nicht nur mit der edelsten jungfräulichen Gestalt und Anmut, sondern auch mit jeder Tugend und weiblichen Geschicklichkeit begabt, antraf. Ihre, durch meine Tante in der Stille genährte Liebe für ihn, und die seinige für sie, wurde durch ihr beiderseitiges Verdienst zu der feurigsten Zärtlichkeit erhöht. Er hatte aus Venedig einen Portraitmahler mitgebracht, allein in der Absicht, den Eltern seiner Braut ein recht gutes Bild von ihr zurück zu lassen. Und da er sie einmal des Morgens in ihrem Zimmer besuchte, just da ihr Mädchen ihre wunderschöne blonden Haare auskämmte, und Eufrosine etwas in ihr Tagebuch schrieb, so liess er sie für sich in dieser Stellung mahlen. (Sie sollen das Bild bei meiner Tante sehen.) Alle Anstalten zu der Verheiratung wurden gemacht; und da beide Liebende das fest ihres Glücks ohne Geräusch zu feiren wünschten, so wurde die Zeit der Badekur, die Eufrosinens Mutter alle Jahre zu gebrauchen pflegte, dazu bestimmt. Die Braut zog mit ihrer Mutter ins Bad, das zwei Stunden von der Stadt, nahe an einem wald liegt. Mein Onkel ging ab und zu, weil er sich die Freude machte, während ihrer Abwesenheit eine Menge artiger Sachen in den Zimmern seiner künftigen Frau anzuschaffen, die sie nach ihrer Heirat da finden sollte. Den Abend vor der Trauung, die auf einem benachbarten dorf in der Stille geschehen sollte, ging mein guter Onkel in die Stadt, um meine Eltern und Tante Abends mit sich hinaus zu nehmen, damit sie Morgens als Zeugen seiner Verbindung da sein möchten; und, um die übrigen Badegäste nichts argwöhnen zu lassen, gingen Eufrosinens Eltern mit ihr, auf Einladung der Gesellschaft, in den Wald spatzieren. – Das edle, sanftliebende geschöpf fühlte sich von den lärmenden Unterredungen des Haufens belästigt; sie wünschte, allein ihrem Herzen und Nachdenken überlassen zu sein; verlohr sich daher, sobald sie konnte, ins Gebüsch; und da sie vor dem Spatziergange ihrer Mutter gesagt hatte, dass sie so gerne zu haus bliebe, so dachte diese, als man Eufrosinen vermisste, sie wäre heimlich zurück, und sagte es auch ihrem Mann. Der Abend war schön. Man hielt sich lang' auf, eh' man zurück ging, und der Zufall wollte, dass des guten Kindes Eltern mit dieser Zögerung zufrieden waren, weil sie glaubten, ihre lieben Gäste aus der Stadt könnten noch zum Nachtessen zurecht kommen. Man kam nach Haus; es wurde nach Eufrosinen gefragt, sie war aber nicht da. Alle Zimmer wurden durchsucht, alle Leute gefragt: niemand hatte sie gesehen und nirgends fand man sie. Ihre Mutter glaubte, sie müsse auf dem Wege nach der Stadt gegangen sein, und man schickte ein Paar Leute hin, die liefen so weit, bis sie der Kutsche begegneten, worinn mein Onkel war. Hier fragten sie eilig an, ob das Frauenzimmer bei ihnen wäre? "Was für ein Frauenzimmer?" sagte mein Onkel. "Ihre Braut, mein Herr! Sie ist seit dem Spatziergange im wald nirgends zu finden, und wir dachten, sie wär' Ihnen entgegen gegangen!"
Urteilen Sie von dem Schrecken meines Onkels! Er setzte sich gleich auf eines der Pferde, und jagte ins Bad, erkundigte sich nach den Umständen, und vermutete, dass sie im wald verirrt sein müsse. Bot grosse Summen Geldes für alle, die sich zum Aufsuchen vortaten; liess Strohfackeln machen, und eilte zuerst, mit einer grossen Wachsfackel, dem wald zu, wo er mit ängstlicher stimme nach Eufrosinen rufte. Mein Vater, der Bademeister, und der Arzt, betrieben den Fortgang der Leute, die zum Nachsuchen bestellt waren. Meine Mutter blieb bei Eufrosinen ihrer. Aber meine gute Tante wollte ohne Einreden mit nach dem wald. Sie hatte auch das traurige Glück, Morgens um drei Uhr, das liebe englische Mädchen zuerst zu erblicken, die mit allen Kräften durch verwachsene Bäume durchzudringen suchte, und einen hohlen wilden Schrei dabei ausstiess. Zwei Männer, die bei meiner Tante waten, eilten zu ihr, und diese mit der Fackel nach. Die arme Eufrosine drückte die Augen zu, schrie und sträubte sich erbärmlich. Die Männer trugen sie meiner Tante zu, die über den jämmerlichen Anblick des lieben Mädchens in Ohnmacht fiel. Eine Viertelstunde darauf kam mein Onkel dahin, weil er rufen gehört hatte: "Wir haben sie!" Aber wie fand er seine Eufrosine? Ihrer Sinne beraubt. Gesicht, Brust und hände zerrissen und blutend! Nichts auf dem kopf; ihre schönen Haare verwirrt und eine Menge ausgerauft; einen heischern Schrei, der furchtsam aus dem mund kam, den vorher die sanfteste stimme beseelte! Der äusserste Grad von Schmerz und Verzweiflung zerriss sein Herz. Er warf sich auf die Erde zu ihr, wo man sie sitzend hielte, und meine Tante, die sich erholt hatte, das Blut von ihrem Gesicht wischte. Der Arzt und mein Vater kamen auch. Mein armer Onkel bat den ersten auf seinen Knien, ihr zu helfen. Sie ward ins Haus gebracht, ihre Wunden besorgt, und alles Mögliche zu Wiederherstellung ihrer Vernunft gebraucht. Aber sie war unwiederbringlich verlohren! Grosse ärzte wurden zu Rat gezogen, die alle sagten, dass der höchste Grad ihrer Angst bei Erblickung der fackeln müsse entstanden sein, weil sie immer, wenn ein Licht ins Zimmer kam, in Anfälle von Zittern, und ein die Seele durchdringendes Rufen nach meinen Onkel geriet, der vier monat lang neben ihrem Zimmer wohnte, und