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Kinder als tägliche Gäste zu berechnen, hingegen denen, die er bisher gesehen, eine geringere Anzahl speisen vorzusetzen, und dieses Ersparniss für die armen Kinder zurück zu legen, um hiedurch mit dem anvertrauten Gute seines Gotteshauses und seiner Pflegkinder gleich getreu zu verfahren. Alle billigten seine Gedanken, und machten den Findlingen, nicht nur mit ihrer Einwilligung, zu Verminderung der kostbaren Schmäuse, sondern mit einem Stück Geld ein Geschenk. Der liebe, ehrwürdige Greis dankte für seine Findlinge, und führt seit diesem Tage genaue Gastrechnung zu ihrem Besten. Wie wir hinkamen, fanden wir ihn in der stube zwischen den zwei Wiegen sitzen, wo er das Eine schaukelte, und dem Andern, das schlief, die Mücken abwehrte, derweile ihre Wärterinn den Brei zurecht machte. Unser fremdes, und vielleicht etwas zu lebhaftes Ansehen machte ihn einen Augenblick stutzen; aber Herr von Ott sagte ihm gleich? "Verzeihen Sie, mein ehrwürdiger Freund, dass ich Ihnen fremdes Frauenzimmer bringe. Aber es sind zwei Bräute, die das Bild einer ihrer künftigen Tugenden in Ihnen sehen wollen; beide waren über ihre Menschenfreundlichkeit gegen die armen Geschöpfe entzückt, und haben die kluge Wirtschaft Ihrer Wohltätigkeit bewundert." – Er wandte sich gegen uns, und sagte Julien, deren Hand er fasste und küsste, da er mit der andern den Alten wies: "Meine Julie! dieses ist das überfliessende Maass von Güte eines Mannes! wie schön muss ihre wirkung in dem Herzen der gattin sein, von welcher man sie erwartet!"

Von Ott hatte uns gerührt und ein wenig aus der Fassung gebracht, die die nehmliche Bewegung in uns legte; denn wir küssten beide die hände des Greises und die Kinder, mit dem Vorsatz in der Seele, einst gute Mütter zu werden! – Die mutwillige Frau G** rief aus: "Das ist die stimme des Berufs!" Aber dem alten mann liefen Zähren über die Wangen, da er uns beide mit dem Zeichen des Kreuzes segnete. Von Ott küsste unsere hände und sagte uns, dass er sicher wäre, wir würden diesen Beruf getreu erfüllen.

Fünf und vierzigster Brief

Heute, meine Mariane, hat sich der Zufall eines Gemähldes bedient; um mir schon lang erkannte und gelernte moralische Grundsätze tiefer einzuprägen, und sie in meinem Kopf und Herzen zu tätigen Pflichten zu machen! – Es war ein Meisterstück eines der grössten Mahler, eine Madonna vorstellend, welche dem kleinen Jesu aus einem Körbchen einige Blumen reicht. Die Zeichnung des Kopfs, des Gesichts, des Nackens und der hände, ist, nach Ausspruch aller Kenner, vortreflich. Ausdruck der höchsten weiblichen Tugend und mütterlicher Liebe. Rein, vollkommen, wie die hand des göttlichen Schöpfers sie in Mutter-Seelen pflanzte, liegen sie in ihrem Auge, ihrem Lächeln und Zügen. Die Schönheit der Farbenmischung schimmert aufs Aeusserste in diesem Stükke! Ich betrachtete es nach allen diesen Teilen mit innigem Vergnügen, welches der Verstand über die Grösse der Kunst, und mein Herz über den moralischen Ausdruck fühlte; aber mein auge erlaubte sich Untersuchung des Ganzen, und heftete sich auf die Stücke des blauen Mantels, welchen der Künstler um den mittlern teil der arme geworfen hat, und die Falten davon schienen mir leer, weil ich die fortlaufende Ründung und Linien des Arms und den Bug des Ellbogens nicht darin fand. Ich sagte diese Bemerkung einem edlen scharfsinnigen mann, der mit uns da war. Er bestritt meine idee in etwas, und dadurch reizte er mich, meine Kunstrichterei zu verteidigen und zu beweisen. Er schwieg lächelnd; nur kurze Zeit darauf hatte ich an der Hand eines andern herrlichen Bildes etwas zu erinnern, und hier fiel er ein: "Immer an dem Vortreflichsten etwas auszusetzen!" Der Ton seiner stimme und seine Miene bewiesen mir, wie sehr tadelhaft er meine genaue Berechnung der kleinen Unvollkommenheiten fand. Aber es machte keinen besonderen Eindruck auf mich, weil ich dachte, dass es meinem richtig sehenden Auge wohl erlaubt wäre, das Fehlende zu bemerken; aber einige Tage hernach kam mir eine Beurteilung meines Charakters zur Hand, die mir eben so schmerzhaft fiel, als mein Tadel über die zwei herrlichen Gemählde dem Schönheit fühlenden Mann. Ich wurde auch über einen fehlerhaft scheinenden teil hart verdammt, wo ich in der Tat auch nichts anders verbrochen hatte, als der Mahler, der nicht alles Schöne, so er fühlte, am Tage mahlen wollte, und sogar nicht einmal den Nachteil berechnete, den sein Genius, durch die Sorglosigkeit seines Faltenwurfs, in dem Auge des Fehler ausspähenden Beobachters erdulden dürfte oder könnte. Ich zeige auch selten das ganze Bild meiner Seele; ich werfe auch hie und da einen Schleier, ein Stück Mantel, über einzelne, wohl formirte und mit dem Ganzen übereinstimmende Teile. Ich denke auch nicht an die schiefen Urteile, welche schiefe Falten hervorbringen können und müssen: und nun will ich mich hinsetzen und mich bei dem Bilde der Madonna mit dem Gefühle des Wiedervergeltungsrechts trösten! – Es gibt ein moralisches Augenmaass für die Züge der Seele, wie ich es für die Linien der körperlichen Schönheit und Regulärität habe, und wenn ich verabsäume, den Schleier so um mich zu winden, dass die reine Gestalt der moralischen Bildung auch durch die Decke leuchte: so muss ich's leiden, dass man etwas Verkehrtes vermute. Denn von wem, besonders von einem Frauenzimmer, wird man vermuten, dass sie gute und vorteilhafte Eigenschaften verbergen würde, und dass sie in dem Augenblicke, wo sie Vorzug erhalten