1779_La_Roche_065_71.txt

Der Vater des Verstorbenen ist ein armer Knopfmacher, der noch drei Kinder hat. Sie erkundigte sich nach den zwei Schülern, die den Kranken besucht hatten, und sehr traurig über seinen Verlust waren; liess sie zu sich kommen, und fragte den einen, ob er nicht bei dem Vater seines verstorbenen Freundes die Knopfmacherarbeit lernen wolle? Da der Junge es versicherte, so versprach sie ihm, das Kost- und Lehrgeld für ihn zu zahlen. Hier wurde er aber traurig sah den andern, der unruhig hin und her ging, an, und sagte: "Aber Madame –" stockte dann wieder, und sein Camerad nahm ihn bei der Hand. Madame Guden fing freundlich zu dem ersten an: "Er hat mir was sagen wollen von seinem Freunde. Was ist es? Kann ich ihm was liebes tun?" – "Ach, Madame, das wäre recht schön!" – "Nun so sagt mir es, ich tu es gewiss auch Eurem verstorbenen Freunde zu Liebe" – Hier weinten beide Knaben und sagten ihr, sie hätten beide Lust zu dem Handwerk, und die Mutter des einen könne nichts als das halbe Lehrgeld bezahlen. – "Das hat unser Freund, der gute tote Heinrich gewusst," fiel der eine ein, "und wollte uns heimlich alles lehren, was sein Vater ihm zeigte; denn er war schon aufgenommen, und wenn wir alles so gelernt hätten, bis zum Gesellen: da härt ich meine Mutter gebeten, das Lossprechgeld für mich und meinen Cameraden da zu zahlen, und dann wären wir alle drei mit einander in die Fremde gegangen und hätten unser Glück gesacht. Aber jetzt ist alles aus, weil Heinrich tot ist." – Frau Guden wurde bewegt: "Nein, meine Lieben, es ist nicht alles aus. Wenn Ihr wollt, so zahl ich für Euch beide. Versprecht mir nur, dass ihr rechtschaffen werden wollt, wie Euer Heinrich es war, und dass Ihr immer auch Armen gerne Gutes tun wollt. Sagt mir nun, mit was ich Euch Freude machen kann?" – Beide sagten zugleich: "Ja, gute Madame! wir wollen alles tun, was Sie sagt; aber wenn wir krank werden und sterben, so muss Sie auch zu uns kommen." – Sie versprach es ihnen bei der Hand, und hat nun wirklich das Lehr- und Lossprechgeld für beide bei der Obrigkeit niedergelegt, sie gekleidet, zahlt ihr Kostgeld; und lässt sie daneben schreiben und rechnen lernen. Die Mutter des einen Knaben liess sie auch kommen, und lobte die gute Frau über die Gesinnungen, so sie ihrem Knaben gegeben. Diese war froh über ihres Sohns Glück und sagte, nun könne sie ihrer Tochter helfen, der sie jetzt das Lehrgeld zur Aussteuer geben wolle. Frau Guden verdoppelte es, und wollte auch der Mutter was zur Unterhaltung geben; aber die Frau nahms nicht an; weil sie Haushälterinn bei einem ältlichen Herrn sei, der ihr nach seinem tod so viel lassen würde, dass sie leben könne; und da ihre beiden Kinder versorgt wären, brauche sie nichts mehr; Madame solle das andern Armen geben. – Sie wandte sich dann gegen die zwei Jungen und empfahl ihnen, wenn sie einmal Meister wären, solle ein jeder einen armen Jungen Gott zu Ehren umsonst lehren. Die guten Jungen versprachen es treuherzig. Madame Guden nahm die Tochter der Frau bei der Hand, mit dem Wunsche, dass sie ihrer so rechtschaffenen Mutter gleich werden möchte, so wie die zwei Freunde des seligen Heinrichs seinem Beispiel gefolgt wären und dadurch gewiss ganz glücklich sein würden. –

"Sehen Sie," sagte ich in unserer Gesellschaft, "wie diese Frau Gutes erweckt und Gutes tut!" – Da wurde von jemand gesagt: "Ja, ja! das sind die schönen Haare der büssenden Magdalena, womit sie unsern Herrn die Füsse abtrocknete." – Dieses Stück Witz, meine Mariane, womit auf den vermuteten Sängerstand der Dame gezielt war, verdrängte jede Bewegung des Lobs, der achtung und Nacheifrung, so sie verdient. Ganz rauh und roh setzte noch jemand hinzu: "Wer weis, wie viele Streiche sie anderswo hat ausgehen lassen, eh sie hier unsere arme zu kleiden anfing." – Lauter Beifall wurde diesem Gedanken zugelacht; ich aber konnte mich nicht entalten, Julien zuzuflüstern, dass ich mich sehr glücklich achtete, einen so festen Glauben an reine und edle Beweggründe der ausübenden Menschenliebe zu haben, weil mein Herz mich von dieser Wahrheit überzeugte; und dass, wenn ich so reich und unabhängig wäre, als diese Frau, ich jede gute idee zu Handlungen machen würde, was man auch immer für Auslegungen darüber finden möchte. –

Ihre Gedanken, Mariane! die Ihrigen allein will ich über mich und über diese Frau anhören und befolgen.

drei und funfzigster Brief

Noch zweimal war ich umsonst in der Vorstadt; aber Madame Guden schrieb mir heute ein Billet: "Sie suchen mich so anhaltend, dass es undankbar wäre, wenn ich Ihnen nicht entgegenginge. Aber ich werde Ihre Glückseligkeit nicht vermehren, und Sie meinen Kummer nicht mindern. Kommen Sie Morgen zu unsrer Wöchnerinn, aber allein; denn ich will keine feine Leute sehen. – G u d e n ."

Das Stutzige dieses Tons hätte mich bald zurück gehalten, aber das Sonderbare lockte mich wieder. Ich ging also hin, ungeachtet es stark regnete, wie es Septembertage machen. Ich fand sie