sein soll, was sie mitbrachte; denn alles weisse Zeug, Maublen und Kleider schafte sie sich hier an. Aber in die Stadt hat sie noch keinen Fuss gesetzt. Nur einsame Spatzierfahrten machte sie in ihrem artigen Englischen Wagen, stieg an dem Wäldchen mit ihrer Kammerfrau aus, und ging allein, von ihr entfernt, spatzieren. Das Clavier soll sie ganz vortreflich spielen, und der Ton und die Musik ihrer stimme fasst, nach Herr Ott und G**, die sie auf der Stadtmauer belauschten, so viele Kunst in sich, dass sie sie für eine, durch ihr Talent bereicherte, Sängerinn halten, die durch ein Teaterunglück, oder einen Anfall von Eigensinn, der diesen Personen oft anklebt, hieher gekommen ist, um ihrem Andenken eine Stelle in dem Tempel des Ruhms und der Tugend zu erwerben. – Dies sagten mir die boshaften Leute just den Abend, da ich, ganz von ihr eingenommen, meine Unterredung mit ihr erzählte und ihr Bild beschrieb, so wie es mir erschienen war. Es mag sein, wie es will, so freut mich ihre Bekanntschaft, und ich werde sie fortsetzen, so weit sie es gehen lassen wird.
Gestern und vorgestern hat es stark geregnet, und ich war heute nicht ganz wohl. Aber Morgen Abend werde ich mit Julien. Orten, Herrn und Frau G**, selbst auf die Mauern klettern, um sie singen zu hören. Adieu! von
Ihrer
Rosalia.
Zwei und funfzigster Brief
Wem soll ich danken? Ihrem Herzen, Ihrem Genius, oder beiden zugleich, die mich die Freude geniessen lassen, jede meiner Ideen und Empfindungen vor Sie dringen zu können, wie man sich vor einen Spiegel stellt, um durch ihn das schickliche und unschickliche der Kleidung und Gebehrden, Fehler und Vollkommenheiten der Gestalt zu erblicken, welcher auch unermüdet, über den bei grossen und kleinen Anlässen vervielfältigten Gebrauch, immer mit gleicher Redlichkeit das Güte und Tadelhafte beleuchtet. So lässt mich auch, Mariane, Ihr reiner, von allen Vorurteilen freier und lichtvoller Geist, jedes Bild meines Verstands nach seinem eigenen Wesen, aber auf allen Seiten beleuchtet, wiedersehen. – Die Güte, Sanftmut und Wahrheit Ihrer Seele zeigt mir, was richtig, falsch, gut oder bös ist; und so, meine Mariane, sind Sie für mein Herz und meinen Kopf Belohnung und Warnung geworden. dafür danke ich Ihnen auch mehr, als ich sagen kann.
Nun! Ich habe die fremde Frau singen hören. Alles, alles müsste mich betrügen, wenn nicht eine edle, tiefe leidenschaft in ihrer Seele liegt. Solche Tone gibt die Kunst allein nicht. Ihr Recitativ ist die Rede einer wahren gefühlvollen Seele, die das Uebermaass ihrer Empfindungen in einem einsamen Selbstgespräch ausströmen lässt. Ihre Arien sind Trost, den sie sich zuspricht, Aussichten in bessere zeiten, die sie sich zeigt, und dankbare Wiederholung des genossenen Glücks. Den ganzen Tag giesst sie Freude und Wohlsein über alles, was sie umgiebt, und des Nachts, wenn diese Glücklichen ruhn, sucht sie durch den Zauber der Musik den inneren Jammer ihrer Seele zu lindern um auch schlummern zu können, und zu neuen wohltätigen Werken Kräfte zu fassen. Dieses war, was ich Mädchen in jeder Faser meines Herzens fühlte, als ich auf die oberste Stufe der Stadtmauerstiege mich setzte, und stille süsse Tränen des Mitfühlens weinte. – Die rasche Frau G** lobte sie, behauptete aber mit den Männern, dass es gewiss eine Teaterheldinn wäre. Ott hatte nichts gesprochen, aber die andern so oft stillschweigen heissen, dass seine Julie, die alles Einnehmende ihres Spiels und Gesangs empfand, ihrem Mann beim Zurückgehen mit Schluchzen sagte: "Lieber Ott! versprich mir, dieser Sirene nicht öfter zuzuhören." – Er umarmte sie, stillschweigend; und da er auch niemals mehr von ihr sprach, so glaube ich, Juliens Vermutung einer aufkeimenden anhänglichkeit wag richtig gewesen sein. –
Ich besuchte tages darauf meine Wöchnerinn, in Hoffnung, die Fremde zu sehen. Aber sie hatte den ganzen Tag in einem haus zugebracht, worinn zwei kranke Kinder waren, denen sie Tod und Leiden, durch Erzählung von Engeln und himmlischen Gespielen, zu versüssen suchte, und mit grösster Zärtlichkeit jede Erleichterung und Erquickung gab. Der Knabe von zwölf Jahren, dem sie von der Beschäftigung der, Engel redte, und ihm die Aussicht zeigte, dass er vielleicht zum Schutzgeist seines jüngern Bruders bestimmt würde, hörte ihn lächelnd zu, hob seine matten hände gegen Himmel und sagte: "O Gott, ich glaube, es, denn diese Frau ist gewiss ein Engel, den du in unsere arme Vorstadt schicktest." – Sie stunde von ihrem Stuhl auf, fasste seine gefalteten Händen in die ihrigen, küsste die Stirne des Kranken: "Erler, seliger Knabe, wie gern glaubtest Du Gutes! Du wirst bald Engel sehen, mein Lieber, und bei ihnen alle Dein Leiden vergessen." – Freude glänzte noch in dem sterbenden Auge des Jungen und seine Eltern fassten Trost darüber. Das jüngere Kind starb eher, und das laute Wehklagen der Mutter machte den kranken Knaben unruhig, und beförderte auch seinen Tod. Da ging Madame Guden, (so nennt sie sich,) weg. Sie kann nicht bei toten sein, und sagt: "Für Herz und Seele will ich alles tun, aber die kalte Unempfindlichkeit gibt mir selbst den Todesschauer zu fühlen." – Sie bezahlte alle Leichentosten, und besuchte die Leute nach dem Begräbniss fleissig.