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. Mariane, das kann nicht sein. Das Teater kann einen schönen Geist, eine fein empfindende Seele bilden: aber ein so starkes inniges Gefühl vom Wohl und Weh der grossen Masse des volkes, das richtige, ernste Abwägen der Ursachen und natur des Glücks gibt allein das grosse Schauspiel der Welt und die geschichte der Menschheit. In dieser Frau ist eine eigne Seele, und in ihrem Geschick müssen auch eigene, sonderbare Züge sein. Sie hat mir einen Auszug ihres ganzen Lebens versprochen, und bis dahin soll ich sie weder zu gut, noch zu übel beurteilen, auch von dem, was mir an ihr gefällt, ja gegen Niemand zu vorteilhaft sprechen. – Und da ging sie an ihr Clavier, spielte Phantasien, nicht stark in der Geschwindigkeit, aber nett im Ausdruck, lauter charakteristische Gänge, Selbstgespräche, Seufzer und Einwiegen beunruhigender Erinnerungen. Sie hat aber noch ein Talent, welches für mich viel beneidenswürdiger ist, als ihr Gesang und Spiel. Sie zeichnet jede idee ihres Kopfs, jedes Bild, so in ihrem Herzen entsteht, oder vor ihr Auge kommt, den Moment, mit der grössten Leichtigkeit und einem reizenden Geschmack, auf den nächsten Bogen Papier. So macht sie es, wenn sie in einem buch was findet, oder in einer Erzählung hört, das ihr als Gruppe oder Figur gefällt. Denn ich fand in einer Reisebeschreibung, die auf ihrem Tisch lag, mehr als zehn gezeichnete Stücke, deren Beschreibung sie damit gemerkt hatte; einsame, ländliche Gegenden, Ruinen, ein schön liegendes Haus, Hauptpersonen einer Gesellschaft. – Ja, während ich blätterte, verfertigte sie mein Bild, so wie ich mit etwas vorwärts gesenktem Kopf auf das Buch sah; und ich versichre Sie, Mariane, dass es mich sehr freuen würde, wenn ich einmal in einer entscheidenden Stunde in den Augen meines Freundes so viel Grazie hätte, als mit Frau Guden in ihrer leichten Zeichnung gegeben hat. –

Vier und funfzigster Brief

Frau Guden will mir alle Woche zwei Tage schenken, wo ich mit ihr essen und den Nachmittag mit ihr zubringen soll. Gestern war der erste davon, wo sie mir, wie sie sagte, den Faden gab, mit dem ich aus dem Labyrint der Ideen kommen würde, welches ihre Erscheinung in dieser Stadt und die Mutmassungen über sie in mir hervorgebracht hätten. Sie wäre die einzige Tochter eines deutschen Gelehrten, dessen Glücksumstände aber so gewesen, dass er sie wohl reich an Kenntnissen, aber bei mittelmässigem Vermögen zurückgelassen hätte. Ihre Mutter wäre eine Frau voll feiner, tiefer Empfindung, ihr Vater ein feuer- und geistvoller Mann gewesen. Sie sage wir dieses, weil sie fest überzeugt sei, dass der seltsame Ton ihres Charakters aus dieser Mischung entstanden sei. Ihr Vater habe sie denken und wissen, ihre Mutter Empfindsamkeit und Wohltätigkeit gelehret; daraus sei auch ihre schwärmerische anhänglichkeit an edle Kenntnisse und Tugend gekommen. Man habe sie Sprachen, Musik und Zeichnen lernen lassen, worinn sie es durch ihre natürlichen Fähigkeiten sehr weit gebracht. In der Zeit des Uebergangs vom grossen Mädchen zur denkenden Jungfrau, in welcher Frauenzimmer catolischer Religion diese innere Unruhe und den noch undeutlichen laut der Bedürfnisse des Herzens als den Ruf zum Klosterleben ansahen, und die ersten Aufwallungen des ganzen Reichtums der Empfindungen, zur Liebe der höchsten Vollkommenheit wendeten, in dieser Zeit hätte sie die geschichte der Völker und Künste gelesen, Plutarchs Helden, und dann eine Beschreibung der Denkmale der Kunst, die Rom und Florenz in sich fassten. Diese hätten bei ihr die innerliche stimme der anhänglichkeit an ein andres Wesen, auf die Ideale von Meisterstücken der alten Welt gelenkt. sehnsucht nach Italien hätte in ihr geglühet, wie die Begierde nach dem Schleier in einem frommen Mädchen. Während dieser Zeit hätte sie sich auch ausserordentlich der Zeichenkunst, Lesung der Poeten und der Götterlehre der Alten beflissen, und immer gedacht, sich einmal bei einer Dame beliebt zu machen, die eine Reise nach Rom vornehmen könnte, um mit ihr, wenn es auch als Kammerjungfer wäre, dahin zu kommen. Ausser dem hätte nicht nur die ernstafte und gründliche Erziehung, welche sie genossen, sondern auch das einsame Leben ihrer Eltern, alle Gegenstände von ihr entfernet, durch die sie zerstreut werden, oder die ihr den Genuss von Glückseligkeit auch bei andern Sachen hätten anweisen können. "Denn ich weiss aus meiner Erfahrung," fuhr sie fort, "dass Personen, die abgesondert erzogen werden, oder auch einige Zeit so leben, nicht nur etwas eigen Ausgezeichnetes, sondern auch Eigensinniges bekommen das sie selten ablegen." Denn in einem fühlbaren Herzen bliebe die anhänglichkeit an Gegenständen, bei denen man das erstemal Glückseligkeit empfunden, gar lange haften. Zum Beweis diene ihr, dass ihre Mutter sie im achten Jahr das erstemal aus der Stadt geführt, und in dem Baumgarten der Bäuerinn, die ihnen Milch lieferte, in der Zeit der Blüte, ihr Mittagessen mit der Bäuerinn Kindern gegeben hätte, wo sie dann lauter Freude und Seligkeit gewesen; und seitdem, bis auf diese Stunde, fühle sie bei dem Anblick eines ländlichen Baumgartens ein süsses inniges Vergnügen, welches ihr alle Reize der Kunst und hoben natur bei den prächtigsten Gärten, die sie auf ihren Reisen gesehen, niemals gegeben hätten. Nach dem tod ihrer Eltern sei sie zu einer weitläuftigen Verwandtinn gekommen, bei der sie einsam fortgelebt, und in ihrem zwei und zwanzigsten Jahr das Glück erhalten habe, um ein Stück Geld, der Kammerjungfer einer grossen Dame ihren Platz für