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Zufriedenheit und Notdurft haben könnten: nein, er redet ihre einfache bedeutende Sprache; zeigt ihnen die achtung, die er für ihre arbeitsame Hand in seinem Herzen hat; und übt auf seinem Landgute jede dieser Handarbeiten selbst. Er hat sich die Kenntniss des Erdreichs, der Pflanzen, Bäume und Erze eigen gemacht, und kann daher den Bauern des Kornlandes zu mehrerer Benutzung ihrer Acker und Wiesenstücke helfen; und den Weingärtnern zu besserer Besorgung des Rebstocks und der Obstbäume. Er hat es aber mit der äussersten Menschenfreundlichkeit anzufangen, und sie nicht mit der Miene des Besserwissens und Tadelns zurück gescheucht, sondern gesagt, es wäre ihm erzählt worden, dass in dieser Gegend diese Versuche sehr gut geraten wären und so viel Nutzen daraus gekommen sei. Er machte die Proben zuerst, legte sich meist auf Abkürzung und Erleichterung der Arbeit, ob er sie schon unter der Hand in vielfache Aeste verbreitete. Er selbst streute im Spatziergehen Heu- und Kleesamen auch vernachlässigte Plätze der Gemeinde- oder Bauernwiesen; befreite die Obstbäume von Moos; pfropfte gute Zweige darauf, zog dann vielerlei Dünger, nahm den neu erfundenen auf welchen die Landleute kein Vertrauen hatten, für sein Feld und Gärten: und schenkte indessen den armen Bauern den Ueberfluss des bekannten; sorgte für die Kranken, für die Schulkinder, und liess diesen von Jugend auf den höchsten Grad der Liebe gegen ihren Schöpfer und der Reinlichkeit einflössen. Umliegende Beamte suchte er zu seinen Freunden, um sie zu wohlwollenden Vorstehern der ihnen anvertrauten Untertanen zu machen. Sein Anblick ist für den ganzen Umkreis seines Gutes eine Wohltat, und er war es auch für mich! Von dem Augenblicke an, da ich seine Geschäftigkeit im Wohltun kannte, und die Anzahl der Leute seines Standes berechnete, wovon immer hundert in den Städten wohnen, gegen einen auf dem land: so fand ich gar nicht übel, dass Einer eben so viel mit Leib und Seele dem Landleben ergeben ist, wie die neun und neunzig andern dem Gewühle der Stadt! Was soll auch ein, so ganz vom Wohlwollen überfliessendes Herz für einen Wohnplatz suchen, als den, wo die meisten Wesen mit ihm sympatisiren? jedes Grashälmchen, jede Aehre, und Pflanze, jeder Obstbaum und Weinstock, führt Wohltätigkeit in den kleinsten Saftteilchen bei sich; Luft und wasser haben es auch, weil sie reiner sind als in den Städten, so dass, wenn das Auge des wohlwollenden Menschen über die Fluren hinschaut, seine Seele in dem nemlichen Augenblick das innige Vergnügen fühlt, lauter guttätige Geschöpfe zu erblicken. Reine, vollkommene Freuden, die er in der Stadt nicht gefunden hätte, weil da das Glück und die Bedürfnisse nicht mehr einfach sind, und also auch durch verschiedene Wege erlangt werden müssen, und meistens diejenigen, welche voraus gehen, oder die andern durch geschickte Nebengänge übervorteilen, unmöglich als wohlmeinend angesehen, oder geliebt werden können! Herr B** kommt auch sonst allezeit erst im halben November in die Stadt, und eilt am Ende des Februar wieder zurück, um den Anfang des Frühlings nicht zu verlieren; weil, wie er sagt, auf dem land jeder Busch und jede Staude ein fröhliches Aussehen über die wiederkommende Kraft der Sonne hätte, Menschen und Tiere dankbar neues Leben und Wonne fühlten; und ihm die kaltsinnigen Gesichter der Städter, womit sie dem verjüngten Jahr entgegen sähen, unerträglich wären, weil sie die Freuden, welche diese schöne Jahrszeit verspreche, nicht als Wohltat, sondern gleichsam als schuldige Abgabe der natur annehmen. Seine Frau gehört in die klasse derer von dem Charakter der Madame G**. Eine probe davon mag die artige Wendung geben, die sie letzt, bei einer Unterredung von Spiegeln, einem Gedanken gab, da wir jungen Frauenzimmer uns die Beschreibung von einer Glas- und Spiegelhütte, und deren Verfertigung von dem Herrn B** ausgegeben hatten. Sie scherzte über unser andächtiges Zuhören, und sagte, sie wäre sicher, dass wir den ersten Spiegelschleifer in unsern Herzen segneten, weil der liebe Mann der Stifter aller der süssen Stunden sei, die wir unsern artigen Gesichtern widmeten! Sie aber sie hätte ohnlängst die Entdeckung des moralischen Verdienstes ihres Spiegels gemacht, dem sie in unsern Jahren auch jede äusserliche Verzierung zu danken gehabt; von dem sie aber nun alle Tage die freundliche Erinnerung erhielte, dass jetzt Weisheit und Reinlichkeit allein den gesellschaftlichen Wert ihrer person bezeichneten, ja, dass er ihr letzt, bei aufkeimenden zu, zärtlichen Gesinnungen für einen liebenswürdigen Mann, ganz derbe gesagt hätte: Liebe und Grazien wohnten sehr gerne in schön geworfenen Falten eines Kleids, oder Halstuchs, aber nimmermehr in den anfangenden Runzeln eines verjährten Gesichts, Sie hätte auch, seit demselben Augenblicke ganz bescheiden die Verzicht auf alle Ansprüche des Gefallens unterschrieben.

Der muntre, und dabei sanfte Ton, mit dem sie dieses sagte, hatte uns gefreut. Julie U**, die eine nahe Verwandtinn von ihr ist, küsste ihre Hand und sagte: "Sie werden jetzund aber durch die Verehrung schadlos gehalten, die beide Geschlechter für Ihren Charakter haben!"

"Ja, meine Julie! dies ist ein grosser Ersatz, wenn unser Herz uns des zeugnis gibt, dass wir Verehrung verdienen, weil es das Höchste ist, was ein Mensch dem andern geben kann; denn, ich glaube, wir gebrauchen diesmal den Ausdruck nicht, wie er in Ansehung der Grossen und Mächtigen aussieht, sondern, wenn ich jemand von meinem stand Verehrung beweise: so muss sie durch das vorzügliche Verdienst des Geistes und der Tugend erworben sein. Und dann,