die sich zum Besten des Freundes aufopfert, Altäre gebaut wurden, und wo diese Bewegung der menschlichen Seele höher geschätzt war, als Liebe, weil sie edlere und schönere Taten vor sich hat und hervorbrachte. Durch Sie, Mariane, bin ich mit jedem sanften, einnehmenden zug der weiblichen Freundschaft bekannt geworden. Sie haben alles für mich getan, was Ihr edles Herz nach den Erfordernissen des meinigen tun konnte. Es gibt aber Fälle, in denen die Verfassung der bürgerlichen Ordnung des Lebens unsere Neigungen beschränkt; so, dass sie nicht zu Handlungen werden können, und wo allein die Männer das grosse Vorrecht haben, von der Bewegung zum Entschluss, und von diesem zur Tat zu gehen. – Der Zufall, welcher gewiss, im Ganzen genommen, eine ungleich grössere Anzahl guter, als schlimmer Sachen veranlasst, hat mich vor zwei Tagen auf den Platz gestellt, wo ich diese grosse Verschiedenheit unsers Wirkungskreises mit der Männer ihren ganz nahe und in dem schönsten Licht sehen konnte.
Herr G** tat vor einigen Tagen den Vorschlag einer kleinen Jagd, die es, als Oberbeamter in R**, zu geniessen hat, und bat die Uebenswerte Familie und den Freund der ** dazu Madame G** nahm mich mit. Das Wetter war so schön, dass wir auf vier Tage da blieben, und uns aber, wegen Mangel der Zimmer, zu zwei und zwei, in Eines lagern mussten. Madame G** war bei mir. Madame ** und ihre Tochter wieder beisammen, und sodann Herr ** und sein Freund, gleich neben uns im dritten Stocke. Herr R** mit einem andern. – Wir waren alle sehr vergnügt. Nur den zweiten Tag beim Frühstück bemerkte ich, nach einer kurzen Abwesenheit der Frau G**, dass ihre Stirne bewölkt war. – Ich blickte sie daher öfters an: sie sagte wir auch mit freundlichem Drücken meiner Hand, und sanfter, als jemals ihre stimme war: "Rosalia! Ihre Augen fragen mich was; Sie sollens wissen, mein Schatz, sobald wir allein sind, denn es drückt mich hier!" (auf ihr Herz weisend)
Es war sieben Uhr des Morgens, als ein teil der Gesellschaft gleich nach der ersten Zerstreuung des Nebels durch die Weinberge in das kleine Haasenwäldchen wallte. Madame ** ging mit. Ihre Tochter aber in ihr Zimmer, um sich ganz anzuziehen. Meine G** auf einen Augenblick in die Küche, und ich in unser Schlafzimmer, wohin sie kam und gleich anfing: "Rosalia! was ist Ihr Oheim für ein Mann? kann er einer Frau die überfliessende Güte des Herzens vergeben? wäre er fähig, ihr ein Darlehn auf etliche Jahre zu machen?" –
"Liebe, liebe Madame G**, wie hastig tun Sie mir diese fragen; und Sie sehen ja ganz unwillig dabei aus!" –
"Vors Erste, mein Kind! ist mir sehr daran gelegen, es bald zu wissen; und dann, Rosalia! weis ich, dass die meisten Menschen die Züge des edlen, gütigen, grossmütigen Betragens gegen andre freilich gern erzählen hören, es mit Vergnügen in einer geschichte lesen, entzückt davon reden; und dann, in der gelegenheit, es selbst zu tun, durch die edelsten Ursachen zurück treten, und es von sich lehnen; freundschaftliche Bonde darüber zerreissen; aus einem brausendkochenden Kessel voll Sentiments, auf Einmal zum Eisklotz werden! – Ja wenn ich mein eigenes Herz nicht in mir schlagen fühlte, wenn ich meine W** nicht leibhaft, mit allen ihrem schönen bittern Kummer der Seele vor mir sähe; so glaubte ich selbst, dass Edelmütigkeit und Menschenliebe Träumereien der Poeten wären."
"Was für ein trauriges Bild mahlen Sie mir, liebe Madame G**! Aber, leider ist jeder Strich wahr! – Sagen Sie mir die Ursache davon."
"Die ist kurz gesagt, Rosalia: Meine teure, wenig gekannte, und oft misshandelte W**, deren Empfindsamkeit ganz für andrer Wohl und Uebel da ist, diese befindet sich in einer Bedrängniss, nicht durch Ausgaben der wollüstigen Tafel; nicht durch Weiblichkeiten des Putzes; nein! durch den, in der Ewigkeit schönen Fehler der überfliessenden Güte, Kummer und Elend von andern zu entfernen. Dies bat sie an den Rand eines unabsehbaren Jammers geführt, wo sie allein durch das Darlehn der kleinsten Summe von – – bis nach dem tod ihres nächsten Verwandten gerettet werden kann. Ich bin elend," fuhr sie mit Weinen fort, "sehr elend, dass ich es nicht tun kann! Sagen Sie, Rosalia, sagen Sie, würde Ihr Oheim mich darüber hören? Würde er darüber schweigen? Wärf' er nicht die würdige Leidende, und mich, und Sie, in die Korblake, wohin die Männer, in dergleichen Gelegenheiten, mit den Guten und Tugendhaften unsers Geschlechts zufahren, ohne sich zu sagen, dass sie ja alle, oft das Zehnfache, ohne Dank, und ohne Hoffnung der Rückgabe, verschwendeten!" –
"Liebe Madame G**, wie wert, wie unendlich wert wird mir Ihr Herz durch diesen Eifer, durch diese Tränen! Ich will alles bei meinem Oheim versuchen. Er ist gütig; er ist rechtschaffen, und wenn er fehlt, so schweigt er doch; und dann schreibe ich an meinen C**; dieser ist gewiss so edel empfindlich, dass er meinem Herzen, und den verdienstlichen Leiden der Madame W**, diese gefälligkeit erweiset. Wie viel Gutes tut er ohnehin! Er wird mich nicht umsonst flehen lassen." –
"Aber