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eifern. Denn wie oft bleibt Geist und Charakter eines vortreflichen Mannes ungeliebt und ungeachtet, weil die kleinen Seelen, die ihn umgeben, ihn nicht zu ihren Absichten gebrauchen können; und wie oft wird ein bekannter Bösewicht geschützt und geduldet, weil er der Eigenliebe schmeichelt, oder dem Eigennutz dient! Herr Fr** aber bejammerte den Unfall eines Mannes, der ihm geschadet hatte, und sprach den Abend noch von der Enteiligung der Freundschaft, und des Vertrauens, als einer der grössten Vergehungen, deren sich ein Mann schuldig machen könnte. Ich fühlte die Wahrheit einer jeden Silbe, in dem Wert der Freundschaft meiner Mariane, deren Liebe mein höchstes Glück ist. Wie elend müsste ich werden, wenn ich die seligen Stunden vergässe, worinn Ihre edle Seele sich mit aller Freimütigkeit mit mir besprach, Ihre Gedanken von Personen und Sachen anvertraute und auf die treuen Gesinnungen meines Herzens rechnete. Wie froh bin ich, die Unmöglichkeit dieses Vergessens in mir zu fühlen, weil ich mir es als den Gedanken eines Meuchelmords vorstelle, den man an der Ruhe und dem Glücke seines Freundes verübt. O, gewiss, meine Mariane, die zwei göttlichen Bilder, der Tugend und Freundschaft, sollen in meiner Seele auf immer die gleiche Verehrung geniessen, und mit äusserster Sorgfalt will ich mich vor jeder Beleidigung hüten, weil ich allzeit beide zugleich verwunden würde.

sechs und dreissigster Brief

Mariane! ich bin stolz geworden, und sehe mich, seit gestern früh zehn Uhr, als eine person von ausserordentlichen Vorzügen an, weil mir Herr Fr** in einer langen Unterredung einen unschätzbaren Beweis seiner Hochachtung gegeben hat. Doch würden Sie gewiss eben so wenig, als ich es dachte, den Anlass dazu an meinem Putztische gesucht haben!

Herr Fr** frühstückte bei seiner Frau Schwester G**, mit welcher mein Oheim wirklich ein haus auf kommenden Winter bewohnt. Ich war, als ich gerufen wurde, schon angekleidet, aber Madame G** kam im Nachtzeug, und musste daher bald zum Anziehen eilen. Ich suchte sie aufzuhalten, indem ich sie versicherte, dass es noch Zeit genug zu ihrem Putze wäre. "Ja!" sagte sie, "wenn ich mich nur einmummeln wollte, wie Sie es machen! Aber ich will meine person und meinen Geist in gleichem Wert erhalten." Damit ging sie von uns; und Herr Fr** fragte mich: Ob ich schon ein Frauenzimmer von so meisterhaftem Mutwillen gesehen hätte, wie seine Schwester? "Ich," fuhr er fort, "habe mit Vergnügen bemerkt, wie besorgt sie sind, die Reize: Ihrer person unter einer bescheidenen Kleidung zu verbergen. Ich weiss, dass Sie es aus einer doppelt seinen Empfindung tun, weil Sie nur für Herrn C** ganz schön sein; und auch dem Uebel ausweichen wollen, dass für Sie, aus den Begierden des einen, und aus der Missgunst des andern Geschlechts, entstehen könnte. Ich möchte aber sehr gerne daraus eine Bitte ziehen, die Ihre Seele zum Gegenstand hat, an der ich so schöne Züge gesehen, dass ich auch einen Schleier darüber wünschte, den Sie nur vor den Augen des wahren Liebhabers abnehmen sollten, um bei andern das Missvergnügen zu vermeiden, welches zu glänzende Vorzüge allezeit hervorbringen!"

Meine Mariane denkt wohl, dass ich hier, ungeachtet seines sanften Tons und Miene, stutzte und errötete; er sagte mir aber gleich: "Werden Sie nicht unruhig, meine teure Freundinn, und sehen Sie alles, was ich sage, als Sorgfalt für Ihre Glückseligkeit, und als Vertrauen auf Ihren Charakter an. Ihre Liebe der tätigen Tugend, der Kenntnisse des Geists, das lebendige Gefühl des edlen und Schönen, sind bewundernswerte und vortrefliche Eigenschaften Ihrer Seele; aber, glauben Sie nicht, dass die Stärke des Ausdrucks, mit welcher Sie solche zeigen, eine verletzende Art von Vorwurf, des geringern Grades oder des Mangels dieser Empfindungen ist? und der grossmütige Reiche sollte sich niemals im vollen Genuss seiner Güter vor die Augen des Dürftigen stellen."

Hier fiel ich ihm in die Rede, und bat ihn, versichert zu sein, dass, wenn die idee von Reichtum und Mangel, auf diese Weise in mir gewesen wäre: so würde ich gewiss nicht oft von meinen herrschenden Neigungen geredet haben! Aber, setzte ich hinzu, es steht ja in jedes Menschen Gewalt, moralische Güter zu sammlen, und sie mit Wucher zu vermehren.

"Wie hart ist dieser Ausspruch, meine Freundinn! aber der Eifer hindert immer die Sanftmut! Mir ist leid, dass ich jetzt über ihren Einwurf nicht alles sagen kann, was ich wollte. Ich bitte Sie nur, nicht zu fest auf diesem Satze zu halten; und meistens zu denken, dass ehe der Mangel an Kenntniss, als der Mangel am Willen, die Ursache vieler Fehler unsers nächsten sind. Und lassen Sie," sagte er lächelnd, "diesen Gedanken zu dem Stück Schleier werden, in den Sie Ihren moralischen Eifer hüllen wollen!"

Ich wollte ihm hierauf für seine Unterredung danken; aber er unterbrach mich, indem er mich bat, ihm einige meiner gesammelten Charaktere zu weisen, die ich so gleich holte, und nachdem er weg war, alles dies schrieb, und wahrhaftig bei der Wiederholung finde, dass mein hastiges Gutsein etwas Unfreundliches hat. Warum verwiesen Sie mir es niemals?

Sieben und dreissigster Brief

Nun habe ich mein Seelenbilderbuch wieder, und bin um ein Gemählde reicher geworden. – Gestern Abend gab mir Herr Fr** die Blätter zurück, und