, werde ich auch meine Tage enden. Ich habe ihren silbernen Esslöffel, ihre alte stoffene Kleider, die mich meinen Freunden noch mit dem Ansehen des alten Wohlstands zeigen; ich habe als treue Mutter meine Kinder versorgt, bin niemand nichts schuldig, und lebe unabhängig! Tadlen Sie mich nicht, ich bitte Sie, wegen der Beharrlichkeit, mit welcher ich alle Anerbietungen ausschlage. Ich bin durch Jahre und Kummer alt und schwächlich; ich muss viel Ruhe und wenig speisen haben; Wein trank ich niemals, und Coffee habe ich mir gleich nach dem tod meines Mannes abgewöhnt, lange kann ich nicht mehr dauren; meine Tausend Taler machen noch ein Erbe für meine drei Kinder! Mein Sohn Ludwig aber soll meine Krankheits- und Wartkosten bezahlen; weil er allzeit wünschte, mir Gutes zu tun, so wirds ihn freuen, die Ausgabe für Labung und Pflege meiner letzten Tage zu besorgen. Meine Zinsen geben mir alle Tage zwölf Kreuzer, und dabei blieben mir schon zwei Gulden übrig; alle Sonntage, da ich und mein Hannchen bei meinem treuen Vetter Wellen essen, geben mir noch zehn Gulden vier und zwanzig Kreuzer; zwei Monate, die ich bei dem Wochenbette meiner Tochter zubringen werde, elf Gulden vier und zwanzig Kreuzer. Sehen Sie, da bleibt mir drei und zwanzig Gulden und vier und zwanzig Kreuzer! das gibt Holz, Licht, Mehl und Schmelzbutter. In unserm Städtchen ist es wohlfeil; ich kann alle Tage mein Fleisch und Brod essen, bin satt, frei und vergnügt; tue noch einer Waise Guts, da ich sie nähre, schütze und unterrichte; ihre Kleidungsstücke, Gemüs und Obst tausche ich für unsere Strickarbeit ein; bin also noch nützlich, und habe, was ich bedarf.
Fünf und dreissigster Brief
Ich bin von unserm Tisch aufgestanden, an welchem mir ein moralisches Uebelsein die Lust zum Essen raubte. Es kam kurz vor Mittagszeit ein artiger Mann zu Herrn G**, den er, gleich nach der Bewillkommung, eines veränderten Wesens anklagte.
"Zürnen Sie nicht," sagte der Fremde, über meine Düsternheit; "es gehörte jedes Jahr probe und Kenntniss Ihrer Rechtschaffenheit dazu, die ich von Ihnen habe, um mich noch Einmal aus dem haus meines traurigen Freundes zu bringen, dessen Herz und Glück von der Hand desjenigen verwundet wurde, an den allein er sich mit allen Banden des Vertrauens und der Liebe seit einigen Jahren fesselte, da er alle andere Verbindungen ausgeschlagen, ja, sogar in dem Eifer für das Beste dieses Lieblings seines getäuschten Herzens, gegen andre ungerecht war."
Herr F**, welcher mit uns ass, fühlte Abscheu und Erstaunen, welcher den rechtschaffenen Mann bei Anhörung einer Niederträchtigkeit ergreift. "Es ist nicht möglich," sagte er, "Sie mahlen das Bild zu schwarz."
"Zu schwarz? hören Sie mich nur!" – Und hier fing eine geschichte an, die ich nicht wiederholen werde. Männer müssen diesen starken hässlichen Stoff ausarbeiten. –
"Warum dann," sagte Herrn F**, "warum dieses abscheuliche Gewebe von Undank und Falschheit?"
"Um Gold, und um den Ruhm von Feinheit des Geists!"
Herr Fr** nahm seinen Schwager G** bei der Hand: "O, mein Bruder!" sagte er, "niemals, niemals wollen wir Glück und Ehre auf diesem elenden Wege suchen! Möge die Vorsicht meine Söhne durch einen frühen Tod aus meinen väterlichen Armen reissen, wenn ihre Seele nicht redlich, nicht edel genug ist, um bei wasser und Brod, durch das zeugnis ihres Herzens glücklich zu sein; wenn sie zeiten erleben sollen, wo der Heuchler und Verräter mehr, als der frevmütige und gerechte Mann angesehen sein wird!"
Ist nicht dieser Herr F** in jeder gelegenheit ein moralisch edler Mann? In ihm lebt eine der alten grossen Seelen, aus denen sich republicanische Heldentugenden verbreiteten. – Möge der Kreis seines Ansehens und seiner Gewalt immer weiter werden! denn, ich bin überzeugt, dass sein Beispiel Gute, und seine Menschenliebe glückliche machen wird. – Dieses dachte ich, während dass er redte, und seine Schwester G** flüsterte mir ins Ohr: "Rosalia! Ihre Blicke auf meinen Bruder sind sehr bedeutend!"
"Möchten Sie," sagte ich, "alle die Verehrung ausdrücken, die der teure Mann mir einflösst: so würde ich mit meinen Augen sehr zufrieden sein." –
"Gott helfe Ihrem armen C**," erwiderte sie, "bei alle den Aufwallungen Ihrer Seele, wenn Sie eine Ihrer Lieblings-Verdienste erblicken!"
Mit diesem kleinen Geschwätz machte sie, dass ich einen teil der Unterredung verlohr, die ganz wichtig gewesen sein muss; denn ich sah den Fremden die Hand des Herrn Fr** nehmen, ihn durchdringend ansehen, und hörte ihn sagen: "Sie, Herr Fr**, Sie! nehmen so vielen edelmütigen Anteil an dem Kummer des Herrn A**, Sie! die vielleicht Ursache hätten, Freude darüber zu haben." –
"Diese Art von Freude ist nicht für mich!" sagte Herr Fr** ganz ernstaft. "Glauben Sie, dass ich eben so unfähig bin, mich an Feinden zu rächen, als ich es wäre, den Busen eines Freundes zu zerreissen."
Madame G** war so mutwillig aufmerksam auf mich, dass ich auch deswegen in mein Zimmer eilte, wo mir der Charakter des Herrn F** um so schätzbarer erschien, als man selten Menschen findet, die ohne persönlichen: Eigennutz für die tätige Tugend