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eigen gehalten; und hat erst auf dem Ball, bei der Verheiratung ihrer schönen jüngern Schwester, die Reize ihrer person und ihres Charakters entdeckt. Das fest war in dem prächtigen Garten ihres reichen Schwagers. Juliens Kleid und Hut war von grauem Taffent, mit rosenfarbenen und weissen Flor und Bändern geziert. Alles so passend gemacht, dass das ganze Ebenmaass ihrer Gestalt bemerkt werden konnte. Bei den englischen Tänzen wurde sie die Gesellschafterinn des Herrn von O**, dessen auge' und Geschmack sie darin ganz fesselte. Reine Fröhlichkeit war in ihren Zügen, Bewegungen und Blikken. Die feurige Aufmerksamkeit des Herrn von O** machte Juliens Tante viel Vergnügen, weil sie diese Eroberung dem Liebling ihrer Seele schon lange gewünscht hatte. Beim Ausruhen sass Julie unter einer Gruppe der artigsten Mädchen, auf einer Grasbank, und lehnte sich nachlässig an den Fuss einer Urne. Ihre Stellung war einnehmend schön. Ueberbleibsel der Munterkeit und Röte des Tanzens, mit einer Art Müdigkeit vermischt, der niedlichste Faltenbruch, den jemals ein Gewand machte, von dem schönen Grau und Rosenfarb auf dem feinen Rasen, ihre wohlgebildete Füsse artig gekreuzt, und ihr schöner Mund lächelnd gegen ihre FreundinnenIn Wahrheit, Mariane, ich war froh, meinen Freund von R** so viele Meilen weit von uns zu wissen; denn, erschien Julie von U** mir Mädchen so reizend, wie vielmehr musste sie's in den Augen eines empfindsamen und feinen Kenners sein! – Madame G** sass an meiner Seite, gegen der schönen Gruppe über, beobachtete aber ihren Vetter von O**, der halb hinter einen Baum stehend, Julien mit liebenden und gierigen Blicken betrachtete, besonders da Julie etwas an die Urne mit einem kleinen Griffel schrieb. Sie überlas es mit einer nachdenkenden, aber höchst edlen und sanften Miene, die mich rührte und reizte. Ich ging zu ihr und sagte freimütig, der Ausdruck ihres Gesichts, den sie während dem Schreiben gehabt, hätte mich lüstern gemacht, ihre Gedanken zu lesen. Sie sah mich liebreich an, schlug errötend die Augen nieder, und sagte sehr grtig: ich hätte zu befehlen! Der Gedanke, den ich fand, durchdrang meine Seele mit dem ganzen edlen Ernst der ihrigen. Hier ruht man von euch, ermüdende Freuden des Lebens. – Ich umschlang sie mit einem Arm und küsste sie mit Rührung, indem ich sie um den Griffel bat und dann hinzu setzte: Wie schön ist Deine Ruhe, o Julie! weil Deine Freuden rein und edel sind, wie Deine Seele. – Sie wollte hier meine Hand küssen, aber ich umarmte sie und sagte: Ich hofte auf ihre Freundschaft und ihren Umgang. Sie antwortete hierauf: Sie achte sich durch meinen Beifall sehr glücklich, und hätte meine nähere Bekanntschaft schon lange gewünscht. Hier kam von O** zu uns und bog sich mit vielem Anstand gegen die Urne, um das Geschriebene zu lesen. Der schönste Ausdruck von Verehrung und Liebe breitete sich über seine edlen männlichen Züge aus. Er blickte auf mich mit einer Verbeugung, heftete aber seine Augen voll Zärtlichkeit auf Julien. Diese wurde darüber ein wenig verwirrt, und er sagte, mit der angenehmsten Bewegung der hände gegen sie, die mich am arme hatte: "Liebenswürdige Julie, gönnen Sie mir die edle Freude, Sie mit Rosalien so vertraut zu sehen!" – Sie erholte sich da, und dankte ihm für den Anteil, den er an ihrem Vergnügen über meine Güte nähme. "Sie danken mir," erwiderte er, "für den Anteil, den ich an Ihrem Vergnügen nehme? Was wollen Sie tun, wenn ich Ihnen sage, dass Sie heute Alles für mich geworden sind, was Erdenglückseligkeit sein kann?" – Julie wurde etwas lebhaft rot und sagte mit Ernst: "Ich werde nichts tun, mein Herr; denn auf einen Ball will ich nichts für Sie werden." – Diese Antwort entzückte meinen scharfsinnigen Freund. Er wandte sich mit dem Feuer der Liebe gegen die Urne, umfasste sie und sagte gegen Julien: "Julie! der Ball hat nichts mit diesen Gesinnungen gemein; obschon Ihr reizender Tanz die Augen aller Männer entzücken muss. Hier," indem er das, was Julie geschrieben, küsste, "bei diesem Aschenkrug, wo Sie Rosaliens Freundschaft erhielten, nehmen Sie, teure Julie! die Gelübde meiner ewigen Liebe und Verehrung anEs freut mich," sagte er zu mir, "dass Ihr Geist und Tugend Zeugen von diesen Gelübden sind, die ich niemals, niemals brechen werde." – Julie, halb betreten, halb vergnügt, sagte: "Um des himmels willen, Herr von O**, was sagen Sie da alles! Ewige Liebe und Gelübde, bei denen Sie die Tugend nennen." – Er wollte wieder reden, sein Gesicht sah etwas traurig, sie fiel aber ein: "Nichts mehr, ich bitte Sie! aber, vor Rosalien will ich sagen, dass, wenn mein Gedanke bei dem Aschenkruge mir Ihre Hochachtung erwarb, und wenn sie dauert: so soll es mir das Angenehmste sein, was ich je von einem mann hören kann." – Mit der schönsten Errötung liess sie ihn ihre Hand küssen. "Es ist genug, schätzbare Julie! es ist genug, dass Sie einen Wert auf meine Hochachtung legen," sagte er: "ich will sorge tragen, dass alle meine Gesinnungen Ihrer gütigen Aufmerksamkeit würdig sein mögen!"

Nun hatten die andern mit den Menuetten aufgehört, und von