Gott', sagte er, 'vielleicht liebt sie einen Abwesenden, oder Untreuen! und doch kann ich nur mit ihr, nur durch sie glücklich sein!' – Er jammerte mich ungemein! Ich bat ihn, sich zu beruhigen, ich würde suchen, alles zu erfahren, was sie anginge. Er wollte, dass es noch den nemlichen Tag sein mögte, weil er fürchte, sein Vater spräche morgen den ihrigen. Ihre jüngere Schwester ist an einen meiner Bekannten verheiratet, und sie wohnen in Herrn Puntig haus. Ich dachte gleich, ein melancholisches Herz hat allezeit was Edles in sich; und dann muss es das Mädchen freuen, dass sie von allen Gegenständen der sichtbaren Welt, und von ihrem ganzen Geschlechte, das einzige ist, so in seiner Seele haften blieb, und idee und Wunsch von Glück für ihn war. Ich redte gerad mit ihr. Ich nahm die Zeit, da ihre Schwester und Schwager ausgegangen waren. Schenkte der Jungenmagd ein schön Stück Geld, sie sollte die Lioba herauf bringen. Sie kam hastig, weil ihr das Mädchen gesagt es fehle dem kind ihrer Schwester Etwas! Sie erschrack, als sie mich im Wohnzimmer sah, und wollte gleich ins andre gehen. Das Mädchen sagte ihr aber, es wäre Nichts, als dass ich mit ihr sprechen wollte. Sie stutzte sehr und war unwillig, dass das Mädchen sie mit dem Uebelsein des Kindes erschreckt hätte! Ich war da zu ihr getreten, und fasste sie bei der Hand, weil sie wieder zu der tür hinaus wollte. Ich sagte: 'Es ist wahr, dem kind fehlt nichts; aber ich habe einen unglücklichen Freund. dem Ihr gütiges, mitleidiges Herz Trost geben könnte!' – Sie errötete, und wollte ihre Hand wegziehen. 'Ein unglücklicher Freund von Ihnen, und ich? Herr Ott, was wollen Sie damit?' – 'Mein Freund Kahn ist gewiss unglücklich, und er möchte wissen, ob Lioba Puntig Mitleiden mit ihm hat?' – Hier fing sie an zu zittern und zu wanken. 'Herr Ott! Herr Ott!' stotterte sie. Sah mich starr an, und den Augenblick weinte sie heftig. Ich führte sie zu einem stuhl und küsste ihre beiden hände, ihr Schnupftuch und ihre Tränen. 'Tausend, tausend Dank, liebe Mademoiselle Puntig, für diese aufrichtige Bewegung Ihrer Seele! Es ist das Glück meines Kahns! Er liebt Sie, er betet Sie an; Sie, Ihre Liebe allein können sein Leben versüssen!' – Sie wandte sich um, lehnte ihren Kopf, mit dem Schnupftuch vor den Augen auf den Stuhl, und hielt mit der andern zitternden Hand die meinige fest. Nun erzählte ich ihr kurz alles, was meinen Freund anging. Sie weinte stark, aber sanft. Endlich trocknete sie ihre Augen und suchte was in ihrem Schubsack; es war ein kleines Calenderchen von vier Jahren her, auf dessen vordersten weissen Blättchen ihr Name ausgeschnitten war. 'Da sagen Sie Herr Kahn, dies wäre das einzige und erste Kennzeichen seiner Freundschaft für mich gewesen, und ich hätte es mit zärtlicher Liebe bewahrt, und seit dem Leiden seiner Augen ist kein Tag vorbei gegangen, wo ich es nicht mit meinen Tränen benetzte! Wenn die reinste, innigste Liebe und Bedauren sein Glück machen kann: so wird er es in diesem Herzen finden.' – Hier wies sie auf ihre Brust. Und nach einigen Minuten sagte sie: 'Herr Ott! Sie haben mich überrascht; ich sah auf einmal alle meine Geheimnisse und mein Wohl in Ihren Händen! Ich bin aufrichtig, ich konnte mich nicht verbergen; ich überlasse Ihnen alles.' Ich eilte zu Kahn, den ich mit dem Fieber des Verlangens auf seinem Bette antraf. Der gute Mensch wusste sich nicht zu fassen, und brachte seinen Vater noch des Abends zu Herrn Puntig. Ich führte ihn zu Lioba ins Nebenzimmer. Er konnte nicht reden. Sie eilte zu ihm: 'Ach Kahn! mein werter Kahn!' – und hier hatte sie seine beide hände an ihre Brust gedrückt, ihre zärtliche Blicke auf die geschlossenen Augen von Kahn geheftet; ein Strom von Tränen floss auf seine hände. Er sank auf seine Knie: 'O, Gott sei Dank, diese Tränen sind Liebe!' Er küsste sie von seinen Händen weg. Lioba kniete hin bei ihm. Ich ging und sah noch an der Tür, dass sie seinen Kopf an ihr Herz drückte, während ihr schönes Auge bittend gegen Himmel erhoben war. Nach einer guten Stunde kamen die Eltern und gaben Willen und Segen zu dem Bündniss. Von da an ist mein Freund ruhig, freudig und gesund. Sein Umgang und Unterredungen munter und voll Scharfsinn. Sie sollen mit uns, wenn wir Sie besuchen; und, gewiss, Ihr Geist und Herz werden sehr zufrieden sein! Es ist unmöglich, ein vollkommners Bild wahrer Liebe und reiner Zufriedenheit zu sehen, als Kahn und Lioba! Alle Welt schätzt sie hoch, und ihr Landhaus ist der Wohnsitz jeder edlen Anmut des Lebens."
Ich weiss nicht, Mariane, was diese Erzählung auf Sie wirkt; aber ich war in süsser Wehmut zerflossen. Wir kehrten langsam zurück, und fanden den vortreflichen jungen Mann, mit der Flöte in der Hand die Musik zu den Tänzen accompagniren. Bei den Reihen um die Obstkörbe schloss er sich mit an. Seine zärtliche Lioba tanzte mit. Ott hatte mich ihr als die beste