1779_La_Roche_065_62.txt

wie glücklich bin ich, während meinem Aufentalte in dieser Stadt, wo mir so viele Gegenstände vorkommen, die meine Empfindungen in einer immer gleich starken und gleich reinen Bewegung erhalten! Sie wissen, dass ich missvergnügt war, nach den vier ersten Prunktagen von Juliens Hochzeit nur Einen zu rasten, und den sechsten schon wieder zu einem Gastmahl und Tanz aufs Land zu reisen! Aber wie reichlich wurde ich schadlos gehalten! Nicht durch das lachen der muntern Freude, oder durch das abwesende Bild von jetzigen und künftigen glücklichen Tagen, welche dieses Bündniss bezeichnen; nein, es war durch die süssen Tränen, der innigsten, tiefsten Rührung der Seele, bei der ich die Güte der Vorsicht aufs Neue erkannte, da sie jedem gegenstand des Vergnügens eine unendliche Mannigfaltigkeit gegeben hat. Wir waren nach dem Mittagsessen in den Baumgarten gegangen, in welchem, nach hiesiger Gewohnheit, eine Anzahl Bäume entweder einen runden ovalen, oder viereckigten Platz ausmachen, den man den Baumsaal nennt. Der Boden wird mit der äussersten Sorgfalt eben gehalten, und das Gras kurz geschnitten und gestampft. Zwischen zwei Bäumen eine Bank für vier Personen, dann zwei Bäume, etwas näher zusammen gesetzt, frei gelassen, weil man da in die Obstgänge spatzieren kann. Dann wechselsweise wieder Bänke und frei um den ganzen Saal; ausgenommen den Eingang, der ganz offen ist. Hier werden, während der Blüte, und dann auch im Herbst, wenn das reife Obst an den Bäumen hängt, Tänze gehalten; mit dem einzigen Unterschiede, dass im Frühjahr jedes Mädchen und jeder junge Mann einen Strauss von Blüte auf ihren Hüten träget, im Herbst aber so viel schöne Handkörbe beigebracht werden, als junge Leute da sind, die erst, so viel sie wollen, unter den vollen Zweigen tanzen, und dann jeder seinen Korb mit den schönsten Früchten zu füllen suchen; wo die jungen Mannsleute selbst auf die Bäume steigen und für sich und ihre Tänzerinn dabei sorgen. Diese Körbe werden dann mitten in den Baumsaal gestellt, und ein Reihentanz darum gehalten. Auch, wann Mädchen dabei sind, die eine artige stimme haben, Lieder dazu gesungen. Die ganze Obstlese aber wird erst den zweiten Tag hernach gemacht. Diese Gewohnheit gefällt mir ungemein! Es ist so viel Wahrheit und Einfalt der alten Zeit, mit Zierlichkeit und Kunst der Neuern verbunden! Jedes Alter hat seinen Anteil daran. Bei den ersten Tänzen sehen die Väter und Mütter zu; in die Reihen mischen sie sich öfters, und diese werden von den kleinern Kindern um ihre Körbgen auf der andern Seite auch gehüpft; so, wie auf einer dritten, bei der nemlichen Musik, auch Mägde und Bediente im Kreis lustig herum springen. Madame G** gab dieses fest in dem schönen Baumgarten, den sie von ihrer Familie erbte, und ihn, wie sie sagt, wegen des grünen Saals, so lange sie lebt, behalten wird, weil sie sich darin der süssesten Tage ihrer Kindheit und erwachsenen Jahre erinnert. Mir wird dieser Baumsaal auch unvergesslich bleiben. Denn, als wir eine Zeitlang Englisch getanzt hatten, so hiess es auf Einmal: Herr Kahn und seine Frau wären von ihrem Landgut herüber gekommen, um dem jungen Paare ihre Glückwünsche abzustatten. Ort und seine Julie liefen ihnen mit Eile entgegen. Wir waren alle stille, und ich bemerkte in Stellung und Mienen der meisten Anwesenden einen Ausdruck von Achtsamkeit des Herzens, wenn ich so sagen darf, und ein festes Blicken nach dem Eingange des Gartens. Man stellte sich auch in eine Art von sanfter Ordnung; so, wie etwas dergleichen zu geschehen pflegt, wenn in einer Gesellschaft eine person von höherm Range angemeldet und erwartet wird; ausgenommen, dass hier keiner von den Seitenblicken, oder etwas von dem leisen Zischeln erschien, welche sich meistens bei der Ankunft eines unerwarteten, oder ungebetenen Gastes bei einem teil der Versammlung zeigt. Madame G**, als Hauswirtinn, war ihnen auch entgegen gegangen, und ich konnte also niemand um den Aufschluss dieses kleinen Rätsels fragen. Endlich kamen sie, und mein staunendes Umgucken nahm zu. – Möchte ich nur, meine Mariane, den Eindruck ihrer Figuren, wie sie von Ferne waren, und den, welche die moralische Stimmung ihrer Seele, bei ihrer Annäherung in ihren Gesichtern zeigte, recht beschreiben können! Ottens und Juliens schöne Personen kennen Sie schon. Diese waren, als Neuvermählte, mit den bunten Farben des Glücks und der Freude bekleidet. Herr Kahn, ein schöner junger Mann von vier und zwanzig Jahren, in einem hellgrauen seidenen Herbstzeug, mit silbernen Quastenknöpfen, sehr nett und zierlich angezogen; seine sehr edelgebildete Frau ganz weiss gekleidet, mit violetten Schleifen um den Hals, die Brüst, arme und den Strohhut, welches ihrer zärtlichen Gesichstfarbe und der süssen, ruhigen Traurigkeit, die in ihren Zügen lag, ganz reizend stunde. Er hing am rechten Arm von Otten, und hielt mit seiner abhängenden rechten Hand seiner eigenen Frau ihre Linke, die sich mit dem rechten arme an Julien anschloss. gang und Haltung von allen war schön und edel! Wahre Freundschaft und Vergnügen, sich zu sehen, bei der Hand zu halten, war in jedem gesicht. In Otten Spuren von Trunkenheit neu gefühlten Glücks; in seiner Julie, mit bescheidenem Stolz, die idee: Ich bin Ottens geliebte gattin! ich! und dabei noch der sorgsame Putz, immer gleich stark zu gefallen. Herr Kayn und sie, den ruhigen Ausdruck schon einige Jahre gewohnter Zufriedenheit. In ihm beobachtete ich etwas