hätte, bis in ihren Tod zu behalten, weil ich gewiss sei, dass sie in der andern Welt werde sein dürfen, was sie sei, und dort über ihre Empfindsamkeit nicht gespottet, und ihr Eifer für moralische Tätigkeit nicht werde getadelt werden.
O, der edle, der glückliche Stolz dieser moralisch stark fühlenden Seele! – Jeder Tag nähert sich dem Untergange ihrer eigenen Glückseligkeit, die sie nicht durch Vergehen, nicht durch Missbrauch, sondern durch boshafte niedrige Ränke einer person verliert, in welcher sie Edelmütigkeit und Güte zu sehen glaubte. O Mariane! mein Herz fühlt beinah noch mehr sympatetisches Leiden für diese Frau, als bei Henrietten! Es ist auch ganz natürlich. Henriette trug eine einfache Last. Unabhängigkeit, Gewalt, Gutes zu tun, und die Freiheit, ihren Gram ganz zu geniessen, versüsste den Kelch ihres Kummers. Die Umstände hinderten sie nicht, davon zu reden. Sie wurde geliebt und bedauert, weil bei ihrem Schicksal die Eigenliebe und Eigennutz der andern nichts abzugeben, nichts zu wagen hatten. – Denn, meine Mariane, Eitelkeit und Vorteile sind die Gränzsteine der freundschaftlichen Gesinnungen in den meisten Seelen. – Ich habe aber ganz deutlich in den Briefen der Madame W** gesehen, dass unter den vielfältigen Schmerzen ihrer Seele auch dieser liegt, unter dem Kreise ihrer Bekannten lauter Personen zu sehen, die immer auf ihre Grossmut, sie aber auf keine von ihnen zählen könnte, ausser dem einzigen edlen Mann, der sie liebt, weswegen sie aber, aus feiner zärtlicher Gesinnung, gerade ihm alles verbirgt.
Abends zehn Uhr.
Ich schrieb Vorhergehendes Gestern; und heute früh, da kam Herr Fr** und fragte nach seinen Briefen, und meinen Auszügen, die ich ihm zu lesen gab, – "O, Rosalia!" sagte er, "Sympatie, ganz allein Sympatie, hat die Auszüge und Anmerkungen gemacht! Ich habe es vorher gesehen! Lassen Sie sich, liebe junge Freundinn, Henrietten und Madame W** zu Merkstäben, während ihrem Wandel unter den Menschen, dienen! Denn, da Sie das seltene Glück haben, diese zwei Charaktere in sich zu vereinigen; so könnte Sie auch das seltene Elend treffen, welches das Schicksal Ihren Schwestern-Seelen bereitete. – Denn Madame W** ist gewiss das Seitenstück Ihrer Henriette. Diese lehnte sich, bei dem Einsturz des willkührlichen Baues ihrer Glückseligkeit, allein auf ihr Herz, und es brach unter der Last ihrer verlohrnen Wünsche und Empfindungen. Madame W**, als gattin und Mutter, in mehr Verhältnissen des Herzens, in mehr Uebung des Geistes, und bei mannichfaltern Leiden, stützt sich allein auf die Verstandskräfte ihrer Seele; leidet aber nicht weniger. Hätte sie im Anfang der Gewalt der Umstände nachgegeben, so wäre ihre Ruhe und Leben gerettet worden. Denn, es ist gewiss, dass die Ueberspannung ihrer Seelenkräfte die Kräfte ihres Körpers zermalmen werden." – Hier ging er fort; und ich dachte: O Fr**, Madame W** ist die gattin deiner Seele! wie viel leidest du mit ihr!
Neun und dreissigster Brief
Unser artiger Herr von O**, der Ihnen, meine Mariane, anfing, so gefährlich für mich zu scheinen, ist verliebt; aber nicht in Rosalien. Das Schicksal hat ihm eine ganz sonderbare Beute aufbehalten. Er bekommt Julie von U**, das einnehmende geschöpf aus dem Zirkel der neun Mädchen, von welchen ich Ihnen schrieb. Der gang ihres Kopfs und Herzens bildete sich, auf die schätzbarste Weise, allein nach ihren Empfindungen aus. Die Art, wie sie die Blumen unter ihre Freundinnen austeilte, konnte zu einer probe ihres mit siebenzehn Jahren blühenden Witzes dienen. Die feine schonende Fühlbarkeit, mit welcher sie auch die kleinsten Sprossen der Eigenliebe ihrer Gespielinnen behandelte; die Art, mit welcher sie die ihrige unterdrückte; und die Sorgfalt gegen alles, was Züge einer Coquetterie sein könnten, und dergleichen mehr, liefert mir einen neuen reizenden Charakter aus unserer Weiberwelt. Sie hatte immer, aus freiem Willen, alle Putzstücke zurück gelassen, die ihr besser, als einer ihrer Freundinnen gestanden hätten, die sich der nehmlichen Art von Zierrat bediente. In Gesellschaft war alle ihre Achtsamkeit auf Frauenzimmer gewendet. Niemals suchten ihre Blicke oder Gebärden die Aufmerksamkeit einer Mannsperson anzulocken; sogar zeigte sie die Sanftmut ihres Charakters und die Talente ihres Geistes am meisten in Gesellschaften ihres Geschlechts, und liess in Gegenwart der Männer durch ihr Schweigen und ihre simple Kleidung immer der Artigkeit ihrer Gespielinnen den ersten Rang. Nur bei Tänzen gelungen ihre Anschläge des Versteckens ihrer Reize nicht. Ihr schöner Wuchs war nicht zu verbergen, und die edle, holde Art ihres Tanzes gab ihr unendliche Vorzüge. Mit neunzehn Jahren hatte sie den stärksten Feind ihres moralischen Charakters zu bekämpfen, weil alsdann die überwiegende Schönheit ihrer jüngern Schwester in voller Blühte war, und Julie in der Furcht, die sie hatte, verdunkelt zu werden, die Keime des Neides entstehen sah, die sie aber mit der Wurzel ausrottete, indem sie alle ihre Geschicklichkeit in Putzsachen für ihre Schwester verwendete, deren Schönheit dadurch um so mehr erhöht wurde, und Julie allein durch die äusserste Nettigkeit, Anstand und einfachen Ton der Farben bezeichnet war. – Alle Kenntnisse einer guten Hauswirtin und vernünftigen Gesellschafterinn sind ihr eigen; aber die Grundsätze ihrer Bescheidenheit sind so stark, dass sie von dem mittelmässigsten Weiberkopfe Lehren anhört, und überhaupt ihr Wissen nur in hie und da hervorbrechenden Ideen zeigt. Herr von O** hatte sie oft gesehen, für ziemlich artig, aber auch für sehr