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am Rocken sitzen, und die Wöchnerinn neben ihr, um auf das Spinnen, so sie von ihr lernte, achtung zu geben. Sie war in einem grauen Leibkleide, mit einer grossen weissen Schürze, und schien etwas blässer, als ich sie das Erstemal gefunden hatte. Sobald sie mich erblickte, stunde sie auf, und ging mir mit zärtlicher Eile entgegen. "In dieser üblen Witterung, liebes eigensinniges Kind!" sagte sie, mit einem blick so voll Seele, dass sie mein Herz ganz nahm; und dies mag sie gefühlt haben, denn sie umarmte mich, sprach aber auf Französisch: "O, wenn jede Empfindung so stark in Ihrer Seele haftet, als Ihre Neugierde um mich, so bedaure ich Sie von Herzen!" – "Neugierde!" erwiderte ich. "Glauben sie gewiss, dass es nichts Bessers ist, so mich nach Ihnen zieht?" – "Sie müssen meine Worte nicht spitz fassen. Ich gehe immer den kurzen Weg, und was ich zuerst sehe, nenne ich zuerst." – "Vergeben Sie, ich wollte nicht spitzig sein, sondern nur ganz geschwind eine idee wegräumen die mir bei ihnen schädlich sein könnte." – Mit nachdenkender Miene und Lächeln sagte sie; "Ich glaube es gewiss; aber wenn es sich öfter finden sollte, dass ich auf diese Art schnell denke, und Sie geschwind empfinden: so werden wir wie zwei Leute sein, die erst einander ruhig gegenüber sassen, sich freundlich beredeten; eines steht auf, will sich was holen, vielleicht seinen Stuhl näher zum Freund rücken, um das Gespräch vertraulicher zu machen. Wenn nun der Andre, ohne einen Augenblick zu warten, was das Aufstehen bedeute, oder ohne zu fragen, wo gehen Sie hin? gleich auch sich hastig aufhebt: so müssen sie sich wider ihren Willen manchmal stossen. – Dies möchte ich nicht veranlassen, und auch Sie nicht vermeiden. Was denken Sie nun, was wir tun sollten?"

Können Sie, Mariane, sich Rosalien und all ihre Ideen vorstellen, die während dieser kleinen Abhandlung in ihr entstunden und hin und her gingen, so wissen Sie, dass mein erster Gedanke war: "Madame Guden! dein Reichtum macht dich stolz und eigenmächtig," Aber da der Ton ihrer stimme ganz melodisch, und der Ausdruck ihres Gesichts so voll Wahrheit war: so wandten sich auch meine Gedanken auf eine andre Seite. Ihr Billet sagte von Kummer, und ich weiss, dass dieser in einer starken Seele Entschlossenheit hervorbringt, die sich nicht immer damit abgeben kann, jede idee in fein gebogene Formen zu bringen. Zudem hatte sie Recht; es war doch zum grössten teil Neugierde, so mich bisher nach ihr gezogen hatte. Ich antwortete also, ich dächte in Zukunft voll Vertrauen sitzen zu bleiben, wenn sie aufstünde; doch hofte ich, manchmal ihren Stuhl gegen mich ziehen zu dürfen. – "Sie werden also die schönere Rolle spielen; ich gönne es Ihnen, und wünsche, dass Ihre Lebhaftigkeit niemals zur Unruhe werden möge!" – Nun sagte ich: "Werde ich Sie nicht in Ihrem haus sehen? In diesem hier sind es nur abgebrochene Stücke." – Sie lächelte, stunde aber gleich auf und bot mir den Arin. "Kommen Sie, ich will mit Ihnen noch einmal Freundschaft wagen." – Wir waren bald da. Ihre Zimmer sind mit Zitz ausgeschlagen; Bett und Stühle gleichfalls. Bei den Büchern blieb ich stehen; und da es mir unmöglich war, mein Staunen zu verbergen, weil ich lauter Reisen fand, und sie es natürlich bemerken musste, so sprach sie: "Sie suchten andre Bücher; ich hab' auch andre gelesen; aber meine jetzige Gemütsverfassung lässt mich nichts Spielendes und nichts Denkendes vornehmen. Ich suche Glückseligkeit. Mein Herz und Kopf sind noch nicht einig darüber. Ich bin dem erstern gefolgt, und elend geworden. Mein Verstand will mich trösten, aber es kostet Mühe und ich mass mit mir selbst Umwege nehmen." – Ich nahm sie bei der Hand, und gewiss mein Herz stimmte den Ton meiner Worte, indem ich ihre Hand gegen meine Brust bewegte. "Mühe und Umwege zu ihrem Glück, während Sie das' so vieler andern so leicht, so geradezu machen! Wie ist das?" – "Ach, was für Glück geb ich! Nahrung, Kleidung, wohnung: dies füllet den Zirkel der Wünsche des guten volkes; und o, wie heilig sind mir diese Schranken, in welche ich gewiss von meinem Mehrwissen und mehrerm Reichtum nichts übertragen will, als Liebe der Reinlichkeit. Alle Verfeinerung ihrer Begriffe soll in nichts als einer gefühlvollen Liebe ihres Schöpfers bestehen, der das los ihres Lebens aus weisen, wohltätigen Ursachen auf den Weg der Arbeitsamkeit legte. Und dann will ich sie auch jeden Segen, jede Blume der reinen Freuden der natur bemerken lehren, die sie mitten, und am Ende ihres Tagwerks, reichlich finden können. Meine Erziehung, meine Kenntniss der Welt, mein Vermögen, haben mir Bedürfnisse gegeben, die mehr als alle dies erfodern, wenn ich glücklich sein soll. Sie, Rosalia, und Andre, die unsern Kreis durchgehen, müssen Sie nicht auch hundertfach mehr zu dem Maass Ihrer Zufriedenheit haben, als diese Leute?" –

Feierlichkeit, süsse Sanftmut edler, zudringlicher Ernst war in dem abwechselnden Ausdruck ihres Gesichts und Tons. Und ein Teater sollte sie gebildet haben? Nein