im Sand und Schlamm fortlief, bis sichs in den Bach goss. Sie liess nachgraben, und man entdeckte zwei Wasserfäden, die nur eine Spanne von einander schwesterlich aus einer Steinritze fliessen. Diesen Stein liess sie unten ganz sanft etwas einwärts abhauen, und auf den Boden einen ungearbeiteten Stein legen, und nur so aushöhlen, als ob das wasser durch die Länge der Zeit solches selbst verursacht hätte. Aus diesem läuft es in einen mit Kressen bewachsenen Graben, wie vorher in den Bach. Gegen Mittag hat sie Erde aufhäufen lassen und mit schnellwachsenden Standen besetzt; auf der andern Seite einen halben Zirkel eingegraben und auch Bänke hingebracht. Man wusste lange nicht, warum sie durch kleine Kinder, die nicht arbeiten können, eine Menge weiser, hell und dunkelgrauer Kieselsteinchen sammlen liess. Endlich waren sie dazu bestimmt, den Stein zu kleiden, welchen sie über das Quellchen setzen liess, um das Nachfallen der obern Erde zu verhindern. Der Stein wurde mit einer Art Kütt dicht bestrichen, und ein liegender zerbrochener Wasserkrug just über dem Ausfluss des Quellchens darauf gezeichnet, und nach der Zeichnung die kleinen Kiesel eingesteckt, die nach ihren verschiedenen Farben Licht und Schatten machen und recht artig täuschen; indem noch weiter oben, von nemlicher Arbeit, ein Stück zerfallnes Geländer und Stiege nachgeahmt ist. Auf der Seite, wo die Bänke sind, ist auch gegen das Nachfallen des Grundes eine niedrige Mauer aufgeführt, und auch diese mit Kütt überzogen, mit weissen Kieseln besteckt und mit schwarzen Steinen darin: Komm, Müder! ruhe und erquicke dich. – Allerlei Kräuter sind oben und auf den Seiten gepflanzt. Da nun Raum genug für zehn bis zwölf Personen ist, so macht das Ganze einen herrlichen und freundlichen Anblick für die Vorbeireisende, deren schon viele halten liessen und den so liebreich einladenden Brunnen betrachteten und lobten. Ich bin einigemal mit ihr und andern hier auch spatzieren gegangen. Es ist mir unendlich schätzbar, als diese Tätigkeit und dies Erschaffen in der Seele einer person von meinem Geschlecht zu sehen. Madame van Guden hat sich einen grossen Zirkel von Wirksamkeit vorgezeichnet. Ihr Bilderbuch aber, sagt sie, macht ihr die meiste Arbeit, weil sie in Allem, was Pindorfen angeht, Vollkommenheit hervorbringen möchte. –
Dieser Lustplatz hat sie sehr ergötzt, und sie hörte und sah gern, dass ich in Allem beistimmte und mit ihr genoss. Zweimal musste ich im Mondschein mit ihr hinaus. Süssere Melancholie habe ich niemals gefühlt, als die Augenblicke, wo ich mit ihr auf einer der Steinbänke sass; und schweigend, wie sie, die schlafende Gegend betrachtete. Ihr Gesicht war voll Ausdruck einer tiefen Rührung. Mit einem halb unterdrückten Seufzer sah sie den Mond und dann mich an. Eine Träne schwamm in ihrem Auge. Sanft umarmte sie mich, legte ihren Kopf leicht auf meine Brust, und lüsste ein Paarmal meinen Hals, aber auch nur ganz leise. In diesen Augenblicken redet man nicht durch Worte. Ich verstand sie und freute mich über den Wert, den sie auf mich legte. Wenn ein gepresstes Herz sich an ein redliches, teilnehmendes Herz anlehnen und atmen kann: o, da ist ein Mensch viel für den Andern; da fühlen sie mit einander Wohl und Weh der Menschheit; einzeln ohnmächtig gegen Uebel, vereint aber vermögend, ihre Empfindung und Kräfte zu verstärken und fortzukommen. – Endlich erholte sie sich, küsste mich lebhafter und sagte: "Liebe Rosalia, ein eigensinniges Herz ist ein grosses Gegengewicht gegen alles, was Schicksal und natur zu meiner Glückseligkeit bestimmten. – Heute hat diese Wagschaale stark übergezogen. Gestern war ich viel glücklicher, als ich allein hier gegen Abend spatzieren ging, und in Wahrheit, zufrieden mit mir selbst, den Wunsch tat, dass ich den Einwohnern der Vorstadt, wie ich ihnen mein Gold mitteile, auch das Gefühl meiner Seele möchte geben können, welches die aufund niedergehende Sonne, Mondschein und Sternhimmel mir geben. Könnte ich doch auf dem Spatziergange, den ich anlegte, Empfindungen für die schöne natur, mit den einfachen Blumen aufwachsen machen, damit bald die hohen, schattigten Linden, und der schöne weisse Hagedorn, bald das mannigfaltige Gras und Kräuter, so ihre Kühe nähren; der Bach, so sie beide tränkt; reine Luft, blühende Bäume, volle Saaten, ein kühler erquickender Wind, ihnen den seligen Gedanken eines väterlichen Gottes geben möchte, der diese besten Freuden des Lebens Armen und Reichen gleich austeilt, und alle Jahre mit dem Frühling erneuert! – Ich habe deswegen den Platz auf der Seite der weitesten Aussicht erhöhet und da die Steinbänke gesetzt, damit sie Abends, mir der anfangenden Ruhe ihres Körpers, den süssen, wohltätigen Frieden in sich saugen mögen, der auf den fruchtbaren Gefilden ihres mütterlichen Bodens herrschet. – Aber, Rosalia, dieser Wunsch wird auch nur stückweise erfüllt werden, wie meine Empfindungen auch wechselsweise stärker und schwächer sind." –
Ein und sechszigster Brief
Frau van Guden blieb dabei, mir nicht mehr als zwei Tage der Woche zu geben; und ich bleibe dabei, sie auf die probe zu stellen, wie sie sich einst in meiner Stelle, als Frau des Herrn Cleberg, und jetzt an dem Platz zweier unverheirateten Freundinnen meiner lieben Julie Otte, betragen würde? Sie muss bei dieser gelegenheit wirklich aus sich selbst heraus gehen, weil sowohl die Umstände, in denen ich mich befinden werde, als auch die von den vier guten Mädchen, ihr weder den willkührlichen gang ihres Denkens, noch die