?" –
"Mein Andenken und mein Briefwechsel, in dem Sie die so oft abändernde Launen nicht finden würden, wie in meinem Umgange." –
"O, Madame Guden, wie ist es möglich, dass Sie mit der kalten Ruhe von dem Schmerze reden, der Ihren guten Vorstädtern und mir durch Ihre Abreise zukäme?" –
"Wenn es wahres Unglück nach sich zöge, so würde ich es nicht einmal denken können. Aber gewiss, es ist Wohltat, wenn man uns unsere Kräfte brauchen lehrt. – Für meine Leute habe ich nichts mehr zu tun; und was ich für Sie sein kann, wird in der Ferne besser geschehen, als in Zukunft hier. Mein Gemüt ist noch zu unruhig. Ich würde bald Ihre Tage verbittern." –
"Das ist unmöglich; denn der Anteil, den ich an Ihnen nehme, ist eine von den süssesten Empfindungen meines Lebens." –
"Ich glaube es. Aber Sie geben mir desto traurigere Besorgnisse, über das Wohlgefallen, das Sie an dem Bilde und den Wendungen einer so stark herrschenden leidenschaft finden. Sie haben alle Anlage, die Sie zu den nemlichen Schmerzen führen kann; und wie unerträglich wäre mir der Gedanke, Ihre Ruhe untergraben zu haben!" –
"Das kann nicht sein; denn es liegt schon alle Gleichheit in uns, bis auf diese, dass mein mir bestimmter Freund auch abwesend, auch in der grossen Welt lebt; dass ich ihn zärtlich liebe, und in meiner Seele tausend Jammer über ihn habe." –
Sie sah mich mit Wehmut an, stunde auf, umarmte mich; eine Träne zitterte in ihrem schönen Auge. – Aber bald fasste sie sich und sagte mit Ernst: "Rosalia! ich habe noch einen Auftritt vor mir; diesen will ich durchsetzen. Sie sollen alles wissen; und ich hoffe dadurch Ihrer edlen Seele nützlich zu werden indem Sie sich alle Merkmale meines Weh's und meiner Schwäche bezeichnen können, um Ihr Wohl desto sorgfältiger zu bewachen." –
"Aber dieser Auftritt, muss er sein? – Wollten Sie mich nicht lieber durch Stärke und Sieg, als durch Schmerz und Verlust belehren?" –
Hier ging sie schnell, aber mit keinem unfreundlichen Wesen, in ihr Cabinet. Es machte mich unruhig. In einigen Minuten kam sie wieder und trat an ihr Clavier, wo sie ganz englisch spielte und sang; mir hernach sagte, sie danke mir, ich hätte sie belehrt und sie wolle Stärke und Sieg suchen; doch eine Reise müsse ich ihr erlauben im Frühjahr zu tun; ihr Leben und ihre Gemütsruhe hange davon ab; ich solle ihr hingegen auch meine Seele öffnen, wie ich schon oft versprochen. Das will ich auch nächstens tun; und da sie fest auf einer Reise besteht, so will ich suchen, sie öfter zu sehen. – Die Frau ist äusserst interessant, und der Herr von Pindorf ist der Mann nicht, für den sie ihn hielt, da er, anstatt gleich nach dem tod seiner Frau nach ihr zu fragen, in Hofstädten und Opern den artigen Herrn spielt.
Sechszigster Brief
Mariane! Menschenfreundlichkeit ist in dem Herzen der Frau von Guden eine unerschöpfliche Quelle von Erfindung geworden. Sie legt einen Spaziergang an. Zu dessen Erweiterung und Unterhaltung hat sie Grundstücke für die Gemeinde der Vorstadt gekauft, wovon eine Wiese, die mit etlichen grossen Bäumen geziert ist, und gleich an der Landstrasse liegt, zum Spaziergang im Grünen; das andre Stück aber, nebst einem daran stossenden schönen Ackerfelde, dem nahe wohnenden Gärtner, wegen Unterhaltung der Bäume und Hecken, zum Genuss gelassen wird; und er hingegen darf seine Milch und Butter im Sommer niemand verkaufen, als den bürgerlichen Einwohnern, die sie im Grünen essen wollen. An dem Bache, der auf einer Seite hinläuft, hat sie, so lang die Lustwiese geht, wie ich sie nennen will, das User allmählich abhängig machen lassen, damit die Kinder im Laufen und Spielen nicht jähling hinein fallen können, und die Gehenden und Sitzenden das Vergnügen haben mögen, den Lauf des Bachs zu sehen. Gegen die Strasse ist ein etwas tiefer Graben gemacht, damit reitende und fahrende Reisende den Platz nicht verwüsten möchten. Es gehen aber vier Brücken darüber, auf deren beiden Seiten Bänke sind, die sie dem Fussgänger gern gönnt. über der Landstrasse, andrer Hand, ist der zweite teil des öffentlichen Lustplatzes, an dessen Ende, gegen die Stadt, des Gärtners wohnung ist, welche aber mit sammt seinem Gemüsgarten, etwas tiefer liegt, und durch eine schöne, aber wildwachsende Hecke versteckt wird, so dass man nur einen teil davon sieht. Unmerklich erhöht sich das Stück, von welchem man eine weite, schön angebaute Landschaft und den von ferne kommenden Bach sieht. Hier liess sie steinerne Bänke setzen und an das äusserste Ende, gegen Mittag, Waldbäume hervorbringen, die schon ziemlich gross sind. Wenn diese fortkommen, so ist es vortreflich, denn sie schützen die Hälfte der Bänke vor der Mittagssonne. Wilde Rosen und einiges Gesträuch, so da war, hat sie heilig schonen lassen, damit es ruhig und in seiner angebohrnen Freiheit fortwachse. Es bekleidet auch just die scharfe Ecke der kleinen Anhöhe, an welcher der Bach dicht hinfliesst, worüber die Landstrasse durch eine brücke fortgeführt wird. etwa funfzig Schritt davon hatte sie das Glück, eine Quelle sehr guten Wassers zu finden, das immer schon aus dem Grase hervor rieselte, aber nur