liebe, artige Märchens! ist es gewiss der schönste Augenblick des Lebens, diese Gesinnung in der Seele meines Nebenmenschen erweckt zu haben. Ich wünsche." setzte sie mit einer Verbeugung gegen uns alle hinzu, "dass in neunzehn Jahren ein eben so gefühlvolles Mädchen, wie unsere Julie ist, Sie meine jetztblühende Freundinnen, der Verehrung ihrer Zeitgenossen versichern möge!" –
Mich deucht, diese Frau hat die Gabe, ihren Umgang liebreich und angenehm für junges Frauenzimmer zu machen. Ihre siebenzehn Jahr alte Tochter war mit bei uns, Diese hat auch einige bedeutende Züge in ihrem Tun und Wesen. Zum Beweis, sie spielt Clavier; hat aber ihren ganzen Fleiss allein auf den vollkommensten Ausdruck und Nettigkeit des Andante verwendet, worin sie auch bis zur zauberischen Rührung gekommen ist, indem sie jetzt schon entweder die süsseste Schwermut, oder die sanfteste Seelenruh in ihre Zuhörer bringt, und die ausserordentliche Fertigkeit ihrer Finger nur in einem Laufe zeigt, den sie am Ende eines Adagio anschliesst, eh sie es das zweitemal wiederholt. Denn, nachdem hört sie nur durch eine Art von Seufzer auf, und lässt einem das ganze Gefühl, so sie gab. Sie hatte bisher auf dem Landgut ihrer Eltern die Obsorge für die Blumen und wohlriechenden Kräuter; die Tauben- und Hünerzucht stunde auch unter ihr, und das Confect. Nun aber bekommt sie auch künftiges Jahr den Gemüsgarten, Kenntniss der Obstbäume, Küchenaufsicht, nebst der Spinn- und Weberei, mit der ganzen Weisszeugkammer zu führen. Kann sich hingegen von ihren Eltern verschiedene Geschenke ausbitten. Die geschichte hat sie mit ihrem ältern Bruder gelesen, und der Caplan des Orts lehrt sie der Frau Unzerinn Weltweisheit für Frauenzimmer, und Moral, nebst der Englischen Sprache. Den Winter über bekommt sie in der Stadt Unterricht im Zeichnen, Tanzen und Frauenzimmerputzarbeiten; und hier nimmt auch ihre Mutter den Vorrat von schönen Büchern mit, die dann bei den Frühstücken und an Regentagen gelesen werden. Wilhelmine B** wird, ohne besondre Schönheit, eine der reizendsten Personen unsers Geschlechts. – Aber, sie bittet das Schicksal auch um einen Landmann. Denn das erste Gefühl von Freude und Schönheit der natur ist ihrer Seile in einem in voller Blüte stehenden Baumgarten gegeben worden, worinn ein zahmgezogenes Huhn und ein Schäfchen, auf dem nehmlichen Teller, Brod und Milch mit ihr assen. Der Ort, wo von ihr gepflanzte Rosen und blaue Holderstücke aufwachten wo sie, an der Seite ihrer Mutter, kranke Frauen und Kinder besucht und erquickt hat, wo sie ihre Eltern segnen hört, muss der gewünschte Wohnsitz ihrer Glückseligkeit sein. – Einmal, meine Mariane! einmal möchte ich diese Familie mit Ihnen und dem Freunde meines Herzens auf einige Tage besuchen! Aber, die besten, die edelsten, oft leichtesten Wünsche, werden am wenigsten befriediget. Wissen Sie es, warum nicht?
Ein und funfzigster Brief
Ich habe die letzten Tage allein mit meinem kopf zugebracht, und seitdem noch eine sonderbare Bekanntschaft gemacht. Unser Ott erzählte, dass die fremde Frau, die in den Vorstadt wohnt, sich eines von den zwei neuen Häusern an der Mauer gekauft hätte, von dem sie den untern Stock zu einer Schule der Vorstadt einrichte, wozu sie sich von dem Magistrat die erlaubnis ausgebeten. Bei allen armen da wohnenden Handwertsleuten habe sie Arbeit bestellt, und bei den geschicktesten davon arme Lehrjungen aufgedingt, wofür sie ein gutes Lehrgeld bezahle, um auf diese Art den Leuten wieder aufzuhelfen, und ihre Kinder aus dem jetzigen Elend zu reissen und vor dem künftigen Verderben zu bewahren. Von dem Magistrat habe sie sich ausgebeten, dass in zwei Jahren Niemand weiter in die Vorstadt ziehen dürfe. Ihren Stand und Herkommen wisse man nicht; aber Amsterdamer Kaufleute hätten ihr an die besten hiesigen Häuser offene Wechsel gegeben. – –
Urteilen Sie nach der Kenntniss meines Charakters, was diese Erzählung auf mich würkte, und wie begierig ich wurde diese Frau auch nur von ferne zu sehen. Glücklicher Weise hatte ich meinem Schuhmacher, der in der Vorstadt wohnt, schon lange versprochen, sein Kind aus der Taufe zu heben. Dies geschah vor einigen Tagen. Ich ging daher in sein Haus, wo ich die Wöchnerinn, die vier ältern Kinder und das nötige Hausgerät in der grössten Ordnung und Reinlichkeit antraf. Dieser Anblick freute mich so, wie er mich in Erstaunen setzte. Der Mann merkte es und sagte: "Sie wundern sich, dass alles so schön und gut ist, weil sie mich immer als einen armen Mann gesehen haben. Aber die fremde Frau hat schon etliche Haushaltungen so eingerichtet. Sie ist selbst herumgegangen, hat alles durchsucht; was zerbrochen war, liess sie durch unsere arme Handwerksleute ausbessern, was am nötigen Hausgerät mangelte, kaufte sie uns, kleidete die Kinder, liess alles sauber putzen und waschen, hernach gab sie mir und meiner Frau die Hand, und wünschte, dass wir glücklich leben möchten. Alle Leisten, Leder und was mir fehlte, hat sie mir auch geschaft. Gort verhelt ihrs!"
Die Frau im Bette weinte Tränen der Freude, während ihr Mann erzählte und fing an, halb schluchzend zu sagen: "Ja, das ist alles wahr. Mir hat sie Leinen und Betten gegeben, auch Flachs und Hanf zum Spinnen. O, wenn ich leben bleibe, so kann ich jetzt als eine recht brave Bürgerfrau stehen, und auch meine Mädgen dazu ziehen. Sie wollte meine Gevatterinn werden, aber ich sagte, dass wir schon eine so gute fremde