blaue Augen, in welchen der Ausdruck himmlischer Sanftmut ruht; die edelste Form der Stirne und des Hauptes. Mit dem freien arme zieht sie das blaue Band ihres Corsets über ihre Brust, als ob sie sie schaamhaft damit in etwas dekken wollte, der andre liegt mit einem teil auf dem Tische, auf welchem ein Spiegel, ein Körbchen mit Blumen, Perlenschnüre und ein klein Tintenfass steht. Noch mit der Feder liegt ihre rechte Hand auf dem Blatte eines kleinen Hefts Papier, worauf sie schrieb: "Tugend sei immer die Schönheit meiner Seele, und Heinrichs Liebe mein Glück!"
Die vollkommne und still reizende Schönheit des Bildes, die Erinnerung des grausamen Schicksals dieses holden Geschöpfs, füllte mein Auge mit Tränen Die Tante drückte meine Hand und sagte mit Seufzen: "Ach! sie verdient die Zähren jeder guten Seele. Denken Sie, was ich gelitten habe, wie ich den Engel, so elend zugerichtet, vier monat lang leiden und endlich sterben sah! – Liebe, süsse Eufrosine!" sagte sie und küsste den Arm des Bildes gab dann Otten die Hand: "Ich danke Dir, dass Du den zwei wackern Frauenzimmern von Deinem Onkel und Deinen Tanten so gut geredt hast!" – Dann wies sie uns das Bild von Ottens Mutter. erzählte von ihr, und versicherte Julien, sie würde eine liebenswerte Schwiegermutter gehabt haben. "Ich will Sie dafür ansehen" sagte Julie. "Es würde mich vergnügen, meine Liebe, wenn ich nicht allen Entwürfen von Freude entsagt hätte! Ich nehme jetzt von einem Tage zum andern, was mir Gott zuweiset." – Hierauf gab sie uns ein recht artiges Abendbrod, und ging, nachdem sie die witwe und deren Tochter hatte rufen lassen, einige Augenblicke von uns, und band, bei dem wiederkommen, Julien eine schöne Schnur orientalischer Perlen um den Hals, nebst einer sechsfachen Reihe von nämlicher Grösse um die hände, wobei sie auf Eufrosinens Bild wies: "Es sind die nemlichen, die darauf gemahlt sind. Mein Bruder hatte sie mir gelassen." –
Wie es etwas später wurde und wir gehen wollten, fiel Otten ein, dass es Mondlicht wäre, wir wollten bei dem schönen Abend um die Stadt herum bei dem Einlasstor nach haus gehen, und indessen noch einige Zeit in der Tante Garten uns aufhalten. Das war ihr ganz Recht, und sie wies uns ihre liebe Einsiedelei, wie sie es nennte. Im Gehen wandte sie sich ungefehr um, und betrachtete dann den Schatten ihrer Figur, mit einer etwas ernsten Miene. Ott nahm ihre Hand: "Liebe Tante, auf was sehen Sie?" – "Hier auf meinen Schatten; er dünkt mich das traurige Bild meines vergangnen Lebens zu sein." – "Aber sehen Sie nur, alle unsere Schatten sind so." – "O, nein! der Umriss von den Eurigen zeigt die Frölichkeit Eurer Gebehrden und Eures Muts, so wie der meinige ein gebrochenes Herz und wankendes Leben anzeigt." – Julie fiel hier recht liebenswürdig ein: "Ja, liebe Tante! Ihr zurückliegender Schatten sieht düster und jammernd aus, aber vor Ihnen sieht es helle. Ihre Brust wird von himmlischen Strahlen beleuchtet." – Die Tante streichelte Juliens Backen: "Trostengel," sagte sie, "Gott lasse Dich allezeit einen so erquickenden Gedanken für die trüben Tage Deines Ott finden!" – Wir küssten ihr alle drei, ungeachtet ihres Widerstands, die hände. Sie segnete uns, und versprach für unser Wohl zu beten. Und nun gingen wir langsam, in uns gekehrt, den einsamen Weg hin. Als wir in die Allee kamen, deren Bäume schon meist entlaubt waren, schien der Mond zwischen den Seitenhecken durch, und gab den gelben, auf den weissen Kiess zerstreuten, Blättern eine sanfte Farbe. Ott, der uns führte, blieb nach langem Schweigen stehen, sah uns beide an: "Wie schön sind auch kühle Herbstabende, wenn man sie mit Liebe und Freundschaft geniesst!" – Julie sprach: "Lieber Ott! ich denke, jeder Abend ist schön, wenn man den Tag mit der Tugend verlebt hat, wie wir heute getan haben! Und, bei Ihrer daurenden Liebe wird mir auch der Herbst des Lebens, bei verwelkten Freuden, angenehm sein!" – "Meine teure, schätzbare Julie," sagte er mit Entzücken, "Ihre Tugend wird die welkenden Freuden unsers Lebens mit einem so sanften Lichte verschönern, wie der Mond diese abgefallene Blätter vor unsern Füssen färbt." –
Dieses Gespräch war mir traurig süss. Denn ich konnte mich des aufsteigenden Wunsches nicht entalten: "Ach, wenn der Geliebte meiner Seele hier wäre, und die Ruhe der Erde, und die alles Leiden besänftigende Strahlen des Mondes mit mir sähe! Wenn ich in dem Ausdruck seiner geistvollen Physiognomie den nemlichen Grad von Liebe erblickte, die Julie in Otten siehet! Denn gewiss, meine Zärtlichkeit ist wie ihre!" –
So kamen wir nach haus, voll seligen Tiefsinns, der die Tugend lieben macht.
Sieben und vierzigster Brief
Es ist gut, meine Mariane! es ist wohltätig vom Schicksal, wenn es uns die Erfüllung kleiner Wünsche versagt, weil wir dadurch die freudigen und vergnügten Empfindungen der Seele versplittert genössen, und den erhabenen Reiz des grossen Guten nicht mehr nach seinem ganzen Umfange fassen würden!
Schon lange begehrte mein Herz von der Vorsicht eine Erscheinung aus der schönen alten Welt, wo der Freundschaft,