denen ihr auf einer Seite der freundliche und verbindliche Ton vorgeworfen wurde, den sie zu der Zeit, da sie in Gesellschaft ging, gegen die Meisten hatte, und dann wurde ihr, auf der andern, ihr Einschliessen und Zurückhalten geradaus mit den Erstern, als Begierde zu gefallen und Leute an sich zu ziehen, verwiesen.
"O, ihr Männer!" sagte Frau G**, "wie ungerecht werfet ihr das Beste unter das Schlechteste! Hundert Weiber dürfen ungescheut den Kopfputz von dieser, das Band jener, den Zeug hier; die Schleiffe da, in einem Zirkel bewundern, loben, entzückt darüber scheinen: und meine D**, welche bei Erblickung einer guten Eigenschaft des Geistes oder Herzens, ein eben so grosses Vergnügen fühlt, als andre bei Moden und Putz, sie darf nicht sagen: Es freut mich, diese achtungswürdige Eigenschaft an Ihnen zu sehen? Auch hat sie Unrecht, meine Freundinn, sie har Unrecht, zu glauben, dass es viele Menschen gäbe, denen der Beifall für ihre moralischen Bemühungen angenehm sein kann."
Herr G** sagte, Madame D** hätte ihren Beifall und achtung oft über das Maas der Verdienste zugemessen, und gleichsam verschwendet!
"So, meine Herren! Ihr habt also allein Recht, wenn heute Euer Auge durch einen schönen Fuss angezogen, Ihr darüber alle andere Mängel der übrigen Figur vergesst und beschönigt! Morgen die helle Gesichtsfarbe einer andern Euch locken lasst, und immer diesen einzelnen Reizen die volle Summe Eurer Zärtlichkeit gebt, was für Fehler das Ganze auch haben mag! Meine Freundinn, die nach moralischer Liebenswürdigkeit umher sieht, und sich freut, den edlen gang einer Seele, den Ton des Verstandes, die Güte des Herzens zu bemerken, und die person, welche Eine oder Andres davon hat, nach dem Grade ihres Vergnügens darüber lobt und liebt: diese hat Unrecht, mit Menschenfreundlichkeit auf die gute Seite zu sehen, und sich von dem Fehlerhaften abzuwenden! O Rosalia, merken Sie sich das Schicksal meiner D**! Besonders aber, dass ihr dieses von edelmütigen, von vernünftigen Männern zubereitet worden ist, die sie just als eine Frau betrachten, die auf Wucher leihet! Ihre Liebe zur Einsamkeit, ihre freiwillige Aufopferung alles dessen, was sie an Vorzug, an anhänglichkeit hätte erwerben können, dies wird Coquetterie genannt! Der Wunsch, den sie bei dem Feimnärchen von Serpentio tat, in ihrer Gewalt zu haben, jeden Reiz der person, der Talente und des Charakters allein in der Gegenwart ihres Geliebten zu besitzen, und für alle übrige Männer Dame Serpentina zu sein; war der auch Coquetterie? Hätte sie mir gefolgt, sie sollte mehr Tribut von euch erhalten haben; aber der Beste vom allen soll sie schadlos halten, und über die Ungerechtigkeit der andern trösten!" –
drei und vierzigster Brief
Madame G** behielt mich Vorgestern noch eine Zeitlang in ihrem Zimmer, wo sie wiederholte, dass sie platterdings dem Herrn C** richtige Ideen von ihrer Freundinn geben und sie durch seine Liebe und Hochachtung, für alles, was sie bisher gelitten hätte, schadlos halten wolle! – Gestern sprach sie mir mit der nehmlichen Lebhaftigkeit davon, und sah dabei aus, wie Jemand, der einer schönen Aussicht zulächelt. – Ich wusste nicht, wie sie es anfangen wollte, besonders, da sie mir sagte, dass sie sich meiner bedienen würde, um das Hauptrad ihrer Maschiene in gang zu bringen. Nun kam sie heute Mittag, um zwei Uhr, mich zum Spatzierenfahren, allein mit ihr, abzuholen, und ich musste meine Uebersetzung des Glücks der edlen Liebe und die Abschrift des englischen Aufsatzes von Madame D** mitnehmen. Unterwegs sagte sie: "Rosalia! wir werden bei der Hütte des Hirten aussteigen, an der Hecke hingehen; und dort auf der kleinen Bank setzen wir uns, und lesen ganz aufmerksam unsere zwei Papiere; da wird mein Bruder mit Herrn C** unvermerkt zu uns kommen, und über unser gelehrtes Aussehen ein wenig spotten; da werde ich behaupten, dass ich Englisch von Ihnen lernen wollte, und dass ich Sie bei dieser Uebersetzung angetroffen hätte, die Sie mir nun vorlesen müssten. – Mein Bruder versteht die Englische Sprache; Herr C** auch. Der Erste wird gleich unsre Papiere begehren, um sie mit Herrn C** zu lesen. Das Uebrige wird sich dann weisen."
Alles ging, wie sie es veranstaltet hatte: Herr Fr** und C** machten Anspruch auf unser Heft Papier. Ich war mit dem Ganzen nicht so völlig zufrieden, und verteidigte ernstaft meine Aufsätze gegen den Raub. Aber meine Madame G** erhielt die Oberhand. Die beiden Herren gingen mit ihrer Beute von uns, und wir fuhren zurück. – Herr Fr** kam spät, mit uns zu Nacht zu essen, und sagte seiner Schwester: C** hätte bei Lesung des Charakters von Arundel gestockt. Herr Fr** wäre eingefallen: "Mein Freund C**, dieser Lord und Sie sind nur Ein Mann; denn jeder Zug dieses Charakters ist Ihrer!" – Am Ende wäre C** ganz besonders still und nachdenkend geworden; hätte ihn gefragt, ob wohl diese Aufsätze von mir wären? Fr** habe geantwortet, er glaube es nicht; denn, was sollte Rosalia L** mit der idee einer Witwe, mit dem, mit so viel Zärtlichkeit gezeichneten Bilde des Herrn C** machen? – Dann hätte er ihm die Aufsätze bis den andern Tag lassen und versprechen müssen, nachzuforschen, woher sie kämen.
Wie alt ist dieser Brief geworden, meine Mariane! Aber die Treiberinn