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sagte nichts von mir, gab aber den Gesprächen immer eine Wendung, in welcher notwendiger Weise Madame W** ihren Charakter, obwohl in abgebrochenen Stücken, zeigen musste. Als wir wieder nach haus kamen, sagte ich dem Herrn Fr** ganz freimütig, dass er durch diesen Besuch meine Neugierde über den Charakter der Madame W** nur gereizt, aber nicht befriedigt hätte. Er fand es wahr; und versprach mir, einen Pack ihrer Briefe an ihn, wo ich sie ganz sehen könnte, und aus denen er mir erlaubte, Auszüge zu machen.

Hier sind Abschriften davon. Ich bedaure, dass ich nicht alles, und besonders auch die Copien seiner Briefe, abschreiben durfte: sonst hätten Sie die ganze Stärke männlicher Freundschaft und Weisheit in seinen, und das höchste Maass moralischer Fühlbarkeit einer weiblichen Seele in denen von Madame W** gesehen. In einen der ersten sagt sie ihm: Sie dankte dem Schicksal, einmal einen Mann gesehen zu haben, der die lebendige Hochachtung, die eine Frau für seinen Geist und Charakter zeige, nicht als gewöhnliche Bewegungen von Liebe beurteile; und dann versichert sie ihn: "Hätte ich Sie auch niemals gesehen, niemals das Glück Ihres Beifalls erhalten und nur von Ihrer Rechtschaffenheit des Herzens, und den Kenntnissen Ihres Geistes reden gehört, so dächte ich für sie, wie jetzt, und wie ich vor ein halb Hundert vortreflicher Männer der alten und neuen geschichte denke." –

Dann einmal: "Ich danke Ihnen, edler Freund, für Ihre Freimütlgkeit; Sie haben Recht, ich bin mit meinem Vermögen und meinen guten Gesinnungen zu freigebig, und es ist wahr, ich habe noch keine Seele gefunden, die für mich denken und tun würde, was ich immer noch fähig wäre, zum Besten anderer zu tun." –

Wieder: "Was soll ich zu dem Vorschlage einer andern Einkleidung meines Charakters sagen? Wie sauer, mein Freund! o wie sauer, sollte mir dieses werden! Denn, wenn ich mein Herz vor den Augen Gottes entfalte, so danke ich ihm, dass er mir es so gab! Meine süsseste Glückseligkeit ist, den gegenwärtigen Augenblick meines Lebens an den Gedanken des letzten zu rücken, und dann mit kindlicher Liebe und Freude, Gott, Tod und Ewigkeit mir vorzustellen. Die Wirkungen dieses Gefühls sind schon lange mit jeder Triebfeder meiner Handlungen und meines Denkens verbunden. Vor dem Auge des himmels, darf ich mit Vertrauen, und vor den Menschen soll ich mit so viel Behutsamkeit erscheinen? Warum? Sagen Sie mir, warum?"

Hierüber hatte Herr Fr** einen grossen sehr schönen Brief, über hohe, und herablassende liebreiche Tugend geschrieben, den er nicht bekannt gemacht haben will. Und hier sagte sie: "Es ist unmöglich, mein Freund! dass ich Ihnen den Dank meines Herzens, für die edle Bemühung Ihres Geistes ausdrücke. Ihre Unterscheidung der hohen und herablassenden menschenfreundlichen Tugend ist schön; aber beinahe zu fein, und etwas zu schmeichelhaft für mich. Aber Ihr Endzweck ist meine Ruhe, und die Befriedigung derer, womit ich lebe. – Ich ergebe mich, mein Freund, und rufe hier eine meiner alten LieblingsIdeen zurück: dass eigentlich nichts Tugend genennt werden kann, als was wir zum Besten unserer Nebenmenschen, mit Aufopferung unsers Selbst tun!"

In einem sagt sie, nach einer Krankheit: "Sie haben meine Geduld, meine Gelassenheit in Schmerzen gelobt, mein Freund! Ich werde alle Leiden, die ich von der Hand der natur aufgelegt bekomme, beständig mit der anbetenden Unterwerfung tragen, die ich dem Urheber der natur schuldig bin. Ich verdiene nicht weniger, als andere, zu leiden! und mein väterlicher Schöpfer wird mir nicht mehr als andern aufladen." –

In den letzteren liegt viel, aber unbenennter Kummer. Sie sagt unter andern: "Es ist mir leichter, mein Freund! viel leichter, eine drückende Last auf meinen Schultern zu behalten, als sie, auch durch die gerechteste Anklage, auf einen andern zu wälzen. Und der, dessen Hand meine Glückseligkeit so grausam verletzte; kennt meinen Jammer wohl, aber er macht es nicht, wie schon oft grossmütige Feinde taten, die alle ihre Sorgen und Kräfte zur Heilung der von ihnen geschlagenen Wunde darboten." –

In einem folgenden steht: Sie wolle ihr eigenes Ich für ihre übrigen Tage vor der ganzen Welt verbergen, und allein durch ihren Geist mit den Menschen fortleben. Für das Glück ihres Herzens nichts mehr fordern, nichts mehr erwarten, aber für das Wohl Andrer alles tun, so weit ihre Kräfte reichten.

Sie gesteht Herrn Fr**, dass es ein Gemisch von natürlicher Grossmut, und einem, durch Erfahrung erlangten Mistrauen sei, welches sie hindere, ihm ihr leidendes Herz zu eröfnen, und seinen Trost und hülfe zu geniessen. – Sie fühle, dass sie dem Schicksal das Sonderbare und Einzelne ihres Charakters teuer bezahlen müsse: es solle aber, so viel sie es verhindern könne, bei dieser Abgabe niemand zu leiden haben, als sie. – Dieser Gedanke sei es, der die Heiterkeit ihres Tons unterhalte, indem sie den Becher der Freuden ihrer Kinder, Hausgenossen und Freunde, durch ein trauriges nachdenkliches Wesen nicht verbittern wolle.

Dann bittet sie ihn, ihr Freund zu bleiben, und versichert ihn, dass er keine Fehler des Charakters an ihr sehen solle, als die, welche die Anfoderungen des Eigensinns und Eigennutzens Andrer so benennen. Sie hoffe aber, die Gesinnungen, die Gott in ihre Seele gelegt