geflochtene Zuckerdose. Ich war nachdenklich bei unserm Frühstück. Van Guden ging aus, kam spät und müde, aber sehr munter, zum Mittagessen zurück. Ich hatte mich indessen vorbereitet, mit ihm zu reden, und fragte, ob er mich eine halbe Stunde anhören wolle? – 'Ja,' sagte er, 'der Nachmittag ist ganz für Sie. Ich habe heute eine Arbeit getan, die mich freut.' –
Ich erzählte ihm mein Leben, meine Umstände und den Wunsch, als eine hülfe, die Erziehung eines jungen Frauenzimmers zu besorgen! ob er nicht durch seine Freunde mir einen solchen Ausweg verschaffen könnte. –
Hier traten dem vortreflichen Mann Tränen in die Augen, wobei er dann noch lächelte, mir die Hand reichte, die meinige eine Zeitlang stillschweigend hielt, und mich so ansah, als fragte er: Wie wirst du das aufnehmen, was mein redlich Herz dir sagen wird?
Endlich dankte er mir für mein Vertrauen, lobte den Entschluss, meine Talente dem mühseligen Geschäfte der Erziehung zu widmen; aber dies wäre ein Glück für ihn; denn, da ich mich mit aufwachsenden Kindern hätte plagen wollen, von denen ich einen sehr ungewissen und späten Dank zu erwarten hätte, würde ich vielleicht durch eine grossmütige Wendung dieses Gedankens, die nemliche Geduld und sorge für einen, aus Alter sich der Kindheit wieder nähernden Freund haben, der es mit aller Treue und Empfindung der Dankbarkeit erkennen würde. – 'Bleiben Sie,' sagte er, 'eine Viertelstunde hier, und lesen diese Aufsätze mit Nachdenken durch, und antworten Sie eben so wahr, eben so freimütig darauf, wie Sie dem Grafen antworteten;' – und da ging er auch weg. – Urteilen Sie von meiner Rührung über diese Papiere."
sechs und funfzigster Brief
Frau Guden fuhr fort zu erzählen: Es wäre ein Schreiben an sie gewesen, worinn er ihr sagte, der Graf habe ihm Nachricht von dem Verlust ihres kleinen Vermögens gegeben; dies habe seine lebhafte Teilnehmung vermehret und ihm die Begierde eingeflösst, Etwas zu ihrem Glück zu tun. Bald wäre es der Gedanke gewesen, sie an Kindes Statt aufzunehmen; bald, ihr einen teil seines Vermögens zu geben. Da aber bei diesen Gedanken Anlass zu Spöttereien und Missvergnügen gewesen wäre: so hätte er gewünscht, dass sie sich entschliessen könnte, ihm für die noch wenigen Tage seines Lebens ihre Hand zu geben. Auf diesen Wunsch hin habe er heute früh mit einem Freunde sein Testament entworfen, welches in vier Teile richtig und unverwerflich geschieden sei: einer für alte und kranke arme; der zweite für seine schätzbare Frau; der dritte für seine Verwandten, und der vierte für die Verwandten seiner ersten Frau. Unter diese Beiden verteile er auch sein Haus und die Gemählde, wie auch das grosse Landgut, unweit der Stadt. Sie solle, weil sie Kupferstiche liebe, seine Sammlung haben, und sonst alles an Capitalien in der Bank, was ihren vierten teil betreffe; denn das, was er ihr an Silber und einigen schönen Diamanten geben würde, wäre nur das gewöhnliche Brautgeschenk. – Sollte ihr dieser Vorschlag, der freilich der eigennützigste für ihn sei, nicht gefallen, so solle sie nur einen Riss in sein Testament machen und sich nicht mit Entschuldigungen oder Ursachen plagen, sondern ihm den Trost gönnen, sonst ein Geschenk von ihm anzunehmen, wodurch sie unabhängig leben könnte. –
Dieser Antrag hätte ganz andre Bewegungen in ihr hervorgebracht, als des Grafen seiner; er schien ihr redlicher und grossmütiger. Doch hätte sie sehr geweint, ihre Lieblingsidee aufzugeben, die sie gehabt, für das Andenken des Herrn von P** zu leben. Doch habe das Bild der wahren Güte des herrlichen alten Mannes, und der Gedanke, ihm durch die Erfüllung seines letzten Wunsches die Freude zu geben, eine glückliche person nach sich zu lassen; dann die Betrachtung, dass Herr von P** ohnehin verbunden, und sie ohne alle Aussicht, weder auf ihn noch sonst wo, wäre, gesiegt; so hätte sie sich gefasst und wäre hingegangen, ihn in seinem Cabinet zu suchen. Er wäre aber in seinem grossen Gemähldezimmer vor einem Tisch gestanden und habe ihre Zeichnungen vor sich durchblättert. Als er sie an der Tür erblickt, wäre der liebe Mann so erschrocken, dass er blass worden, sich geschwind gesetzt, und seinen Kopf aufgestützt hätte. Sie wäre zu ihm geeilt, hätte ihn bei der Hand genommen: "Warum erschrecken Sie über mich? Wenn Sie Ihr Vorschlag reuen sollte, lieber Herr van Guden, so werde ich nicht klagen, sondern Sie dennoch, als meinen würdigsten Freund, verehren." –
"Gereuen!" sagte er; "Gott gebe, dass Ihre gefälligkeit Sie niemals reuen möge." –
Sie wären in der Stille getrauet worden, und hätte ruhige Glückseligkeit genossen; und vier Jahre hindurch habe sie drei junge Frauenzimmer von seinen beiderseitigen Verwandten um sich gehabt, und sie erzogen. Eine davon hätte van Guden selbst noch ausgestattet, und an einen jungen Arzt, den er gebildet hatte, verheiratet. Die beiden letzten Jahre seines Lebens hätte er keine Kranke mehr besucht, und alle Sommer auf einem Landhause gewohnt, wo er einen schönen botanischen Garten angelegt hatte, und worinn sie eines Tages alle ihre Zeichnungen, aber nur als Zeichnung in Oel gemahlt gefunden habe. Ein Jahr vor van Gudens tod wäre ihr Herr von P** erschienen. Just da sie Morgens mit ihren drei Schülerinnen nach einem Gartenhause gegangen sei