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wahre Zufriedenheit auch bei geringen Umständen lehret. Aber sie ist nicht mehr, wie sie aus den Händen ihres göttlichen Stifters kam. Süsse und bittre Leidenschaften hindern und unterbrechen ihren Einfluss, wie den von der Vernunft. – Aber lassen Sie mich davon aufhören; ich bin über diesen ehrwürdigen Gegenstand nicht gern in gespräche verwickelt." –

Hierauf sagte ich ihr, dass ich Vorgestern in einer Gesellschaft jemand in grossem Eifer gegen Leute gesehen hätte, die mehr Aufmerksamkeit und Bewundrung für Werke der Kunst der Menschen zeigten, als für die Wunder der Schöpfung; und dass ich gewünscht hätte, sie mit da zu sehen, um ihre Gedanken darüber zu hören. –

"Von diesen hätte ich in einer grossen Gesellschaft am wenigsten gesagt." –

"Aber da ich allein bei Ihnen bin, würden Sie mich sehr verbinden, wenn Sie mir sie mitteilen." –

"Ich halte diesen Tadel für Unrecht; denn der vermeinte Vorzug der Kunst liegt gewiss in dem Gefühl, dass die Werke der natur durch Allmacht und Weisheit eines Gottes entspringen; Künste aber, durch Geschöpfe unsers gleichen, und uns also mehr in Erstaunen setzen müssen, weil wir in dem Augenblicke, da wir sie bettachten, einen so grossen Unterschied des Gebrauchs und der Fähigkeiten der nemlichen Organisation bemerken." –

Hierüber sagte ich mit einiger Bewegung: "O, was für einen Verlust hat die Gesellschaft an Ihnen erlitten! wie viel Licht, wie viel Menschenliebe hätten Sie ausgebreitet! wie sehr hätte man Sie geschätzt!" –

"Das glaube ich nicht, mein Kind; denn der ganze Ton meiner Seele ist zu eigen gestimmt. In wichtigsten Anlässen würde ich immer missfallen und missvergnügt sehen." –

"Sie! – mit so viel Kenntnissen, mit so viel Empfindung, würden gewiss die edelste Hochachtung und Liebe erhalten." –

"Gute Rosalia! was Sie da sagen, beweist mir, wie verschieden unsere Begriffe von Hochachtung, Liebe und Edelmütigkeit sind." –

"Und wie so?" –

"Ach, alle Gefühle meines Herzens hierüber, gehören mit unter die toten Sprachen, die nur die und da ein Geschichtschreiber, oder Altertumsforscher erlernt, um von den Sitten und Gewohnheiten erloschener Nationen zu reden." –

"Zu welchen zählen Sie mich? Denn ich hoffe, Sie sind überzeugt, dass ich Sie von Herzen hochschätze." –

"Ja, meine Liebe. – Aber ich bin doch auch überzeugt, dass ein grosser Missbrauch der Worte: Verehrung, Freundschaft, Liebe, Menschenfreundlichkeit, gemacht wird; dass man ganz geringe Grade der Bewegungen unserer Seele so nennt, und dass dadurch in der moralischen Verfassung eben so viel Uebels hervorkam, als in der politischen entstund, da man geringem Verdienste und vielen schlechten Leuten grosse Titel gegeben hat. Dadurch haben ehemalige Ehrenbenennungen ihre Würde verlohren, und die Triebfedern zu grossen edlen Handlüngen sind gelähmt worden." –

"Erlauben Sie, Madame Guden, dass ich hier mit einem Gleichniss einfalle. Es sind auch in der physischen Welt mehr mittelmässige, als ausserordentliche Sachen; und da trifft also das genaue verhältnis ein, das beide mit einander haben." –

"Ja, das verhältnis ist in allem; Ablass der Sünden und Adel wird mit Geld erkauft; – da ist auch wieder Gleichheit in den wahren Verdiensten des Adels und den wahren Tugenden der Christen." –

Ich sah sie an; und gewiss, meine Blicke fragten sie, was das für eine Stimmung ihres Gemüts sein möge, in der ich sie heute gefunden? – Sie fasste auch diesen blick gleich auf, indem sie lächelnd sagte: "Rosalia, Sie beweisen wirklich, was ich vor einigen Augenblicken anzeigte. Denn Sie staunen ja gar sehr über alles, was ich auf Ihre fragen antworte." –

"Ich staune nicht über die Antworten; aber über den abgebrochenen, starken Ton, in dem Sie reden. – Waren Ihnen meine fragen missfällig?" –

"Nein, meine Freundinn; aber ich kann von diesen Gegenständen nicht leicht reden, ohne dass die Hauptsaiten meines Charakters erschüttert werden. Merken Sie sich nur, dass ich die gelegenheit dazu nicht suchte, und denken Sie, nach dem, was Sie von dem Gange meines Geschicks und meiner Erziehung wissen, dass ich auf diesem Weise notwendiger Weise einen eignen Gesichtspunkt bekommen musste, worinn mir die Sachen so erscheinen, wie ich sie mahle. Und dann ist es auch wahr, dass meine Farben nicht so unmerklich in einander fliessen, wie es bei feinen Schattirungen geht." –

"Aber, Sie wissen doch, wie sehr mir, von dem ersten Augenblick an, Ihre Manier gefallen hat. – Ich fühlte diesen Zug nach Ihnen, als ich Sie Recitativ singen hörte." –

"Ja, es dünkt mich," sagte sie, "dass Sie auch von der Hauptstrasse abgewichen sind, und dass Ihr Fusspfad in den meinigen kreuzte." –

"Ich hoffe noch mehr, denn ich denke, dass wir mit einander fortgehen werden, weil, allem Ansehen nach, diese Stadt mein Wohnplatz bleiben wird; und Sie werden die glücklichen Geschöpfe nicht verlassen, die Sie aus dem Elende zogen." –

"Vielleicht entferne ich mich, um ihnen ein noch grösseres Glück zu geben." –

"In was könnte dieses bestehen?" –

"In der vollkommenen Freiheit, meine Gaben ohne meine Oberaufsicht zu geniessen." –

"Und ich, was würde mir bleiben