dem Glück, so ich geniessen machte, erfüllt; aber es war was in mir, das mich trieb, den Frieden, den ich mit allen meinen Nebenmenschen geschlossen hatte, bekannt zu machen, und mein Kopf hatte nötig, mit Jemand umzugehen. Sympatie sprach für Sie. Ihre Freundlichkeit, die der arme Schuhmacher mir so lobte; die Verlegenheit, in der die guten Leute zwischen Ihnen und mir, wegen der Gevatterschaft waren; die Mühe, die Sie sich nahmen, das Kind selbst aus der Taufe zu heben, anstatt eine Magd zu schicken; Ihre Anrede an die Wöchnerinn; die Freimütigkeit, mit der Sie mich die Begierde merken liessen, mich näher zu kennen; Verehrung und anhänglichkeit, die Sie mir in gleichem Grade zeigten; Aussicht auf Genuss einer edlen Freundschaft; Bedürfniss dieses Glücks, Vergnügen, so ich Ihnen damit machte, öfnete Ihnen mein Herz, je mehr ich den Wert des Ihrigen kennen lernte, – vielleicht auch, weil Sie etwas eben so Sonderbares haben, als ich selbst.
Dennoch, meine Liebe! wenn Einer meiner Vorstädter über Sie geklagt hätte, wenn ich nicht das redliche Lob der guten fremden Jungfer von Ihnen gehört hätte: so würde ich auf das Vergnügen Ihres Umgangs Verzicht getan haben; denn ich wollte nichts von der ganzen Liebe und dem Vertrauen dieser Leute verlieren. – Das Volk hat richtiges Gefühl von Tugenden und solchen Eigenschaften, die einen wirkenden Einfluss auf ihr Wohl haben. Deswegen lieben sie den gerechten, uneigennützigen, leutseligen Mann; den Wohltätigen und den Tapfern, der das Vaterland verteidigt; den Prediger, den Beichtvater, die um ihre ewige Wohlfahrt beschäftigt sind; den Vornehmen, der mit Güte und achtung sie ansieht und behandelt. Aber die grösste Gelehrsamkeit und das höchste Maass der Kenntnisse des Geistes sind für sie verlohren. Was wollten sie auch damit tun, die guten Leute? – Und mir, mein Kind, mir war es Bedürfniss, dass Jemand mir sagte: Ich schätze Ihre Talente und Ihr Herz. – Dieses musste ich von Jemand hören, dessen Geist und Seele meine ganze Hochachtung verdiente. –
'Haben Sie Dank,' sagte sie mir, mit einer zärtlichen Umarmung, 'dass Sie diese Freude mir gegeben haben.'" –
Acht und funfzigster Brief
Nun wissen Sie, meine Freundinn, die Hauptzüge des Charakters und des Lebens der Frau van Guden, und Sie denken, dass sie mir um so viel werter war, da ich sie nun ganz kannte. Ich mischte unter meinen Dank für ihre Erzählung eine Art von Staunen, wie es wohl möglich wäre, dass man Sie verkannt und nicht immer geliebt habe? – Sie sagte: "Ihre Freundschaft für mich tut hier wirklich die Frage, die meine Eigenliebe damals tat, und es auch nicht fassen konnte. Aber jetzt, da ich gegen Andre eben so billig, als gerecht gegen mich selbst bin, finde ich es ganz leicht, dass ich, mit all meiner wahren Güte, Missvergnügen verursachen kann. Jede Art von Stärke, oder Gewalt, die bei einem Weichlichen oder Schwachen gezeigt wird, gibt um unangenehme Besorgnisse, wenn sie nicht grade zu seiner Unterstützung oder überhaupt zu seinem Besten gebraucht wird. Die zu grosse Lebhaftigkeit, mit der ich bisher bei allen Gelegenheiten für jedes Gute sprach, mag oft in einer und andern person eine Erinnerung einzelner Versäumnisse der Ausübung desselben hervorgebracht haben; und, meine Liebe, wir machen es mit Personen, die wir ungefehr ein uns entwischtes versehen bemerken hören, nicht, wie mit dem Spiegel, den wir in dem haus eines Freundes oder Bekannten antreffen, dem wir es Dank wissen, wenn er uns zeigt, dass wir eine Bandschleife, eine Palatine, oder eine Blume nicht gut geordnet haben. Und dann hatte ich bei meiner Güte nicht genug Anschein des Sanften und Duldenden, was man im Französischen durch Caractere de douceur ausdrückt, und mit welchem in der Tat süsser zu leben ist, als mit mir. Denn gewiss, zu viele Lebhaftigkeit hindert die Grazie des Verstandes und der Geberden, wie es bisher mit mir geschehen ist; und dann hat es seine gegründeten Ursachen, dass man den, der immer gleich gut scheint, mehr liebt, und ihm mehr Dank weiss, als dem, der sagt: Ich will gut mit Euch sein; – ich will Euch ertragen. –
Es ist wahr, meine Talente gaben mir viel Zufriedenheit mit mir selbst, und ich wollte sie mitteilen, wie mein Geld. Ich mag es in der Art, sie zu zeigen, versehen haben, weil sie mir so wenig Freunde machten; und ich muss also auch mit den Folgen zufrieden sein. – Wie wenig dazu gehört, eine empfindliche Eigenliebe, oder einmal gefasste Ideen des Guten und Richtigen, zum Widerwillen und Verdruss zu bringen, beweiset mein Unmut über den Herrn von P**, wegen seines galanten Bezeigens, womit er die Damen in N** unterhielt. Dieser Unmut siegte über meine Liebe für ihn. Warum sollte ein Missvergnügen, das ich meinen Bekannten gab, nicht über eine zufällige Freundschaft gesiegt haben?"
Ich sagte hier: "Ach, der Fall war anders mit Ihnen. Eifersucht überfiel Sie, da Sie den Mann ihres Herzens der nun frei war, bei anderm Frauenzimmer so aufmerksam sahen."
"Es mag etwas davon sein; aber es ist ganz in meiner Seele, dass ich vortrefliche Leute, ohne die geringste Erwartung von Gegenachtung, innig liebe und ehre;