1779_La_Roche_065_58.txt

sein eigenes Leben über ihren hofnungslosen Zustand verseufzte. Wenn sie aus Mattigkeit schlief, kniete er neben dem Bette, küsste ihre hände, stunde auf, rang die seinigen mit Tränen des bittersten Grams, legte auch oft seinen Kopf neben dem ihrigen. Er wollte, ungeachtet ihres Zustandes, mit ihr getraut werden, um sie immer selbst zu besorgen; und man hatte Mühe, ihn darüber eine Verzögerung eines Monats einzureden. Ihr Wahnsinn wurde etwas sanfter; aber sie zehrte sichtbar ab. Zehn Tage vor ihrem tod hofte man ihre Genesung, weil sie wieder mehr Worte aussprach, indem sie Augen und arme gegen Himmel erhob, und deutlich sagte: "Ach, Gott! es ist so spät, und Heinrich noch nicht da!" Eine nicht zu dämpfende brennende Hitze trocknete sie aus. Zwei Tage lang war nicht mehr so viel Feuchtigkeit in ihren Augen, dass sich die Deckel schliessen konnten, und kaum konnte sie tropfenweis eine Erquickung niederschlucken. Mein Onkel war bedaurungswürdiger als sie. Jeder Augenblick seines Lebens war Marter! Als der Arzt versicherte, dass ihr Leiden bald durch den Tod enden würde, betrachtete mein Onkel sie noch mit alle dem Gefühl seiner Liebe; bog sich über sie hin: "Eufrosine, meine Braut! dem grab muss ich Dich lassen! der Tag, wo Du mein werden solltest, war der Anfang Deines Todes!" – Ein Strom von Tränen floss aus seinen Augen; aber er und alle behaupteten, dass in dem nehmlichen Augenblicke die ihrigen eine Bewegung gemacht hätten, ja, dass ein Zug von Lächeln über ihr Gesicht gegangen sei. Mein Onkel ward entzückt. Er umarmte und küsste sie; aber, einige Minuten darauf war sie tot. Hier sagte er mit Stammlen: "Eufrosine! Dein letzter blick war mein! Du bist die erste und einzige Liebe meines Herzens gewesen, Du sollst es noch im grab sein, und bald, bald wird mich die Vorsicht, die Dich mir nahm, Dir wieder geben!" –

Er reisete fort, nachdem er nur ihr Bildniss und die Kleider, die sie zuletzt getragen, zu sich genommen hatte. Meine gute Tante, die für die arme Eufrosine und für meinen Onkel zugleich gesorgt hatte, wurde kränkelnd, und blieb immer traurig. Einige Jahre darauf starb meine Mutter, und mein Onkel kurz hernach, der meiner Tante sein ganzes Vermögen zu ihrem Genuss zurück liess, von dem sie den Ueberrest mir verlassen möchte. Der Gedanke des Unglücks, das ihren rechtschaffenen Bruder und seine tugendhafte Braut betroffen; der frühe Tod meiner Mutter; die Zerstörung aller, so vieljähriger Mühe, für das Wohl ihrer zwei Geschwister, haben ihren Geist und Herz eigentlich gequetscht, und sie ist wie Jemand, der unter dem Druck einer Presse Atem holen müsste. Aber gewiss, meine Freundinnen, es ist eine ehrwürdige Alte, die für mich Ueberrest eines der Tagend gewidmeten Tempels ist, den ich mich mit Ehrfurcht und Liebe nähere. –

Sie können denken, meine Mariane! dass Julie und ich bei den Tränen, die wir bei Eufrosinens Elend weinten, in die ganze Stimmung kamen, die die ernste Schwermut des Frauenzimmers erfoderte. – Sie empfing uns sehr artig, betrachtete aber uns zwei Mädchen mit einer Gattung von Tiefsinn. Ott stellte ihr Julien als seine Braut vor, welches sie mit ziemlicher Ruh in ihrer Miene anhörte. Wie ihr aber Julie die Hand, als ihre Nichte küssen wollte, umarmte sie sie, lehnte ihren Kopf auf Juliens ihren, und stille Tränen flossen über ihre ehrwürdige, aber blasse Wangen hinab. Wir waren alle ruhig. Nach wenigen Minuten richtete sie sich auf, nahm Ottens und Juliens hände, legte sie zusammen mit einem innigen: "Gott segne Euch! und gebe dir, lieber Nepote, alles Glück, so sich Dein Onkel von seiner Braut versprechen konnte, wenn –" Hier weinte sie wieder, faltete aber ihre hände und blickte gegen Himmel: "Ich murre nicht! göttliche Hand! Ich murre nicht! Du hast sie ewig glücklich gemacht! Meine Tränen sind nur Erinnerung der Liebe." – Wir schwiegen nach Ottens Beispiel immer, wie er uns auch zuwinkte. Nachdem fasste sie sich ganz und führte uns in das Zimmer wo die Bildnisse von Eufrosinen und ihrem Bräutigam waren. Sie wies Julien das letztere und fragte sie: Ob nicht ihr Ott das Ebenbild seines Onkels sei? Wir fanden es alle. Julie sagte: Es freue sie sehr, dass er diesem rechtschaffenen Mann gleiche. "Er hat auch sein Herz, liebe Nichte; und dafür danken Sie Gott; denn Sie werden dadurch eine sehr glückliche Frau werden!" –

Ich hatte indessen meine Augen auf Eufrosinens Bild geheftet, das in Lebensgrösse und vortreflich gemahlt ist. Ein Zimmer mit hellbraunem Tafelwerk; durch ein grosses Fenster fällt das Licht auf Eufrosinens Figur, die auf einem Stuhl ohne Lehne sitzt; ihre Kleidung ist reine weisse Leinwand, Rock und Corset, in welchem ihre schlanke Gestalt sehr schön ausgezeichnet ist. Ihre schöne Brust feinen Nacken und einen Arm sicht man von der Seite ganz. Rückwärts steht ein Aufwartmädchen etwas entfernt, die mit einer Hand die langen blonden Haare, und in der andern einen Kamm hält, aber auch, wie Eufrosine den Kopf gegen die Tür wendet, die eben aufgemacht worden. Eufrosinens Gesicht ist das allerschönste Oval, mit der feinsten Farbe einer Blondine. Eine niedlich gebogene Nase, ein kleiner Mund, der mit süsser Liebe lächelt; grosse