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O** bat Julien um ihre Hand zu den neuen englischen Tänzen, weil mich mein Gesellschafter auch aufgesucht hatte. Von O** tanzte so schön, als er konnte, da er in Wahrheit liebe- und wonnetrunken war. Er hatte kein auge, als für Julien, und sie keines als für mich. Sie tanzte artig, aber nicht mehr fa fröhlich, als vorher. Süsses Nachdenken lag in ihrer Miene, und so oft die Wendung des Tanzes sie zu mir führte, drückte sie mit Zärtlichkeit ein meiner hände, das gewiss zur Hälfte dem artigen von O** gehörte, mit welchem sie aber den ganzen übrigen Abend alle einseitige Unterredung vermied; mit mir und Madame G** hingegen in ein reizendes Gespräch geriet. – Julie kommt Uebermorgen Vormittag zu mir. Madame G** will den von O** herführen; denn beiderseitige Verwandte wünschen diese Verbindung festzusetzen. –

Vierzigster Brief

Julie kam, wie ich Ihnen Vorgestern schrieb, zu mir, und ich war froh, dass Madame G** und Herr von O** nicht sobald kommen konnten, als sie wollten; denn da hatte ich gelegenheit, Julien kennen zu lernen, die mir ganz ihr Herz entfaltete, welches seine schönste Wendung von der Hand einer edlen Dame erhielt, die sich nach dem frühzeitigen tod ihres Geliebten vom Hof entfernte und einsam, nur seinem Andenken geweiht, die blühenden und reifen Jahre ihres Lebens, in einer steten, aber sanften Melancholie, hinbrachte. Der feine Geschmack, welchen die grosse Welt in ihr ganzes Wesen gelegt hatte, begleitete sie auch auf dem land in allem, was sie tat; und Julie, die ein ganzes Jahr mit ihr verlebte, nahm den Ton ihres Denkens und ihrer Sitten an.

"Komme ich nicht zu früh?" sagte mir Julie mit der feinsten Freimütigkeit. "Aber ich wollte wenigstens einige Minuten von der Zeit einbringen, die ich durch meine Abwesenheit verlohren habe; denn vielleicht hätten Sie mir Ihre Freundschaft schon vor vier Monaten geschenkt, wenn ich hier gewesen wäre."

Sie hielt mich bei der Hand und sah mir mit sehnsucht in die Augen, nach meiner Antwort. "Gewiss, liebenswürdige Julie, hätten Sie mein Herz eingenommen, wie jetzt, vielleicht aber würden wir, ohne die Vermittelung einer schönen Urne, niemals so genau, verbunden worden sein."

Sie lächelte mit ein wenig Erröten. "O ja, die Urne hat mir viel Gutes getan!"

"Mir auch, mein Schatz," sagte ich, indem ich sie umarmte, "aber," setzte ich hinzu, "Herr von O** wird doch von uns dreien der Erste sein, von dem sie Kränze erhalten wird."

Sie nahm ihren Arm verschämt von mir weg. "Warum reden Sie mir gleich von Herrn O**?"

"Weil ich Sie nicht einen Augenblick betrügen will, Julie. Er weiss, dass Sie hier sind, und wird auch kommen."

Mit einer ungeduldigen Bewegung sagte sie: "Ach, ich wollte nur Freundschaft geniessen, und da kommt die Liebe und stört mich!"

"Liebe Julie! wie reizend ist Ihre Freimütigkeit!"

"Wie gut sind Sie, dieses Freimütigkeit zu nennen, da es unmöglich ist, Ihnen ein geheimnis daraus zu machen, dass mir Herr von O** von Liebe sprach." –

"Verzeihen Sie, Julie! aber ich habe Ihrem Gedanken einen doppelten Sinn gegeben."

"Das ist mir nicht ganz lieb! Wollen Sie mir zur Vergütung die Ursache sagen?"

"Ich dachte, Julie fände, dass von O** würdig sei, ihr von Liebe zu sprechen!"

"Liebe Rosalia! sahen Sie dies in meiner Miene, oder meinen Worten?"

"In beiden, meine Freundinn, und es machte mir Vergnügen! denn, gewiss, von O** ist ein edler junger Mann."

"Ich glaube es auch, Rosalia! Und nun will ich freimütig sein, und Ihnen bekennen, dass mich die Liebe des von O** freut. Sie ist die Erfüllung eines Wunsches, den ich schon lange hatte. Alles, was ich von seinem Geist und seinen Sitten kenne, sind die Eigenschaften, die ich mir von der Vorsehung für meinen künftigen Geliebten erbat."

"O! Julie, möge doch jeder edle Wunsch unsers Geschlechts wahr werden, wie dieser, den Sie taten. Aber, sagen Sie mir, wo nahmen Sie das Bild des Mannes, den Sie sich wünschten? und wo nahmen Sie, wenn ich so sagen kann, den Ton der Urne her? denn ich weiss, Ihr Kopf war nicht allezeit so ernstaft gestimmt."

"Das ist wahr! Aber die Anlage muss in mir gewesen sein, sonst würde dieser Ton nicht gleich gefasst haben und herrschend geworden sein, und, wenn ich das Glück, einen solchen Mann zu lieben, nicht in einem elf Jahr daurenden Kummer über seinen Verlust, gesehen hätte: so würde ich auch nicht so sehr daran haften."

"Und wo sahen sie dieses, mein Kind?"

"Das Jahr hindurch, da ich bei meiner Base auf dem land wohnte, wo ich eine liebenswerte Dame von drei und dreissig Jahren antraf, die ihre Schönheit, Jugend und Talente, der grossen Welt, in der sie geliebt war, entzog, um ungestört dem Verluste nachzuhängen, den sie gehabt hatte. Aus der Beschreibung ihres Geliebten, aus seinen Briefen habe ich das Bild des Meinigen zusammengesetzt; und, gewiss, ich hätte niemals lieben können,