denn hier ist Ernst." Herr von O** fuhr fort: "Ja, Rosalia, ich wollte durchaus wissen, warum es dem Moralisten manchmal geht, wie dem Landmann, der Korn für uns bauet, und dann oft selbst kein Brod zu essen hat. Ich fragte Leute, und las Bücher; aber es dauerte lange, ehe ich ins Klare kam: bis mir von ungefähr etliche Gedanken von dem Unterschiede aufstiessen, der zwischen Seele, Geist und Herzen wäre. Da hatte ich meinen Leitfaden aus diesem Labyrint."
"Ein glückliches Gleichniss, Herr Vetter; denn es gibt dreifaches Garn, das umeinander gedreht ist, wie Ihr Herz, Seele und Geist. Es wird aber schwach und verworren, wenn man es auftrillt."
"Brav! meine Baase. Man sieht, dass Sie eine gute Arbeiterinn sind. Denn die Stärke Ihrer Anmerkung ist aus Ihren Beschäftigungen genommen. Es ist mir lieb, wenn Sie Acht geben wollen, wie ich meinen Faden brauchte. Ich schrieb der Seele alles zu, was unsterbliche Tugend heisst; dem geist, alles, was das Reich der Kenntnisse angeht, und dem Herzen, unser hier auf Erden nötiges Gefühl für uns und andre. Ich sah, dass uns der Himmel einen grossen Schatz verschiedener Glückseligkeiten damit gegeben hätte, und versprach mir, keine davon ungenossen zu lassen. Ich will das, was den teil meiner Seele angeht, nicht berühren, weil es das Heiligtum der Ewigkeit ist, und da ich alle meine Ratschlüsse abfasse. Aber, ich würde mir es nicht vergeben, wenn ich nicht eben so viel Begierde hätte, jede Tugend zu kennen, als ich habe, meinen Geist mit Wissenschaften zu bereichern. – Mein Herz liebt alle Freuden der Erde, und ist überzeugt, dass die Vorsicht damit zufrieden ist. Denn sie hätte sonst meine Sinnen nicht mit so viel Fähigkeit zum Genuss erschaffen. – Nur trage ich sorge, dass ich in dieser Einrichtung nichts versäume, und nichts in Unordnung geraten lasse, weil ich Leute kenne, die entweder ihren Kopf allein mit Ideen bereicherten und die Seele darben liessen, oder diese mit einem übermässigen Entusiasmus anfüllten, der ihnen den Gebrauch der Kräfte ihres Geists und das Gefühl ihres Herzens als unnütz und schädlich vorstellte. Andre, die weder ihre Seele noch ihren Geist in Betrachtung zogen, und allein dem Hange des Gefühls von Vergnügen nachgingen. – Alle diese Trennungen machen nur halb gute, und halb glückliche Menschen, die ich immer mit Bedauren ansehe, und mich über meine wohleingerichtete Haushaltung freuen, in der ich alles habe, was Erdenglückseligkeit ist." –
Frau G** sagte hier: "Für mein Schön Stück Geduld, mit der ich zugehört, darf ich doch sagen, dass ich die hoffärtige Historie eines Menschen weiss, der nur für sich denkt und lebt!"
Herr von O** wurde etwas rot, antwortete aber ganz ruhig: "Sie sind seherstreng, meine schöne Baase! Ich hoffe, Rosalie verdammt mich nicht, wenn ich das, was ich für andre tue, auch allein von andern erzählen lasse."
"Nun, Rosalia!" sprach Frau G** zu mir, "der Mensch wird über alles böse, was ich sage! geben Sie ihm doch eine Belohnung für die schönen Sachen, die er uns lehrte." –
Von O** sah mich an, und streckte eine Hand nach mir aus, so, wie Jemand, der eine Gabe erwartet. Da ich ihn munter sah, und auch Madame G** durch etwas Ernstaftes von meiner Seite hätte können beleidiget werden, so sagte ich ihm: "Ja ich will Herr Fr** bitten, Ihr moralische Vormund zu werden! Denn, es dünkt mich, dass, wenn Ihr Kopf mit diesen Gütern zu viel spielt, sie mit einem Mal sehr stark verlieren könnten." – Er küsste mir lächelnd die Hand; drohte der Madame G** mit dem Finger: "Sie sind ursache, dass mich Rosalia für einen Spieler hält. Aber die Vormundschaft Ihres würdigen Bruders wird mir unschätzbar sein."
drei und dreissigster Brief
Es ist Nachts zwölf Uhr! und der Schlaf noch weit von mir entfernt, weil wir nach unserm Abendessen auf eine Unterredung kamen, deren Gegenstand ich schon oft betrachtet, aber nicht unter dem fürchterlichen Bilde gesehen hatte, wie er durch Jemand unserer kleinen Gesellschaft gemahlt wurde. –
Die Eigenliebe, welche mir als das höchste Geschenk des himmels erschien, durch welche ich alles Gute dieser Erde, und auch die hoffnung der künftigen Glückseligkeit geniessen, und mir eigen machen könnte, weil sie das Wohlsein meines Selbst für jetzt, und für die Ewigkeit zu besorgen hat: diese hörte ich diesen Abend unter den Götzen schildern, denn täglich Menschenopfer gebracht würden, um deren Altäre Bäche von Tränen und Blute fliessen! Ehrgeiz, Wollust und Neid, führeten die Schlachtopfer auf verschiedene listige Arten herbei, und würgten dann verdienstvolle Greise, unschuldige blühende Jugend und würdige Familienväter, ohne den geringsten Grad von Mitleiden oder Reue zu empfinden. Stiegen dann über dem Nacken ihrer Schlachtopfer empor, und lächelten ihrem Abgott zu. – Grauen befiel mich, und mit einer Träne im Auge sah ich den Redner an, der dieses Bild beschrieb, weil seine Gesichtszüge und der Ton seiner stimme mir den Beweis zu führen schienen, dass seine redliche, empfindungsvolle Seele einst Augenzeuge, ja vielleicht der Gegenstand einer solche Scene des Abscheues gewesen sein müsse. Und, o meine Mariane! ich hörte noch eine Familiengeschichte, durch