die Stadt und Bekannte, als die ältere. Meine Phantasie diente auch ihr, indem ich sagte: dass ich meinen Namen verändern und zu einer grossen Dame als Kammerjungfer gehen würde, deren Gunst ich mir, durch meine Geschicklichkeit in Putzsachen, durch meine Aufmerksamkeit, meinen Verstand und sehr eingezogenes Leben dabei, sobald erwerben würde, dass ihr niemand lieber sein sollte, als ich. Dann suchte ich allen im haus Gutes zu tun, das Eine zu entschuldigen, das Andre zu warnen, dem Dritten eine Belohnung zu erhalten. Meine stimme, meine Mandor, hielt ich lange verborgen; spielte und sänge nur, wenn fast Niemand zu haus wäre. Jeder Schritt, den ich täte, müsste durch Klugheit, Tugend und Güte bezeichnet sein; machte mich aber mit Niemand, als mit meiner Dame vertraut, für deren Ruhe, Anmut und Nutzen ich aufs äusserste bedacht wäre; so dass ich ein wichtiger teil ihrer täglichen Glückseligkeit würde, und im ganzen haus als Wohltäterinn verehrt wäre. – Bei dem sanftesten Gemüt, die sorgfältigste Hochachtung für mich selbst; und ehender die Bemühung, meine Reize zu verbergen, als zu zeigen. – Gern ging 'ich, wo Kinder wären, denen ich Blumen mahlte und dann es sie auch lehrte. – Wie viel Nützliches und Rühmliches könnte ich nicht da tun! – – Das Romantische des verborgnen Namens, der halb versteckten Schönheit, der Verehrung wegen ihrer Güte, und das Staunen über ihre lang heimlich gehaltene Mandor und artige stimme, trocknete auch dieser ihre Tränen. – Mein Oheim und ihr älterer Bruder besorgten durch auswärtige Freunde beide Plätze. Aus dem Häuschen, worinn die ganze Verlassenschaft bestund, wurde so viel gelöset, dass sie sich ihren Absichten gemäss aussteuerten und ein Paar hundert Gulden zum Notpfennig behielten. Die Jüngere ist gar herrlich geworden, weil sie, im ersten Jahr ihres Diensts, mit ihrer Wiener Dame nach Brüssel kam. Der zweite Sohn ging in Kriegsdienste, die der Dritte auch ergreifen wollte, wenn er erwachsen wäre. Der Aelteste, der eine kleine Pfründe besitzt, nahm ihn zu sich: und so wurden diese Kinder alle, durch den kleinen sanften Bug ihrer Eigenliebe, glückliche und nützliche Menschen; besonders die Mädchen, von denen ich Ihnen noch dank- und liebevolle Briefe weisen könnte. –
Julie soll ihren Freundinnen schon jetzt von der Lebensart, die sie einst führen müssen, mit Hochachtung reden, und sie durch sanfte Stufen hinunter leiten, ihren mässigen Unterhalt in der Ebene anzupflanzen.
Zweiter teil
Vier und sechzigster Brief
Madame Guden ist eine sonderbare Erscheinung in unsrer Weiberwelt. Ich habe Ihnen geschrieben, dass sie niemand suchte, als unsere beiden Mahler und den Kupferstecher. Nun kann ich Ihnen melden, warum sie dieses tat.
Ich fand sie heute munter, und glänzend von inniger Freude. Sie ist schön, sehr schön, wenn die Farbe der Heiterkeit des Geistes ihre Züge belebt. – Sie umarmte mich zärtlicher, als jemals. –
"Meine Liebe. Sie müssen heute eine gegenwärtige und zukünftige Freude mit mir teilen. Ein edles Herz kann nichts allein geniessen. Ich fühl es, ich muss einen Freund, oder eine Freundinn haben, denen ich sagen kann:
i c h b i n i m P a r a d i e s e ." ––
Sie führte mich in ihr Zimmer; da waren drei Kasten von Pappendeckeln auf einem grossen Tisch – Sie wies darauf.
"Hierinn, Rosalia! ist Erndte und Saamen von Glückseligkeit für mich." –
Ich antwortete ihr, dass ich sehr erfreut wäre, dieses zu hören; denn so geniesse sie auch einmal, was sie Andern gäbe. – Sie drückte mich mit einem Arm an sich, mit dem andern hob sie einen Deckel auf, und nahm ein Papier weg. Da sah ich das Bild eines blühenden Baums und die Aufschrift – F r ü h l i n g s B i l d e r – für den ältern Sohn des Herrn von Pindorf. Sie blickte dabei durchdringend auf mich. ––
"O, Madame Guden! wo ist Ihr Zorn gegen Pindorfen hingekommen!" – "Zorn! Rosalia, Zorn? – Ist der Schmerz der Liebe Zorn? Oder glauben Sie, dass aus einer Seele, wie die meinige, eine leidenschaft so leicht auszurotten ist? – Was wäre meine Liebe gewesen, wenn ich nicht Entschuldigung der Fehler, die mich beleidigten, gesucht – und einen Schleier über das mangelhafte Stück meines Götterbilds geworfen hätte! – Vielleicht ist auch ein kleiner Anfall von Rache dabei. Denn wenn schon der Ton der Bilder und die reichen Geschenke, mit denen ich sie begleiten werde, dem Herrn von Pindorf ein Beweis meiner daurenden Zärtlichkeit sein müssen, so sagen sie auch zugleich: dieses gefühlvolle Herz, – dieser erfinderische, geschmakvolle Geist und das Vermögen dieser Frau wäre dein und deiner Kinder gewesen, wenn du den wahren Wert dieser Liebe erkannt hättest. – Das mag aber sein wie es will; mein Gedanke ist vortreflich geraten, und die fünf Leute, so daran arbeiteten, stehen nun zusammen, um dies, was ich zeichnen und mahlen liess, in Kupfer zu stechen und damit zu handeln. Von mir haben sie so viel verdient, dass sie den Verlag bestreiten können – Sehen Sie, der gute Erfolg meiner Erfindung und die Aussicht auf den Gewinst dieser Leute ist Erndte. Dies, was in dem Geist der Kinder von Pindorfs an Kenntnissen und an Freude ihrer Herzen