könnte, freiwillig darauf entsagt? und doch bin ich so unbillig, zu klagen, wenn mir nicht dafür gedankt wird! Aber, ich danke dem mann, der mit edlem Eifer meine Tadelsucht bestrafte, und mir die Anweisung gab, von meinen Nebenmenschen nicht mehr zu fodern, als sie von mir erhielten. Doch, meine teure Mariane, würde ich mir's niemals vergeben, wenn meine Nächstenliebe erst durch meine Selbstliebe erweckt und tätig gemacht worden wäre. Nein, sie ist nur verträglicher geworden! Denn, in Wahrheit, ich rügte alles zu lebhaft, was ausser meinem Gefühl und überzeugung war. – Was kann die Feldblume davor, dass sie nicht von einem Kunstgärtner gepflegt wurde? und was für ein Recht gibt das glückliche los einer guten Besorgung der Gartenpflanze, die andern mit Uebermut hager und mangelhaft zu schelten? Was mich aber recht sehr verdriesst, ist, dass ich bemerke, wie durch diesen Vorgang ein teil meiner moralischen Empfindungen sinnlich geworden ist. Denn ein blick, den ich auf das Bild einer Madonna werfe, die in meinem Zimmer hängt, gibt mir die lebhafteste Erinnerung zu milder Beurteilung der Fehler, die ich an andern finde. Sogar ein blaues Kleid scheint mir ein Wink zu sein, die Behutsamkeit für mich und andre nicht aus den Augen zu setzen. Ich dachte schon, von nun an lauter blaue Armschleifen zu tragen, weil ich den Armfalten eines Mantels von dieser Farbe, eine Wiederholung der Tugendlehre zu danken habe. Doch fürchtete ich die Macht der Gewohnheit, die mich durch täglichen. Gebrauch dieses Mittels gegen seine wirkung unempfindlich machen könnte; zumal man immer eher auf die Falten des nächsten, als auf seine eigenen sieht. Sie wissen, ich liebte die Mahlerkunst allezeit; nun gewiss mehr als jemals, weil sie der Anlass war, dass ich in Zukunft mit mehr Genauigkeit auf die Verbesserung meiner eigenen Fehler denken werde.
Rosalia.
sechs und vierzigster Brief
Von Ott führte heute Nachmittag Julien und mich zu seiner Tante, die an dem äussersten Ende der offenen Vorstadt wohnt, und aus deren Hausgarten man gleich auf das Feld gehen kann. Madame G** kam nicht mit, weil die melancholische Empfindsamkeit dieses Frauenzimmers nicht den geringsten Ton des Schmerzens erträgt, und selbst ihr Neffe, den sie doch innig liebt, nicht oft zu ihr kommen darf, weil alle Stunden des Tages in Arbeits- und Andachtsübungen eingeteilt sind, und sie überhaupt mit niemand lebt, als einer Schulmeister-witwe und deren Tochter, die sie im haus hat, und in Tisch und wohnung unterhält; die hingegen beide mit ihr das ganze Jahr für arme Strümpfe stricken, Hemden und Hauben nähen helfen müssen; indem, wie sie sagt, das Gebet und ruhige Guttätigkeit an arme, der einzige Trost gewesen sei, den sie in den Bekümmernissen ihres Herzens gefunden habe.
Ehe Ott uns hinführte, hatte Madame G** ein Paarmal über sein ernstaftes Aussehen gelacht und dabei gesagt, es wäre das Gesicht, welches er bei seiner Tante H** geholt hätte. Julie fragte ihn da über die eigentliche Ursache der Einsamkeit dieser Tante, und er erzählte uns, dass sie die älteste Schwester seiner seligen Mutter wäre, die als Zwilling mit seinem in Venedig verstorbenen Oheim auf die Welt gekommen; darüber aber seine Grossmutter das Leben verloren hätte, und vor ihrem tod diese zwei Kinder der Liebe und sorge ihrer ältesten achtzehnjährigen Tochter anempfohlen habe. Diese hätte auch jede mütterliche Treue an beiden bewiesen, und sie zu den liebenswürdigsten und artigsten jungen Leuten gemacht; das Vermögen mit der grössten Vorsicht verwaltet; endlich seine Mutter glücklich verheiratet, und seinen Oheim auf Reisen geschickt, an dem sie, von seinem achtzehnten Jahre an, eine vorzügliche Neigung für ein holdseliges sanftes Mädchen beobachtet hatte, welches die Tochter einer ihrer Freundinnen war. Als er mit zwanzig Jahren seine Reisen antrat, hatte sie die junge Eufrosine zum Frühstück geladen, und diese musste ihn eine selbst gestickte Brieftasche zum Geschenk auf die Reise mitgeben, und auf das erste Blatt schreiben: "Treue Freundschaft und Unschuld werden alle Tage für Ihr Wohlergehen beten!" –
Eufrosine war just sechzehn Jahr, und in der feinsten Blüte der Schönheit, einsam erzogen; um so stärker war jede Neigung der Zärtlichkeit in ihrer Seele. Meine Tante wollte ihrem Bruder durch Eufrosinens Bild eine Schutzwehr um sein Herz legen, daher hatte sie veranstaltet, dass den letzten Morgen niemand anders da war, als sie beide. Sie wusste wohl, dass ihr Bild den Eindruck von Eufrosinen nicht verdringen würde. Sie hatte auch gut gerechnet, denn mein Oheim nahm sie noch auf die Seite und bat sie mit wenig Worten: wenn es möglich wäre, das reizende Mädchen für ihn aufzuheben! Meine Tante versprach ihm, alles zu tun, diesen Wunsch seines Herzens zu erfüllen. Bruder und Schwester umarmten sich und nahmen mit vielen Tränen Abschied. Die holde Eufrosine weinte sympatetisch mit, mein Onkel küsste ihre hände und bat sie, ihren Vetter Heinrich nicht zu vergessen. Sie versicherte ihn, mit schluchzender stimme, "dass sie gewiss immer an ihn denken würde." Mein Onkel reisete vier Jahr lang, vergass aber Eufrosinen nicht; besonders aber erkundigte er sich bei meiner Tante, ob sie wohl mit ihm nach Venedig ziehen würde, weil er dort sein Glück zu befestigen hofte. Alles war versichert, denn meine Tante hatte Eufrosinens Herz und den Willen ihrer Eltern nach den Wünschen ihres Bruders gelenkt, der als ein schöner liebenswürdiger Mann zurück kam, und seine Eufrosine