Nachgeäfte verworfen, und sogar eine eigene Kleidungsart eingeführt werden wird. Wir haben einzelne Beweise genug, zu was für einer Höhe der Vollkommenheit des Gründlichen und Schönen der Deutsche in Wissenschaften kommen kann. Und wenn wir, wie Franzosen und Engländer es tun, natürliche Fähigkeiten, deren jede Nation eigentümlich ausgezeichnete besitzt, mit Vaterlandsliebe, hauptsächlich allem Fremden vorziehend, anbauten und zur edlen Stärke und Schönheit erhöheten: so vergrösserten wir unser eigenes Verdienst; hätten eigene Freuden, eigenes Glück. Die Hochachtung anderer Völker wäre Tausch gegen die unsere; und nicht, wie jetzt, unser Beifall ein Tribut, den wir ihnen schuldig zu sein, und der ihrige ein Geschenk, so sie uns zu machen glauben. Aber wir verzehren einen grossen teil unserer Urkräfte im Nachahmen, und werden, wenn es hoch kommt, als Lehnträger fremder Güter angesehen. Wir verbrennen halbe deutsche Wälder, um einige schmachtende fremde Pflanzen in unsern Glashäusern zu haben.
drei und sechzigster Brief
Rosalia an Marianen.
Hier ist Madame Guden Antwort auf meine Anfrage wegen der zwo Freundinnen von Julie Otte; und ich bitte Sie, mir ganz zu schreiben, was Sie darüber denken. Ich fühle dass mich diese Frau so sehr eingenommen hat, dass ich alles gut, alles richtig finde, was sie sagt und vornimmt. Sie haben dieses Vorurteil nicht, und können also den wahren Wert ihrer Ideen viel besser bestimmen, als ich. Sie wissen auch dass, so sehr ich die van Guden liebe, dennoch Ihr ruhiger und gesetzter Geist alle Obermacht über meinen Glauben und Unglauben behalten hat, und dass mir nichts wahrhaftig wert, oder verwerflich wurde, ehe Sie nicht das Gepräge der achtung oder Geringschätzung darauf gelegt hatten. Nun lesen Sie die van Guden selbst.
Frau Guden an Rosalien.
Sie wissen doch, Rosalia, dass alle arbeiten, die man ungern vornimmt, ganz genaue Züge des Zwangs behalten, den man sich bei dem Gedanken und der Ausführung auflegen musste? – so ging es mir wirklich bei der sonderbaren Foderung, die Sie an mich taten, mich in den Platz junger Frauenzimmer zu setzen, deren Glücksumstände geringer, als das Ehrenamt ihres Vaters sei. –
Ich glaube Ihre Absicht erraten zu haben. Diese Frauenzimmer werden von der Vorstellung des wenigen Vermögens gedrückt, und leiden in ihrem Gemüte. Sie mochten dieses heben, und vermuten in meiner Einbildungskraft ein Hülfsmittel zu finden; denn Sie sagten mir ausdrücklich dass Sie nichts als geistige Handreichung haben wollten. Vergessen Sie nicht mein Kind, dass alles, was der Reiche und glückliche dem Armen und Leidenden nur als Rat und Trost sagt, sehr wenig Würkung hat; ausgenommen das Bezeigen persönlicher achtung, weil dieses der natürlichen Eigenliebe gefällig ist – Die königin Christine sagte ganz richtig: "Eine edle Seele adelt alles, was sie ist, und was sie tut; den Gebrauch des Reichtums und das Ertragen des Mangels." – Wenn man bei geringen Umständen den Mut hat, sich zu sagen: Wir brauchen Nahrung und Kleider, unsern Körper zu erhalten und zu decken; die Bedürfnisse der natur sind mit wenig speisen und Gewand befriedigt; und da mir das Schicksal Menge und Kostbarkeiten versagt: so will ich mit dem genauen Notwendigen vergnügt sein, und meine Begierde nach Besitz eines Mehreren auf die Seite wenden, wo es in meiner Gewalt ist, es zu erlangen. – Tugenden des Herzens, Aufklärung des Geistes, Geschicklichkeit in arbeiten, Liebenswürdigkeit des Gemüts, Reinigkeit und Würde meiner Sitten, Artigkeit meines Umgangs, nette und bescheidene Zierde meiner person, – all dies ist mitten in den geringen Umständen, worinn ich mich finde, zu erlangen und auszuüben. Der Reichere uns Vornehmere als ich, mag sich aller Gattung von Aufwand überlassen; Kaufmann, Künstler und Handwerker leben davon. Vorurteile haben auf das äusserliche Ansehen Wert und Unwert gelegt. Aber ein fester unabgeänderter gang auf dem Wege der Verdienste und Bescheidenheit, erwerben die achtung der edelsten Seelen und ihre Freundschaft. Dies, mein Kind, wäre die Sprache meines Muts, und dieser Ton würde den Ausdruck meines Charakters und meiner Physiognomie sein. Der Anblick des prächtigen und Reichen würde mich nicht kränken und nicht demütigen, Ich zeichnete mir einen eigenen Zirkel. In diesem erschiene keine Klage, keine düstre Miene. Nützliche, ehrenvolle Verwendung jedes Augenblicks meiner Tage; Fleiss auf schöne arbeiten, die ich dann gegen Notwendiges, ohne viel ängstliches Wählen umtauschte; alle meine Begierden auf das äusserste beschränkte, und mich in der Wahl meiner Freunde doppelt sorgfältig zeigte. Daneben aber müsste mir jedes moralische Verdienst eigen werden, das mich entweder einsam wegen des Mangels auserlesener Gesellschaft schadlos halten, oder mich in dieselbe einführen würde. –
Meine Sitten, Geberden, Unterredungen und Beschäftigungen, müssten beständige Beweise meiner Erziehung und meines Standes sein, so wie auch die Form meiner Kleidung, mein Geschmack und Bezeigen. Nur der einfache Stoff, die sanften, stillen Farben, und haushältische Aemsigkeit, dürfen den Abgang des Vermögens andeuten. –
Ich wäre gewiss, Rosalia, dass dieser Gebrauch meiner Umstände, wenn ich niemals davon abwiche, mir achtung, Freunde und inneres wahres Vergnügen geben würde. Je artiger meine Figur, je seltener zeigte ich sie; scheute keine Gesellschaft, aber drängte mich auch in keine; niemals am Fenster, niemals in Comödien und auf grossen Spatziergängen, auf keinem Ball; trüge die grösste Sorgfalt für den Ruhm eines untadelhaften Lebens; wahre ruhige Gottesfurcht, kein Gepränge von Frömmigkeit, machte keine Besuche, als wo man