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Freiheit ihres Tons und ihrer Handlungen erlauben. Und da wäre es ja möglich, dass sie zu der Art Leuten gehörte, die in einem grossen unbeschränkten feld, mutige, edle Schritte und Bewegungen machen, in einem kleinen umzäunten Höfchen oder engen Zimmerchen aber, so gezwungene kleine Tritte, Beugung des Kopfs, und Uebereinanderschlagen der arme vornehmen, dass Jedermann das Unschickliche oder Unangenehme davon in die Augen fallen müsste. Es ist mir beinah auch mehr daran gelegen, was sie für die vier guten Geschöpfe ersinnen wird, als was mich angeht; denn an meinem jetzigen Sein und Wesen könnte und möchte ich nichts ändern. Der Himmel weiss, ob ich Clebergen jemals wieder sehe, oder ob er mein bleiben wird? Ich war freilich seine erste Liebe, wie er die meinige ist: aber seine Reisen, sein Platz als Gesandtschafts-Sekretair, müssen ihm hundert Gelegenheiten gegeben haben, liebenswürdige Frauenzimmer kennen zu lernen. Kann ich fodern, kann ich hoffen, dass mein Andenken, dass die Gesinnungen, die er für mich hatte, immer gleich wachsam für mein Glück, bald der überraschenden Gewalt einer neuen Schönheit, bald dem sanften Einnehmen der stillen Anmut, oder den Reizen des Geistes, der Tugend und Talente, Widerstand tun werden? – O Mariane! ich schreibe selten von Cleberg, rede gar nicht von ihm. Aber denken; seine Briefe an meinen Oheim, an mich, zehnmal lesen; ausspähen, ob nicht eine kleine Anzeige von Aenderung oder Frost darinnen sei, wie eifrig geschieht das! Auch suche ich mit Sorgfalt die Spuren seines Geschmacks auf, und bitte meinen väterlichen Freund um Bücher, oder Unterricht darüber, damit der arme Cleberg nicht einst alles entbehren müsse, was er jetzt in auswärtigen Gesellschaften mit so vielem Vergnügen geniesst. Mein Oheim hat mich darin aufmerksam gemacht; denn die ausserordentliche Unwissenheit seiner Frau, mit welcher er niemals etwas Vernünftiges, das ihn freute, sprechen konnte, da sie an seinem Wissen und an Sachen, die ihn ganz beschäftigen, nicht den geringsten Anteil nahm, hatte ihn aus seinem haus gejagt und herum schwärmen gemacht; worüber sie zürnte und sich grämte, dadurch aber auch ihre schwächliche Gesundheit abzehrte und ohne Kinder starb.

Dabei sagt aber mir mein Oheim oft: "Gelehrt will ich Dich nicht haben: nur den Geschmack des Wissens und ein vernünftig zuhörendes Aussehen, wenn von der geschichte, der Physik und andern Kenntnissen gesprochen wird." – Sprachen und Musik stünden einem Mädchen, das zur Frau eines Gelehrten oder guten Negocianten bestimmt wäre, auch wohl an; ich solle aber ja niemals anders, als in einem weiblichen Ton von alle dem reden, was ich auswendig gelernt, oder aufgehascht haben könnte; denn durchgedacht hätte ich nicht viel, wie er glaubt.

Letztin sah er mir eine Zeitlang zu, als ich nähte und mit vieler Nettigkeit an seinen Manschetten besserte. Da sagte er mit seiner wahren Guterzigkeit: "Mädchen! die feinen Stiche Deiner Nadel sind eben so viel wert als der Witz Deines Kopfs."

"Ich möchte wohl wissen, mein lieber Oheim, welchem von beiden Sie den Vorzug geben?" –

"Hum!" sagte er, und sah mich an. "Rosalia! wenn ich ein Alltags Oheim wäre, und Du ein gewöhnliches Mädchen: so wählte ich gleich. Aber, da ich weder den Eigensinn der Haushälter, noch die Eitelkeit der schönen Geister habe, die Euch entweder nichts als Handarbeit, oder nur Witz, Poesien und feine Kenntnisse erlauben wollen: so sage ich Dir, dass es mir leid wäre, in einem Mädchen Deines Standes und Deiner Aussichten, eines von beiden zu missen, da beide beisammen sein können; weil der Unterricht und die Uebung in Haushaltswissenschaften die Du brauchst, und die Umstände Deines Vermögens, Dir Zeit und Recht genug geben, um auch Deinem verstand die Kenntnisse und Wendung zu erwerben, durch die er sich in Deinem Zirkel zeigen kann. Die Tochter, Nichte und Braut eines Gelehrten ist sogar verbunden, Etwas zu wissen. Denn mit guter Einteilung der Zeit und Gebrauch ihrer Talente können Mädchen, wie Du, neben den schuldigen und vorzüglichen Geschicklichkeiten in Wirtschaftssachen, auch Muse genug finden, Himmel, Erde und Menschen kennen zu lernen, um deutliche Begriffe von Allem zu haben, was die Welt Gottes in sich fasst, auf der sie als unsere Freundinnen und Gesellschafterinnen mit uns leben. Denn Ihr sollt eigentlich den feinsten und süssesten teil unserer Glückseligkeit besorgen, welches ihr ohne einen geläuterten Geschmack und Empfindungen nicht tun könnt. Wenn Ihr aber ganz und gründlich gelehrt würdet, so ginge diese Absicht, neben der von der Schöpfung, an Euch verlohren. Denn nicht nur der Reiz, den grosse Kenntnisse in sich haben, der zur Ersteigung ihrer Höhe ermuntert, sondern auch Eure weibliche Eitelkeit, würde Euch zu weit locken; und da versäumtet Ihr alle die unschätzbaren Verdienste der guten Mutter in der Kinderstube; der guten Haushälterinn; das leichte, artige Geschwätz, in den gesunden Tagen des Mannes, und die zärtliche Geschicklichkeit einer liebreichen Krankenwärterinn, die, zusammen gefasst, gewiss mehr wahren Wert für die gesellschaftliche Glückseligkeit in sich haben, als wenn eine Frau alle vier Hauptwissenschaften besässe." –

"Sie haben Recht, lieber Oheim. Aber doch, wenn ein Frauenzimmer alle Fähigkeit, die zur Fassung der hohen Kenntnisse, und alle Stärke des Geistes, die zum anhaltenden Nachdenken darüber nötig ist, nebst der Begierde, sie zu erlangen, in sich