, wo ich fertig sein musste. Gestern aber machten wir schon verschiedene Bekanntschaften, die meinem Oheim bei seinen Aufträgen nötig sein werden. Von all diesen Leuten aber habe ich nichts, als die Gesichter und den Ton der stimme kennen gelernt, weil, wie Sie wissen, Anfangs der angekommene Fremdling sich nur zu einer freundschaftlichen Aufnahme zu empfehlen, und der Einwohner ihm höfliche Anerbietungen zu machen sucht. Ich kann Ihnen also noch ganz gemächlich die Gedanken und Wünsche erzählen, die seit den zwei letzten Tagen der Reise in mir liegen. – Ein inniger Wunsch ist, dass man bei Erziehung der Kinder, besonders aber der Knaben die Kenntniss der physikalischen Welt niemals verabsäumen möge, weil diese Kenntniss den Genuss des Lebens verdoppelt, und Spatziergänge und Reisen um so viel nützlicher für uns und andere macht. Mein Oheim kennt jeden Baum, jedes Gesträuch; alle angebauete und wild wachsende Pflanzen. Ich, die bishero nur auf ihre Mannigfaltigkeit in Formen und Farben achtsam und empfindlich war, bis es nun auch bei den meisten für ihre Nutzbarkeit, die beinah eben so verschieden ist, als ihre Gestalt. Wenn ich Sie wieder sehen, und an Ihrem Arm längst der Ufer des schönen Flusses gehen werde, der die Gegend unserer Vaterstadt so angenehm macht, dann werde ich Ihnen von dem erquikkenden geist, den man aus diesem Gewächse, von dem heilenden Balsam, der aus jenem zu ziehen ist, von den nährenden Tugenden so vieler andern, und dem tausendfachen Nutzen der Gehölze, Gebürge und Steine, aus ihrem Anblick reden können, und Sie werden den milden Einfluss bemerken, den das Nachsuchen des Gepräges der Wohltätigkeit, womit Gott unsere physikalische Welt bezeichnete, auf unsere Seele hat. Denn jemehr Spuren ich davon erkannte, je inniger wurde meine Verehrung gegen den Vater der natur und meine Liebe für meine Mitgeschöpfe. – Die Tage und die Wege verschwanden mir bei den lehrreichen Unterhaltungen meines unschätzbaren Reisegefährten. Eine Stadt, ein zerfallenes oder wohlstehendes Schloss gab den Anlass zu Auszägen der geschichte von Deutschland, dessen grossen und kleinen Regenten; dem Zerreissen der alten, und Zusammenheftung der neuen Verfassungen. Aber wie sehr traurig war mir oft der Anblick von Dorfschaften, in denen entweder die harte Arbeit, welche der rauhe Boden erfordert, oder das Joch des Kummers und der Armut, womit kleine Despoten ihre Untertanen drücken, in dem Alter von zwanzig Jahren den Besitz und Genuss einer schönen Gestalt, der Gesundheit und Freuden der Jugend zerstören; da welke Wangen die Sorgen des weiblichen, und niedergeschlagene, unmutige Gesichter das mühselige Leben des männlichen Geschlechts eben so deutlich zeigten, als ihre baufällige Wohnungen und elende Kleider. – Die hiesige Stadt ist sehr schön gebauet. Grosse, reinliche Strassen und Häuser. Unter vermögenden Personen scheint grosse Pracht zu herrschen; auch sollen viele Künstler hier sein. Wissenschaften des Geistes aber müssen nicht sehr blühen, weil zwei Buchhändler kurz nach einander Bauquerott gemacht haben, die Modekrämerinnen hingegen sich sehr bereichern sollen. – Dieses ist der Auszug von Antworten, die gestern der Hauswirt beim Abendessen auf die Frage meines Oheims erteilte. – Wir werden etliche Wochen hier bleiben, und ich daher noch bessern Stoff zu Briefen an meine Mariane bekommen. – jetzt einen schönen Tag! in Eil von
Ihrer
Rosalia.
Fünfter Brief
Mein letztes Schreiben war klein, sagen Sie? – Ich fühlte es auch, meine Freundinn; aber, ich musste abbrechen, weil ich mit meinem Oheim zu Gast essen musste. Ich dachte aber nicht, dass der Verdruss, mich von Ihnen loszureissen, durch einen ganz eigenen Auftritt begleitet sein würde.
Der Sohn des Hauses, wo wir assen, erzählte bei Tische seiner Schwester, dass sein schöner Freund St**. diesen Morgen von der alten Frau von B**. einen vergoldeten Becher zum Geschenk bekommen hätte. – Der Vater fragte nach der Ursache. – Es war Vorgestern früh, wegen des kleinen Regens, sehr übel die Berggasse hinunter zu gehen; die alte Frau von B**. wollte von ihrem Neffen nach haus, und sorgte, sie möchte fallen, bat daher oben am Berge eine junge Magd, die im Hinuntergehen begriffen war, sie möchte sie mitnehmen und führen! Das unbesonnene Ding sagte ihr: alten Weibern gebührte bei schlimmen Wetter zu haus zu bleiben u.s.w. Herr St**. sprach mit mir, oben am Eckhause, sah die Träne der alten Frau, und hörte die schlechten Reden der jungen Dirne, packt diese beim arme: "Schweigt," sagt er, "elendes Ding, und geht eurer Wege," und reicht hierauf der Frau von B**. seinen Arm: "Wollen Sie, ehrwürdige Frau, sich auf meinen Arm stützen? Ich will Sie mit kindlicher Sorgfalt nach haus führen." Meine Alte sieht ihn an, ergreift seine Hand, und sagt gerührt: "Ja, führen Sie mich, mein schöner Sohn! Gott wird Ihre junge Jahre zu glücklichen Jahren machen, weil Sie sie so edel gebrauchen." – Mein St**. bringt sie in ihre wohnung, wo sie nach seinem Namen und Aufentalt fragte, und heute früh schickte sie ihm einen vergoldeten Becher mit der Umschrift: "Zum gesegneten Andenken der liebreichen Begegnung der blühenden Jugend gegen das welkende Alter. Von Elisabeta von B**. an Hrn. St**." – Mit Eifer sagte ich: Ihr Freund hat dieses Geschenk auf eine edle Art verdient, ich geb' ihm auch meinen Segen. – O, erwiderte er, bei seiner