre hände, mit einer unnachahmlichen Wendung ihres Kopfs und der Augen gegen Himmel. – Ihr blick und der Ausdruck ihres ganzen Gesichts war reine kindliche Freude, über den nahen Wohnsitz eines guten Vaters. – Ich umfasste sie, mein Auge war auch gegen Himmel erhoben, mit dem Gedanken: "O Gott! nirgends kanst du bessere Geschöpfe haben, als diese sind!" – Ich fuhr zu ihnen fort: "Liebe Kinder! ich will bei euch bleiben; wolt ihr mich haben?"
"Ja ja sagten die älteren" und legten vertraulich ihre hände auf meinen Arm. "Aber," der Knabe sah gegen die Hütte "es ist kein Platz in der Hütte." ––
"Ei bei dir, sagte Lotte, ist viel!" – "Seid ruhig, ich will euren Vater und Mutter bitten, dass sie mir Platz geben," –– das war ihnen Recht. Sie betrachteten meinen Stock, meinen Hut, wunderten sich über meine langen Haare, die ich nur zusammen gebunden hatte. Ich zeigte ihnen mein Fernglas – und hiess sie durchsehen. –– Lotte sah gar nichts, sagte sie, – und der Knabe gabs mir wieder, drehte seinen Kepf munter herum und lachend sprach er: "Ich sehe so viel mehr; durch das Rohr da, sah ich nur ein klein Stückchen," und mass es mir an seiner Hand vor. – "Aber ohne dies Glas hätte ich euch nicht gesehen, sprach ich, – und wäre nicht zu euch kommen." – Darüber betrachteten sie mein Fernglas und berührten es mit der Spitze ihrer Finger, mit einem Ausdruck von Freundschaft und vermischtem Zweifel. – Im nehmlichen Augenblick hörten sie pfeifen und, Carl! – Lotte! rufen.