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Verhalten empfindet!

Herr L**. ist mit meinem Oheim und seinem Freund zu Besuch gegangen. – Er kommt wieder mit Ihnen nach haus. Ich will gelegenheit suchen, von meinem heutigen Gesicht zu reden! Dieser Mann soll nicht übel von mir denken, durchaus nicht; eher zehn Andre!

Abends 11 Uhr.

Ich bin mit mir ausgesöhnt! und Herr L**. hat mich gegen jede Besorgniss wegen seiner Gesinnungen gesichert.

Er hatte bei Tisch, Mittags, sehr wenig geredt, und nur andre reden zu machen; wobei er mich, wie mich dünkte, mehr als die andern beobachtete. Nach der Zurückkunft, da mein Oheim auf einige Zeit in sein Zimmer ging, redte mich Herr L** ganz sanft, aber mit so ganz forschenden durchdringenden Blicken an. Ich geriet in eine ganz sichtbare Verlegenheit, aus welcher mich nichts, als Freimütigkeit erlösen konnte. – Ich sagte ihm, die Ursache meines Stottern und Errötens wäre ein kleiner Kampf zwischen meiner Eigenliebe und der Wahrheit. Das unfreundliche Wesen, so er an mir müsste bemerkt haben, wäre Ursache daran. – Ganz fein, ganz schonend fragte er mich: warum ich deswegen besorgt wäre? – Weil ich die Hochachtung sah, die Sie meinem Oheim, und er Ihnen bewiess, so wäre mir es leid, dass er ein Verhalten dieses unschätzbaren Mannes nicht anstünde. – Er lächelte beinah etwas satyrisch hierüber. – Dieses bewog mich, sogleich aus meinem Zimmer den Anfang meines briefes an sie zu holen, und ihm solchen ganz im ernsten Schweigen zum Lesen zu geben. – Er lächelte wieder, aber nicht mehr bitter; seine Augen, dünkt mich, wurden grösser, glänzender, und gewiss war ein Ausdruck von staunender achtung darin, da er mir meinen Brief gab, und für mein Vertrauen dankte. Den Augenblick ward mir leicht, mit ihm zu reden, ob ich schon fand, dass alle seine fragen notwendigerweise charakteristische Antworten nach sich zogen. Er fragte auch nach der Mariane, an die ich alles schreibe. Er sah meine Seele, da ich von Ihnen sprach. Und nun endige ich meinen Brief mit einem herzlichen Gott sei Dank! dass ein edler, scharfsinniger Mann, und die geistvollste tugendhafteste person meines Geschlechts, in jedem Augenblicke meines Lebens in meiner Seele lesen dürfen.

Rosalia.

Neunter Brief

Seit fünf Tagen habe ich Ihnen nicht geschrieben; bald, meine Mariane, möchte ich bei lebenden leib an eine Seelenwanderung glauben, und denken, dass die meinige diese Zeit über nicht bei mir war. – O, gefälligkeit, wie viel Opfer foderst du! Bald von der Wahrheit unsrer Gedanken, bald von unsern Empfindungen; trügest du nicht die Farbe der Menschenliebe, so würde ich dich hassen!

Die Frauenzimmer im haus, wo wir wohnen, haben mich in den Wirbel ihrer Bekanntschaften und Ergötzungen gezogen, ohne dass sie eigentlich wissen, was sie mit mir tun sollen. Das Vermögen meines Oheims, die in Deutschland so seltene Erscheinung eines reisenden Mädchens von meinem stand, macht, glaube ich, dass mich die einen zeigen, und die andern sehen wollen; und ich, meine Mariane, bin schwach genug, meinem Widerwillen zu Trotz, Einladungen nachzugeben, die mir fünf ganzer Tage die Freude rauben, mich mit Ihnen zu unterhalten! Vorgestern dachte ich einen langen Brief an Sie zu schreiben, da kam noch Morgens Herr G**. von seinem amt, und brachte seine Frau und Schwester mit, um sie in das Concert zu führen; da wurde ich gleich dem Frauenzimmer vorgestellt, in gespräche verwickelt, und sah mein Zimmer erst beim Schlafengehen. Sie wissen, wie feierlich ich meinem Oheim, nach meiner Augenkrankheit, versprechen musste, in meinem Leben des Nachts nicht mehr zu lesen und zu schreiben; ich habe mir auch ein Gesetz gemacht, dieses seiner Liebe getane Versprechen in keiner gelegenheit zu übertreten; also konnte ich mich auch des Nachts nicht schadlos halten; und Gestern früh kam der muntre Schwarm der drei Töchter des Hauses, zweier Nachbarinnen, Mad. G**. und ihre Schwägerinn, mit dem Caffee in mein Zimmer; da wurde vielerlei, und auch von dem Concert gesprochen. Bei dem Artikel des Putzes hofte ich ihrer los zu werden, und noch einige Minuten zu einem Briefchen an Sie zu haschen, indem ich sagte, dass ich fürchtete, nicht Zeit genug zu meinem Aufsatz zu finden: aber, die rauschende Frölichkeit dieser Personen bemerkte den leisen Wink nicht, womit ich sie um Räumung meines Zimmers bat; ich musste harren, gefällig sein, und den Wünschen meines Herzens ihre Befriedigung auf Heute anweisen.

Mad. G**. hat die heiterste Gemütsart, die ich jemals an einer person meines Geschlechts gefunden habe. Verstand und viel Belesenheit. Aber, da Lustigkeit der Hauptzug ihres Charakters ist; so sind alle Wendungen ihrer Ideen drollig, und auch die Farben ihrer Beobachtungen bunt. – In dem Concert, wo eine grosse Menge sehr artiger Personen beiderlei Geschlechts war, bemerkte ich noch einen sonderbaren Schwung, den sie manchmal ihren Gedanken gibt, indem sie mir diese Gesellschaft als das Schauspiel eines Wettstreits nennte, den die Phantasie der Mutter natur und die Einbildungskraft ihrer Kinder gegen einander hielten: wo Erstere ihre Weisheit, Stärke und Gewalt, in Verschiedenheit der Gesichtszüge, Grösse und Kleine der Gestalt, in Mannigfaltigkeit der Physiognomie und dem Ton der Stimmen bewiesedie Menschen hingegen, in der Abänderung der Verzierungen, in Wahl der Farben, Form der Kleider und Kopfputz, in künstlicher