Wankendes der Schritte, und zu stark niederhängenden Kopf, mit beinah geschlossenen Augen. Frau Kahn machte uns allen eine sehr artige Verbeugung. Ort und Julie hatten beide frei gelassen, und so bückte er sich auch. Jure besten Bekannten drangen sich um sie, und bewillkommten beide. Ich sah sie erst wieder, da sie sassen, Otte vor ihnen stunde und mit beiden ernstlich redete. Ich wandte mich zu Madame G**, die ich nach dem zug von Sonderbaren fragte, der seit der Ankunft dieser zwei Personen durch alles erschien? Sie antwortete: "Ich glaube es, gute Rosalia, dass Sie nicht wissen, was wir alle wollen! Mein Vetter soll es ihnen erzählen!" –
Ott kam eben auf uns zu. Sie sagte ihm meine Neugierde, und er versicherte, dass er mich gesucht hätte, um mir seine Freunde Kayn bekannt zu machen. Ich sagte ihm kurz alle meine gehabte Ideen. Er lächelte etwas. "Wie schön mahlen Sie, meine Freundinn, und wie leid ist mir es, dass mein Kahn Ihre Physiognomie nicht sehen kann; denn, Rosalia, der edle, liebe Mann, ist blind!"
Ein tiefer Schmerz durchdrang mich, um so mehr, als ich von dem platz, wo ich mit Otten redte, Kahn und seine Frau sehen konnte. "O, wie unglücklich ist das! Aber, wie kam es?"
"Aus einer elenden Ursache, Rosalia! Er war sechszehn Jahre alt, und wollte Abends seine Strumpfbänder losmachen, wurde über einen Knoten ungeduldig; will ihn mit einem spitzen Federmesser entzwei schneiden; dieses glitscht aus und gerade in ein Auge, das den Moment verlohren war, und die gewaltsame Vermundung, die schmerzhafte langsame Kur des einen Auges, hat die gänzliche Schwächung des andern nach sich gezogen." –
Ich hatte meine Augen voll Tränen der Wehmut, und Ott fuhr fort: "Glücklicher Weise ist, er Sohn des reichsten Hauses in unserer Grgend. Sein Vater suchte junge Leute aus, die ihm nach seiner Genesung vorlesen, Musik machen, und Gesellschaft halten mussten. Er hat grosse Kenntnisse in allen Teilen der Philosophie und Historie, Sprachen, Poesie und Musik. Auf dem Clavier phantasirt er ganz ausnehmend, aber durch sehr melancholische Gänge und Auflösungen, weil er es am meisten in der Zeit übte, da nach der Heilung des verwundeten Auges ihm die ärzte zugleich den gänzlichen Verlust des andern anzeigten. Auf dessen Erhaltung er immer gehoft, und sich über alle Schmerzen des erstern getröstet hatte! Nach der Zeit mengte sich Ausdruck der Zärtlichkeit darunter, als er lang Wünsche nach seiner Geliebten aus Bescheidenheit in sich verbarg. Sein Vater war drei Jahre abwesend. Erst nach dessen Zurückkunft eröfnete er der väterlichen Liebe sein Anliegen, und erst dann auch fragte er, ob die zwote Tochter des Herrn Puntig noch lebe und unverheiratet sei? Die Versicherung über beides war in vier Jahren der erste Augenblick Freude, die in sein Herz kam. Er hatte sie nur wenige Zeit vor seinem Unglück kennen gelernt, und durch sie das Erstemal Liebe gefühlt. Ihre Gestalt war in seiner Seele geblieben. Die idee ihres ganzen Geschlechts war für ihn allein mit ihrem Bilde verbunden. Jede poetische, oder mahlerische, und bildhauerische Beschreibung einer weiblichen Figur, war, in seinem geist, Lioba Puntig. Sein Vater willigte gleich in seine Wünsche, und versprach, das Mädchen so reich zu machen, dass sie sich sehr glücklich achten solle, seine Frau zu werden. Aber, mein guter Kahn wollte das nicht. Er wollte Liebe. Ich war damals von meinen Reisen zurück gekommen, und brachte alle Abende bei ihm zu. Denn wir waren von der Schule an Freunde gewesen. Ich gab mir alle Mühe, ihm einige Stunden zu versüssen; fand ihn aber meist tiefsinnig und traurig; doch war ihm meine Gesellschaft, wie er sagte, die liebste. Wie oft verliess ich ihn mit äusserstem Kummer! Wenn er mich mit Tränen und Seufzen umarmte, eine meiner hände an seine Brust drückte, oder küsste, und dennoch niemals von seinem inneren Weh mit mir sprach. Aber, nach der Unterredung mit seinem Vater, liess er mich rufen, und fing an, mir für all meine Neigung und Güte für ihn zu danken. Er entschuldigte sein bisheriges Stillschweigen; erzählte die Ursache, ohne seine Lioba zu nennen, und da er mir den Vorsatz seines Vaters bekannt machte, setzte er hinzu: er wisse, dass sein grosses Vermögen ihm leicht eine gattin schaffen könnte, die ihre Eltern dazu verbinden, oder sein Gold locken würde. 'Aber, mein Herz will Liebe! Ach so viel, wie Du mich liebst,' sagte er; 'Du opferst mir so viele Monate, alle muntre Abendgesellschaften auf; Dein edles Herz nähert sich im Wohltun, das Du mir beweisest; sag' mir, ich bitte Dich! liebest Du ein Mädchen in unserer Stadt? O, sag' mir es redlich!' – Seine Hand und seine Lippen bebten, als er mir diese Frage tat, die allein aus der sorge kam, dass ich ein Auge auf Lioba hätte. Ich versicherte ihn feierlich, nein! Er umarmte mich: 'O, so stören meine Wünsche Dein Glück nicht, und Du bist den meinigen nicht hinderlich! Kennest Du Lioba Puntia?' 'Ja, aber nicht viel, denn sie soll melancholisch sein, und lässt sich daher nicht viel sehen.' 'Ach