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, um dort zu arbeiten und zu lesen, habe sie von weitem bei den botanischen Beeten eine Gestalt zu sehen geglaubt, die vollkommen der seinigen geglichen. Dies habe sie äusserst bewegt, und dazu gebracht, nicht umzusehen und nicht zu fragen, sondern diese Erinnerung zu unterdrücken und ihre gewöhnliche Morgenarbeit zu halten. Darauf hätten ihre Mädchen gelesen und sie mit ihnen gesprochen. Ungefähr nach einer halben Stunde wäre sie aufgestanden, um etwas an der Stikkerei eines der Mädchen zu besehen. Hier erblickte sie durch die Gitter, dass zwei Mannsleute auf der Bank bei einer grünen Wand hinter dem Gartenhause sassen. Da wäre ihre Neugier erweckt worden, in dem kleinen inneren Cabinet zu sehen, ob es nicht der Fremde wäre. – Ich möchte mir selbst vorstellen, wie ihr zu Mute gewesen, als sie Herrn von P**, ganz blass, auf das Fussgestell einer Statue gestützt, da sitzen sah. Der junge Medicus, der ihn bei den Kräutern herumgeführt, habe ihm zugeredet, sich in das Haus des Herrn van Guden führen zu lassen und da etwas zu sich zu nehmen, weil ihm von der Sonne und dem langen Gehen so übel wäre; Madame van Guden sei eine sehr liebenswürdige Frau, von dem besten Herzen und einem grossen geist, rede verschiedene Sprachen, habe schöne Reisen gemacht; alle Fremde bewunderten sie, wegen ihrer Talente in der Musik; sie sei auch schön und jung, doch müsse man sagen! dass sie ihrem alten mann die vollkommenste achtung und Zärtlichkeit beweise, und dass der artigste junge Mann sich nicht eines Blicks oder eines Worts rühmen könne, welches nur einen Schatten von gefälligkeit anzeigen würde, ungeachtet Jedermann wisse, dass sie den van Guden nur aus Armut, nicht aus Liebe, geheiratet habe. Sie wäre von Reisenden in seinem haus zurück gelassen worden, und der Alte befinde sich in ihrem Umgange herzlich wohl; sie wäre auch aus Hochdeutschen Landen; er solle nur mit ins Haus kommen, es würde ihn nicht gereuen. – Sie zitterte vor Angst, von P** möchte ihm folgen, und sie nicht im stand sein, ihr Herz zu verbergen; doch hätte es sie unendlich gefreut, dass er so viel Rühmliches von ihr hätte sagen hören. – Auf einmal wäre er, ohne eine Silbe zu antworten, aufgestanden und aus dem Garten fortgeeilt. Der junge Docter hätte ihm ganz erstaunt nachgesehen, den Kopf geschüttelt und bei sich selbst gesagt: Der tut wohl, dass er zu Engländern geht, denn er ist ein spleenetischer Narr. – Als sie ihn aus dem Gesicht verlohren, sei ihr Herz ganz schmerzhaft gepresst gewesen; ohnmächtig wäre sie nicht geworden, aber auf ihre Knie gesunken, ihre arme ausgestreckt: "Er liebt mich noch!" wäre ihre Erquickung gewesen; "Gott erhalte und bewahre ihn! – Ach, was bin ich?" hätte sie sich selbst gesagt; und sie gestund; dass sie damals über ihre Heirat missvergnügt gewesen sei und aufs Neue gefühlt habe, dass jede Neigung, jeder Wunsch ihrer Seele in von P** vereinigt wäre. Doch habe sie sich überwunden, nicht nach ihm gefragt, und sich Mühe gegeben, Herrn van Guden in allem, was er nach seinem Charakter liebte, jeden Augenblick seiner Tage zu erfüllen, um ihn dadurch für das schadlos zu halten, was ihrem Herzen an der Zärtlichkeit der Liebe mangelte. Er wäre auch innig zufrieden mit ihrem Bezeigen gegen ihn und mit ihrem ganzen Lebenswandel bei ihm gestorben, und habe sie als eine reiche, unabhängige Frau zurückgelassen. Unmöglich habe sie nach seinem tod länger da wohnen können, sondern wäre, nach Sicherstellung ihres Vermögens, nach Aachen gereiset, um da ihre Gesundheit wieder ganz herzustellen, und auch, weil sie dachte, sie könne dort, wo ein Zusammenfluss von so vielen Fremden aus allen Landen sei, etwas vom Herrn von P** erfahren. Dies sei auch geschehen. Ein deutscher Edelmann hätte ihr gesagt, dass er drei Kinder habe und meistens auf dem land ohne viele Gesellschaft lebe. "Meine Freiheit," fuhr sie fort, "gab mir kein Recht, Wünsche oder Ansprüche auf mein Herz zu machen. Ich war unfähig, einen Gedanken zu haben, ihn von seiner Verbindung zu entfernen. Ich versagte mir alles, was nur im mindesten dahin zielen konnte; nur wünschte ich, von Zeit zu Zeit zu wissen, wie es ihm ginge. Ich durchreiste einige Gegenden von Deutschland, besonders wo Höfe waren, um so viel möglich alle Stuffen der Vollkommenheiten und Fehler meiner Landsleute zu bemerken. Endlich setzte ich mich in der Hauptstadt meines Vaterlandes fest, mietete ein Haus, machte Besuche, nahm welche an, legte mit Vergnügen einen teil meiner Renten und meiner Talente zur Verschönerung des gesellschaftlichen Lebens unter meinen Bekannten an. Ich war in meiner Kleidung aus zwei Ursachen äusserst bescheiden und einfach; einmal, weil ich dem Putz keinen Vorzug schuldig sein wollte, und dann, weil der Mann, dem allein ich zu gefallen wünschte, mich nicht sah. Da ich aber ungeachtet dieser Versäumniss des Putzes gefiel, musste ich mich einer ausgedachten Coquetterie beschuldigen lassen. Ich schätzte lebhaft alles Gute, so ich fand; aber wie wurde mein Gefühl zurück gescheucht und verwundet! Die Wahrheit und Stärke meines Wohlwollens wurde verspottet, meine Kenntnisse lächerlich gemacht. Liebenswerte Frauenzimmer, denen ich meine ganze Seele gab, erwiederten mir es kalt. Ein Mann von feinem Geist, den ich wahrhaftig hochschätzte, misshandelte meinen ganzen Charakter. Meine Freimütigkeit,