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versicherte mich, dass er sie mit vieler Zufriedenheit gelesen hätte, weil er sie als Bildnisse glücklicher Menschen betrachtet habe; da er nur diejenigen glücklich nennt, welche ihr moralisches Leben in edlen und tugendhaften Handlungen geniessen können. Er fragte mich zugleich um die eigentliche Ursache des Aufsuchens dieser Züge des menschlichen Herzens. "Um wirkliche Zeugnisse zu haben, wie gut wir sein können, wenn wir wollen; und auch, um mir zu sagen, was andre getan haben, das kannst Du auch tun."

"Immer die idee des Wollens!" sagte er. "Glauben Sie denn, dass man in seinem Leben oder in seinem amt all das Gute tun kann und tun darf, was man wöllte? was heiligen Pflichten der Menschenliebe und der Klugheit gemäss wäre? Wie oft muss man dem Eigensinne, dem Eigennutze und der Unwissenheit das Uebergewicht lassen! wenigstens sehr oft lange die beste und gerechteste Sache zwischen Dornbüschen durchschleppen, ehe man sie zum Ausgang bringt, weil die Obergewalt der Umstände den schönen Weg der geraden Strasse hinderten."

"O, mein schätzbarer Freund! Sie machen mich besorgen, dass Sie aus Erfahrung reden, und dass Ihr edler Geist oft in seiner Wirksamkeit für das Beste und Rühmlichste gestört und gehindert wird; wie muss Ihnen da zu Mute sein!"

"Wie dem rechtschaffenen Landmanne, der sein angewiesenes Stück Feld mit treuem Fleiss und Mühe baute, dem aber Hagel, oder wilde Tiere alles verderben. Es schmerzt den guten Arbeiter, aber, er pflügt immer den Boden wieder. Säet gute Körner aus, und hoft endlich eine Erndte! – Aber, ich will von Ihren Papieren reden.

Ich habe die geschichte Ihrer Henriette mit vieler Rührung gelesen; aber auch gefunden, dass ein wenig Biegsamkeit und Nachsicht gegen die zufälligen Schwachheiten der Eigenliebe des Herrn M**, beide glücklich gemacht, und alle ihr bittres Leiden und ihren frühen Tod verhindert hätte. Ich will Ihnen das Nebenstück zu diesem Charakter liefern. Aber nicht allein, um Ihre Sammlung zu verstärken, sondern damit einen Merkstaab mehr auf dem Wege Ihres Lebens zu befestigen; weil ich glaube, in Ihnen eine Zusammensetzung beider Charaktere zu sehen, und also notwendiger Weise denken muss, dass beinahe die nemlichen Folgen daraus entstehen könnten.

Ich habe," fuhr er mit einem Seufzer fort, "eine sehr schätzbare Freundinn, deren fühlbares Herz in Rosaliens Jahren von moralischem Entusiasmus glühte. Jede Triebfeder zu Tugend, Edelmut und Güte lag in ihrer Seele, und viele Jahre haftete der schöne Wahn in ihr, dass man nur gute Eigenschaften des Herzens zeigen dürfe, um von den meisten Menschen geliebt zu werden, und dass es ihr bei der unausgesetzten Befolgung ihrer grossen Grundsätze, gut zu sein und Gutes zu tun, glücken würde und müsste. Aber sehr traurige Erfahrungen haben ihr bewiesen, dass man bei Ausübung der Tugend eben so viel Behutsamkeit und Vorsicht nötig habe, als der Bösewicht zur Ausführung seiner Ränke braucht: denn man ist ihrer Güte des Herzens und ihrem Wohlwollen begegnet, wie man dem freigebigen Reichen tut, in dessen haus man satt nimmt und geniesst, ihm aber nachher mit dem Namen eines Verschwenders bezeichnet. Was für grausame Rückgabe erhielt sie gegen die redlichste Hochachtung und Freundschaft! Wie viel Kummer und Leiden verbreitete ihr Glauben an edle Güte, und die Bescheidenheit, mit welcher sie ihre Einsichten andrer ihren unterwarf, über ihr ganzes Leben! Diese Frau, Rosalia, sollen Sie Morgen sehen. Die Stärke ihres Charakters mögen Sie nach der Leichtigkeit und Munterkeit ihrer Unterredung mit uns berechnen; denn ich weiss, dass ihr Herz wirklich unter einer Last von schmerzlichen Sorgen liegt, und dass sie das Ende ihrer Erdenglückseligkeit vor sich sieht. Sie könnte einen teil davon durch gerechte Anklagen andrer erhalten: aber ihre Seele verwirft dieses Hülfsmittel. Auch mir, dessen wahre und treue Gesinnungen sie kennt, versagt sie die Freude, ihr einen teil dieser Last zu erleichtern. Sie fasste alle Kräfte ihres Verstands und Herzens zusammen, um ihr Schicksal allein zu tragen, und mit Shakepears König Lear sagen zu können: Unglück! sei mein Glück. Aber sie wird erliegen, wenn nicht die Vorsicht besonders über sie waltet."

Urteilen Sie, meine Mariane! von meiner Aufmerksamkeit bei dieser Erzählung, und wie begierig ich war, die Frau zu sehen, deren Charakter von diesem vortreflichen mann so sehr geschätzt wird. Morgen gehen wir zu ihr; aber ich werde sie nicht recht sehen können, denn wir sind unser zu viele. – Ich will diesen und den morgenden Brief mit einander schikken. Gute Nacht, meine Freundinn! –

Acht und dreissigster Brief

Wir haben bei Madame W** gefrühstückt. Eine sehr gefällige Munterkeit schien sie zu beherrschen; doch ganz kleine Teile der Unterredung zeigten mir ihre Empfindsamkeit und den moralischen Ton ihrer Seele. Sie mag einst schön gewesen sein; aber nun sind ihre Züge durch Gemütsleiden zerrüttet, und ihre Gesichtsfarbe blass. Doch herrscht in ihrem ganzen Wesen etwas ausserordentlich Einnehmendes. Madame G** stellte mich ihr vor, und sagte: "Sie werden gewiss mit der Bekanntschaft von Rosalia L** sehr zufrieden sein, weil sie eine ganz seltene Empfindsamkeit mit sich gebracht hat." Madame W** umarmte sie lächelnd, und sagte ihr nach: "Seltene Empfindsamkeit! Liebe boshafte Frau! Wie sehr stützen Sie sich auf meine Verschwiegenheit. Denn Sie wissen, dass ich vieles von der Zärtlichkeit dieses Herzens erzählen könnte!" wobei sie auf die Brust der Madame G** wies. –

Herr Fr**