Tag, eine halbe Stunde vor unserer Rückreise in die Stadt, erhielten sie durch den so ehrwürdigen Pfarrer in R** ihre Einsegnung. Herr und Frau G** überliessen ihnen das Schloss und alle Einrichtung, sammt der Köchinn und den Bedienten, auf so lange sie wollten. Denn sie wünschten, die ersten Tage ohne Zeugen und Geräusche hinzubringen. Nur schickte Madame G** der nunmehrigen Frau C** ihre Kammermagd mit Kleidung und Weisszeug hinaus. Sie sind auch noch nicht gesinnt, in die Stadt zu kommen, weil sie, wie sie beide schreiben, sich von den verlohrnen Tagen ihres Lebens und ihrer Bekanntschaft zu besprechen hätten; ihr Landgut einrichteten, und sich auf den künftigen Sommer Spatziergänge aussuchten, um gegen die Langeweile gesichert zu sein.
In der Stadt war viel von der schnellen Heirat und von dem sonderbaren Geziere der Frau C** die Rede, dass sie Niemand zum Zeugen haben wolle! Wie froh sie über den Verlust ihres Wittwenschleiers wäre! C** hätte immer den schlauen Weltweisen gewacht, wäre aber durch das altkluge Mädchen, Rosalia, und die Klopfjägerinn G** in das Netz der prüden D** getrieben worden! Sie möge aber sorge tragen, ihn nicht zu sehr einzustricken, sonst würde er seine ältern Freundinnen um hülfe bitten, welche leicht etliche Schleifen auflösen und dem fein singenden Vogel Luft machen würden, ohne sich an das Gegirre des zarten Weibchens zu kehren! – Madame G** sagt geradezu: Dies sei die Rache der abgewiesenen Liebhaberinnen und Coquetten, die beide viel verlohren hätten.
Vier und vierzigster Brief
Ich komme so eben von einer recht sehr interessanten Spatzierfahrt zurück, welche Herr von Ott veranstaltet hatte. Sie wissen, dass er einer der Verbündeten ist, die zu der Sammlung tätiger Tugenden beitragen müssen. Er hätte, ich weiss nicht, wie? vor einiger Zeit die Bekanntschaft eines beinah achtzigjährigen Ordensgeistlichen gemacht, der ungefähr zwei Stunden von hier, als Pfleger von einem schönen Landgute seines Gotteshauses wohnt, und durch seine heitre freundliche Gemütsart (ich denke auch, durch seine Gastfreiheit) bei allen Benachbarten sehr beliebt war, und fleissig besucht wurde. – Diesem guten Mann trug das Schicksal vor einigen Monaten die sorge für zwei Findelkinder auf eine für ihn sonderbare und rührende Weise auf!
Er hatte immer die Gewohnheit, sein Brevier in den schönen Sommertagen in einem Laubengange zu beten, der ziemlich lang, und da er völlig bedeckt ist, an dem Ende gegen das Feld, ganz dunkel wird. ... Dahin ging der liebe Alte in diesem monat Junius, gleich nachdem er Frühmesse gehalten hatte, und betete da ganz andächtig vor sich hin, bis er am Ende des Laubenganges mit seinen Füssen so stark an Etwas in dem Wege stösst, dass er darüber gegen die grüne Wand hinfällt. Den Augenblick hört er die stimme eines kleinen weinenden Kindes, erschrickt, rafft sich auf, und sieht einen, mit einer grünen Leinwand gedeckten Korb vor sich, aus dem die stimme kam. ... Er fasst sich, sieht nach, und findet in dem Korbe zwei neugeborne Kinder und einen grossen Brief, der vorne auf ihr Bettchen angeheftet, und an ihn überschrieben war. Er machte ihn auf, und lieset, dass die zwei Kinder, noch ungetauft, seiner Menschenliebe anvertraut werden; dass sie Abends neun Uhr geboren und seit drei Uhr in der Früh auf diesem Platz wären, wo man wüsste, dass er seine Morgenandacht hielte, und während dem Gebete das gute Werk nicht von sich weisen würde, für die armen Findelkinder zu sorgen, für welche Vater und Mutter nichts tun könnten, als Gott bitten, dass er ihn lange erhalten möchte. Er sollte die Knaben nach seinen zwei Namen, dabei aber auch jeden Joseph Fürchtegott nennen.
Der Gedanke über die Zulassung Gottes, dass ihm diese Last in den Stunden des Gebets zugeführt wurde, gab ihm Mut, den Entschluss zu fassen, sich, so lange er lebte, der Kinder anzunehmen. Er kniete hin und gelobte ihnen, vor den Augen ihres und seines Gottes, ihr Pflegevater zu sein. Nahm den Korb mit seinen beiden Armen und trug ihn ins Haus, wo die Haushälterinn eben so viel Lärmens machte, als ehmals des Herrn Worty seine Debora, wie der gute Toms Jones hingelegt wurde. Der Alte kehrte sich nicht daran, und liess den Kirchendiener nebst den Gerichtsleuten kommen, um die Kinder zu taufen, und die ganze Begebenheit genau aufzuschreiben. Nahm eine Wärterinn an, und sorgte mit Vatertreue für die Findlinge; denn er lud einige Tage nach ihrer Aufnahme seine benachbarten Freunde zu gast, gab ihnen, wie gewöhnlich, recht gut zu essen und zu trinken, führte sie nachher zu seinen Zwillingen, wies sie ihnen, erzählte die geschichte und sagte: Sie müssen auf dem Platz im Garten, wo er sie gefunden hätte, ihre Gesundheit trinken. Sie gingen alle lustig in den Laubengang, wo sie kostbaren Wein bereit fanden, und auf des Pflegevaters und der Kinder Wohlsein tranken. Hier aber zog er eine Rechnungsrolle aus der tasche, und wies ihnen die erlaubnis seines Prälaten und Mitgeistlichen, von den Einkünften des Gutes so viel auf die Gastfreiheit zu verwenden; er hätte bisher mit Vergnügen Gebrauch davon gemacht, und sie alle herzlich gerne bei sich gesehen; er hoffe auch, dass es in Zukunft eben so sein würde, wenn sie sich einen Vorschlag wollten gefallen lassen, den er zum Besten der Findelkinder ausgedacht hätte. Indem er die erlaubten Ausgaben nicht vergrössern möchte: so dächte er, die zwei