die Liebe für einen tugendhaften Gegenstand ein Herz veredelt und stärkt, ganz vortrefliche Sachen zu tun; denn, da der Schatten des Herrn von Gutendorf seine Geliebte noch elf Jahre nach seinem tod in der schönen Gesinnung einer daurenden Zärtlichkeit erhielt; da sie immer noch alle Wissenschaften, die er besass, alle guten Eigenschaften des Herzens liebte, was sollte er nicht im Leben über ihren Geist gewürkt haben! Sie wiederholte mit mir den ganzen Lauf ihrer Liebe und der Mühe, die sie sich gegeben, in allem, was sie tat, der achtung des schätzbaren Freundes würdig zu sein. Bücher, die er ihr angerühmt, musste ich auch lesen. Das Feine und Artige ihrer Manieren ahmte ich selbst, so viel möglich, nach; und auf diese Weise wurde ich in meinem Tun und Denken eine glückliche Copie des schönen Urbilds, das ich so unvollkommen gezeichnet habe. – Ich sagte ihr einmal, dass ich doch bedauerte, sie mit so viel liebenswürdigen Eigenschaften für die Welt und ihre Freunde verlohren zu sehen. – Sie antwortete: "Meine liebe Julie: die eigentliche Welt verliert an einer einzeln person niemals, indem diese kleine Lücken gleich ausgefüllt sind. Für meine Freunde wäre ich mitten unter ihnen verlohren gewesen; denn mit meinem Gutendorf war alles Glück, alle Freude meines Lebens dahin. Es schmerzte mich, andre erhalten zu sehen, und ihn tot zu wissen; glauben Sie, dass man mir dieses vergeben hätte? und dass, da meine Munterkeit fort war, ich noch eine beliebte. Gesellschafserinn gewesen, wäre? Ich hatte an unserm hof Grösse, Pracht und Lustbarkeiten gesehen; sie blieben nach seinem tod noch da; aber ich fühlte, wie wenig wahre Glückseligkeit in ihnen liegt, weil jede Zerstreuung, zu der sie mich lockten, mir meinen Kummer erneuerte. Er starh mit drei und zwanzig Jahren mit Vergnügen, weil er so edel gelebt hatte. Seine Liebe für mich dauerte bis in seinen Tod, ich will ihn bis an meinen lieben. Er war meine Welt! Das Andenken an diesen geliebten toten hat mich immer noch glücklicher gemacht, als alle Lebenden nicht tun können! – In seinen Clavierstücken hör' ich den Ton seiner Seele, in seinen Briefen lebt seine Liebe. In seinen Büchern und Zeichnungen sehe ich seinen Geist! – Ich weine freilich oft, aber mein Kummer ist süsser als Freuden." –
Zwei und vierzigster Brief
Ihrem edlen menschenfreundlichen Herzen, meine Mariane! will ich das Gelübde ablegen, niemals, gar niemals, von dem Aensserlichen eines Gesichts mich hinreissen zu lassen, Etwas sicher Nachteiliges von jemand zu denken, noch viel, viel weniger, zu sagen! Nein, es soll durch mich nimmermehr der Schmerz in eine Seele gebracht werden, den ich vor zwei Tagen, in der so gefühlvollen Madame D** entstehen sah, da sie in dem Augenblick, wo sie das Schönste, und vielleicht auch Schwerste tat, was ein Frauenzimmer tun kann, das allerschiefeste Urteil über ihren Charakter erdulden musste; und diess von einem mann, dessen Hochachtung sie wünschte und verdiente. –
Der Aufsatz des Bildes der edlen Liebe, und die zwei Briefe, die ich vom Anfang der Bekanntschaft mit ihr, schrieb, müssen Ihnen, meine Mariane, bewiesen haben, wie fein diese Frau empfindet und denkt, und wie wahr die Güte ihres Herzens ist. Ihre natürliche Anlage ist lauter Lebhaftigkeit und Tätigkeit. Aber sie stunde immer unter einer Obergewalt, durch deren Handlungen und Denken die ihrigen gehindert und zurückgestossen wurden. Dieses gewaltsame Zurückbalten der Triebfedern ihres Geistes und ihrer Empfindungen, der langjährige Kampf gegen sich und andre, das Aufopfern ihres Selbst, und zugleich das Festalten an ihren grundsätzen, hat natürlicher Weise nicht nur über ihre Seele, sondern auch auf ihre person gewürkt. Einige Muskeln ihres Gesichts sind durch das Anspannen der Nerven zu scharf geworden, weil die innerliche Stärke ihres Charakters nicht so leicht die runde sanfte Falte der Nachgiebigkeit annehmen konnte. Die Zeit ihrer Freiheit erschien zu spät; das lange Pressen der Umstände hatte die Falten schon so genau bemerkt, dass sie auch da blieben, ob sie schon, alles Zwangs befreiet, den moralischen gang ihrer Seele nach ihrer eigenen Wahl fortsetzen konnte. Und, sehen Sie, Mariane, just diese Züge, die als daurende Ueberreste ihres ertragenen Leidens da sind, um derentwillen man sie achten sollte, diese werden zum grund von Beobachtungen angenommen, aus dem man diese und jene Fehler ihres moralischen Charakters entdeckt. – In dem Augenblick, wo sie sich, mit andern, in der Gesellschaft eines Mannes befindet, dessen vorzügliche Verdienste des Geistes und der denkart allen, und auch ihr die Begierde einflösste, seinen Beifall zu erhalten, und wo sie, um den Andern nicht im Weg ihres Vergnügens und ihrer Bemühungen zu stehen, die Wünsche ihres edlen Ehrgeitzes aufopfert, schweigt und zurücktritt, um andre geniessen und schimmern zu lassen: da wird ihr Lohn misskannt und sie selbst ganz unrecht beurteilt. Es hat sie tief, sehr tief verwundet, und zu dem Entschlusse gebracht, auf immer verhüllt zu bleiben, und sich ganz aller Gesellschaft zu entziehen. – Ich aber bin auf dem Vorsatz gekommen, die äusserlichen Kennzeichen nicht als richtige Maassstäbe des Geistes und Herzens anzunehmen! – Madame G** erschien hier im schönsten Lichte, in welchem jemals die weibliche Freundschaft stehen kann; da sie mir das Ganze von dem Charakter ihrer Freundinn schilderte. Ihr Mann, und von Ott, waren als Ankläger da, von