die Reise nach Italien abzukaufen. Die Dame und ihr Gemahl hätten, nach zwei Unterredungen mit ihr, so viel achtung für sie bekommen, dass sie sie auch versichert, sie sollte Frankreich und England mit ihnen durchreisen. Aus Dankbarkeit und Eigenliebe habe sie dann alle Kräfte angestrengt, in den Sprachen vollkommen zu werden, und auch reine Umrisse von Landschaften, Gebäuden und Figuren machen zu können; um durch diese Talente nützlich zu sein, und auf gewisse Art zu vergüten, was sie ungefehr kosten könnte. Daneben hätte sie der Dame alle mögliche Dienste und Erleichterungen geleistet, und niemals wäre sie glücklicher gewesen, als auf diesen achtzehn Monate gedauerten Reisen, wo alle ihre bisherigen Wünsche erfüllt, ihre Kenntnisse geübt und vermehrt worden, wo sie einen so grossen teil der Erde und deren Bewohner gesehen, und vielen Beifall und achtung genossen hätte. Aber da wäre es mit ihr, wie mit andern Menschen, gegangen, indem mit der Befriedigung des einen Verlangens ein neues verknüpft wurde, wogegen das Schicksal lauter Unmöglichkeiten aufhäufe. Deswegen habe sie ihm auch eine Wage gegeben.
Hier langte sie aus einem Kästchen einige Zeichnungen hervor, worunter das Bild des Schicksals war, mit einer Wagschaale voll Blumen, Perlenschnüre und einer schönen Vase; in die andre Schaale legt es Dornen, Steine und Fesseln. Eine schöne weibliche Figur kniet vor dem Altar, wo dieses Wägen vorgeht, und zeigt mit dem seitwärts gesenkten Kopf, und ihren, mit vieler Grazie auf ihrer Brust sich faltenden Händen, Dank für die Blumen, und neben dem Abwenden von der dornerfüllten Schaale, ruhige Unterwerfung.
Da ich das Bild so ausdrucksvoll fand, sah ich mit Rührung sie an. Sie küsste mich und sagte: "Ja, mein Kind, hier fingen die Schmerzen meines Lebens an. Ich hatte Güter geliebet und gewünscht, die ich bis dahin kannte; ich genoss sie reichlich; denn nicht nur das Schöne, so ich zu sehen verlangt, freute mich, sondern auch die Lobsprüche, die ich für meine Talente erhielt. Denn in Rom übte ich mich im Singen und Clavierspiel; ich schrieb unser Tagebuch und zeichnete auf halbe Bogen, was mir, der Dame oder ihrem Gemahl besonders gefiel. Unser Anführer erzählte es Fremden, die dann sich um uns sammelten, wohin wir gingen und ich meinen Bleistift nahm. Ein edler Fremdling, der auch alles mit dem Auge des Geistes betrachtete, suchte unsere Bekanntschaft. Ernstes, aber sanftes Wesen, hoher Adel der Seele, tiefe Gelehrsamkeit in allen Teilen schöner Kenntnisse, eine vortrefliche Gestalt, und nur sechs und zwanzig Jahr alt, waren in ihm mit dem empfindlichsten Herzen, Bescheidenheit und den reinsten Sitten verbunden. Mein Zeichnen wurde sehr von ihm geachtet; doch bemerkte ich dies mehr aus seinen Blicken als seinen Worten. Er fragte nur nach dem Ort, wo ich es gelernt, und wo ich erzogen worden. Meine Dame wies ihm das Tagebuch und die Zeichnungen. Ihr Gemahl erzählte ihm meine geschichte, wie sie es nannten; und den Abend, da ich fertig war, das Merkwürdige des Tages aufzuschreiben, führten sie ihn in mein Zimmer, und sagten: Herr von Pindorf müsse mit all meinen Talenten bekannt werden; ich sollte doch etwas auf dem Spinetchen spielen und singen. Er machte nur eine Verbeugung. Aber ein flüchtiger blick, den er gleich wieder von mir wandte, dünkte mich vieles zu sagen. Ich sah auch nur meine Dame, aber mit Erröten an, wovon sie den Sinn nicht verstund; denn sie sagte freundlich: 'Meine Liebe, ich verspreche Ihr, dass Sie diese gefälligkeit für Niemand anders haben soll.' – Ich spielte und sang sanfter als jemals, sah aber nicht um mich, sondein allein auf meine Noten. Er sprach, nachdem ich geendigt, und er mir höflich gedankt hatte, von den grundsätzen der Musik, sah mich auch nachgehends niemals allein, ausser ein einzigesmal in Frankreich, da er Abschied von uns nahm, um zu haus seine Verbindung zu vollziehen. Auf der Reise nach England war er eigentlich eine Art Lehrmeister für uns alle, in der natur- und Landesgeschichte. Er sass oft ganze Stunden lang in sich selbst gekehrt, bis ihn eine Frage von mir, oder ein Ausruf über etwas, so mir hie und da als merkwürdig vorkam, aufweckte; denn er hatte diese Aufmerksamkeit allein auf meine stimme. Alles blieb in meinem Gedächtniss, und ich wurde in Kenntnissen, die er vorzog, am stärksten. In dem Garten zu Stow zeichnete ich sein Bild, wie er, an einem Baum gelehnt, mit meiner Dame redte, die mit ihrem Gemahl auf einer Moosbank sass; und Herr von Pindorf seine Augen auf den Tempel der alten Tugend, welcher uns gegenüber war, mit vielem Ausdruck heftete. Als ich die ganze Gruppe zusammen gefasst hatte, waren sie alle sehr vergnügt, und ich musste endlich mich selbst dazu setzen, mit meinem Bleistift und der Anzeige des Ganzen. Davon erhielt Herr von P** das Urbild. –
elf monat war er immer um und mit uns gewesen. Ich hatte tausendfache Beweise seiner Hochachtung und Liebe für mich bemerkt, und ihm gewiss eben so viel zu erkennen gegeben. Dies Bündniss unserer Seelen war desto stärker, da wir es nicht in der gewöhnlichen Sprache ausdrückten. Den zweiten Tag in Brüssel wurde ihm nicht wohl; er sah auch bis den zehnten, wo er abreisete, ganz hinfällig aus; war nur Augenblicke um uns, und dies