G** ist daran Ursache. Sie schleppte vor sechs Tagen mich und Madame D** in aller Früh nach R**, ungeachtet es regnigt aussah. Die Herren Fr**, C** und G** kamen nach, aber erst gegen Abend. Wir Frauenzimmer hatten, wegen der Gemächlichkeit des Aufsatzes, englische Hüte, und, nach dem Willen der Frau G**, auch alle drei, die hier neu aufgekommene Kleidung, von grauem englischen Marly, auf den Leib passend, an. – Mich däuchte, Herr C** stutzte etwas darüber. – Madame D** war anfangs auch über seinen Anblick bewegt; doch glaubte ich zu bemerken, dass sie nach und nach sich dem süssen Gedanken überliess, den Mann, den sie liebte, von ihrer Rivalinn entfernt, und ganz aufmerksam gegen sie zu sehen: doch konnte sie nicht bei dem Nachtessen ausdauren, und ging viel früher als wir übrige zu Bette. Ohne was zu reden, umarmte sie Madame G** und mich, mit einem Ausdruck in ihrem Gesicht, der die ganze Fülle ihrer edlen Zärtlichkeit, und ihrer geheimen Bekümmernisse anzeigte. Herr C** hatte ihr nachgesehen, und sagte dann zu uns beiden: "Ich glaube, Madame D** muss ihre liebste Freundinn sein, denn ihr Umgang scheint mir in gleichem Maass geistreich und zärtlich:" –
"Sie haben Recht," sagte Frau G**, "es ist eine unschätzbare Frau, der ich alle Süssigkeit und allen Trost einer vertrauten Freundschaft zu danken habe." –
Herr Fr** fiel ein: "Was ich am meisten an ihr achte, ist die Gelassenheit und Ruhe ihres Geists; sie beobachtet und empfindet richtig, sie hat viele Kenntnisse, tut viel Gutes und sucht gar nicht zu schimmern, oder vorzudringen." –
"Gewiss nicht," sagte Frau G**, "sonst würde sie nicht auf den Gedanken bestehen, hieher zu ziehen! – Sie hat auch," fuhr Frau G** gegen ihren Mann fort, "heute Früh, gleich wie wir angekommen sind, die Miete für das an unsern Garten stosende kleine Landgut richtig gemacht. Ich habe dazu gedacht, ein regnigter Tag würde sie etwas zurück halten; aber es scheint, dass die trübe Witterung ihrer kleinen Melancholie am anständigsten war." –
"Sie wird also noch einsamer leben, als bisher?" sagte Herr C**.
Jeder sagte hier noch etwas, zu ihrem Lobe. C** schwieg dabei; schlief aber, wie Herr Fr** erzählte, beinah gar nicht, und sah bei dem Frühstück tiefsinnig aus. Madame D** aber war in ihrem weissen Nachtzeuge ganz reizend, und die Sanftmut ihres Wesens und Gesprächs nahm uns alle ein. Die drei Herren gingen, während wir Frauenzimmer uns kleideten, das gemietete Landgut zu besehen. Wie sie wiederkamen, waren wir in dem grossen alten saal des Schlosses, dessen Wände mit alten Fresko-Gemählden geziert sind. Herr C** näherte sich gleich der Madame D**: "Wir haben die schöne Einsiedlerhütte gesehen, worein Sie sich verbergen wollen. – Wird sie ihren Freunden eben so verschlossen sein, als Ihr Haus es seit einiger zeit gewesen ist?" –
Frau D** tat in der ersten Verwirrung die Frage: "Habe ich denn Freunde, die dieses bedauern?" und fing an, auf und ab zu gehen. Herr C** ging mit ihr, und Herr G** zu seinen Amtsleuten. Ich war in einer Ecke des Saals, mit Madame G** Schach zu spielen. Herr Fr** lehrte michs. Die mutwillige G** rief auf einmal ganz laut: "Schach der Königin!" – Ein Seitenblick machte mich aufmerksam, und ich sah die zwei Spatziergänger vor einem Gemählde, wovon Herr C** die Schönheiten erklärte; aber sein Auge voll Geist schien eher das mahlerische Ebenmaass der Madame D**, als die richtige Zeichnung der Gruppen des Gemähldes zu betrachten. Madame G** stunde auf, näherte sich ihnen, fasste beide an den Armen. "Emma und Arundel bei den Ruinen!" sagte sie. Frau D** wurde feuerrot, und senkte ihren Kopf und Blikke zur Erde; Herr C** aber nahm eifrig eine ihrer hände und rief aus: "O, wie glücklich wäre ich; wenn Frau G** wahr gesagt hätte!" – Madame D** fasste sich; zog ihre Hand zurück. "C**! nichts Galantes von Ihnen, ich bitte Sie. Ihre kalte, ganz kalte Hochachtung, aber keine spielende, grosse Empfindungen! Gönnen Sie mir das Glück, Sie hochzuschätzen!" – Der rührende Ton ihrer stimme bei diesem; ihr blick auf ihn; eine süsse, flüchtige Cramoisinröte über ihren feinen blassen Wangen, und das anmutsvolle halbe Wegwenden ihrer ganzen schönen person, war ein vortrefliches Bild! C** war voller Bewegung, und sah sie mit Lieb' und Feuer an. Sie neigte sich, und ging mit Frau G** weg. C** legte sich an ein Fenster. Er sah die beiden Frauen im Garten, und bat um erlaubnis, sie zu begleiten; lief auch eilig fort. Madame G** kam eine Viertelstunde nachher allein wieder; küsste mich, und gab ihrem Bruder zugleich die Hand, indem sie, mit einer Träne der Freude im auge', uns sagte: "Nun ist meine D** glücklich, und zwar durch mich! C** wird ihr Gemahl!" – Wir freuten uns; und die vier Tage über, da wir noch in R** blieben, nannten wir sie Emma und Arundel. Und da beide frei und unabhängig waren, besorgte Herr Fr** den Trauschein vom Magistrat, und den fünften