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Rechtschaffenheit eines bauern zu reden. Bei Räuber- und Betrügerhistorien hingegen hält man sich auf; und allein die Klasse der Künstler, die für den Pracht, die Ueppigkeit und die Wollust arbeiten, erhält noch einige achtung. – Ich will Ihnen darüber morgen einen launigten Einfall von dem jungen Mann schreiben, der das Bild des Herrn von G** mahlte. Adieu! meine Mariane; Adieu, von

Ihrer

Rosalia.

Zwei und dreissigster Brief

Madame G** hat mich Gestern auf ihre eigene Art dazu gebracht, dass ich meinen Brief an Sie vorzeigte, während der junge Herr von O** noch da war. – Dieser fand meine Anmerkung zu ernstaft, und fing an, die gesellschaftliche Gutartigkeit der Menschen zu verteidigen, und zum Beweise anzuführen dass man so oft ein Frauenzimmer schön nenne, sie liebe und bewundre, ungeachtet man wisse, dass sie nur künstlich übertüncht wäre. – Dann heisse man jenen fromm, und verehre ihn als einen gottseligen Mann, weil man ihn fleissig beten sähe, obschon seine Handlungen auf zehnfache Weise bös und ungerecht wären; wie lange behielten nicht blosse Schwätzet den Namen vielwissender Leute? u.s.w.

"Schön, Herr von O**, sehr schön!" sagte Madame G**, "aber Ihr Scherz ist beissender, als Rosaliens Ernst!" – "In was für einem Tone hätte ich es sagen sollen, meine Damen? Rosaliens Ernst ist meinem Herzen sehr schätzbar, weil er das Werkzeug ist, durch welches ihr Charakter so stark und so sittlich wurde; aber das Leben der besten Menschen würde sehr traurig verfliessen, wenn sie das Ueble immer mit der tiefen Empfindung seiner Schädlichkeit betrachten wollten! Ich fühle an mir selbst, dass unsere Tugend nur Stückwerk ist, und wir sie überhaupt nur für die andre Welt nötig halten, weil man sie meistens erst am Ende des Lebens mit vollem Willen und Kräften ergreift; so, wie man auf weiten und wichtigen Reisen an den grenzen eines Landes die Geldsorten einwechselt, welche da gäng und gäbe sind."

"Ein sehr artiger Gedanke, mein Herr!" sagte wieder Fr. G**. "Sie sehen also die Tugend nur als einen Sparpfennig für Ihre letzte Reise, und nicht als den nötigen Reichtum dieses Lebens an? Ich möchte wohl das Ganze Ihrer moralischen Haushaltung kennen!"

"Sie haben zu befehlen, wenn ich sie vorweisen soll! Denn ich halte so gute Ordnung, dass ich keine Stunde der Untersuchung fürchten darf."

"Nach was für einer Mode richteten Sie sich, Herr Vetter, englischer oder französischer Sittenlehrer?"

"Nach keiner von beiden! Weil ihre Vorschriften nicht immer zu mir und den Sachen passten, die ich mit einander verbinden wollte."

"Das glaube ich: denn Moral und Galanterie vertragen sich selten!"

"Vielleicht habe ich die Kunst gefunden, sie zu vereinigen!"

"O, machen Sie uns die probe davon!"

Ich hatte während dem kleinen Gespräch zwischen Madame G** und Herrn von O** immer fort gearbeitet, und wünschte in der Tat, etwas Näheres von dem kopf dieses jungen Mannes zu wissen, den ich, wegen des heitern Tones seines Geistes, sehr gerne in Gesellschaft antraf. Aber ich fürchtete, der spielende Witz der Madame G** würde ihn verhindern, etwas ordentlich von seinen Gesinnungen zu reden. Doch nach der Auffoderung, die sie gemacht hatte, nahm er seinen Stuhl, setzte ihn uns gegenüber, und sagte: "Ich werde ernstafte und muntre Sachen zu erzählen haben. Die Erstern sollen Mademoiselle Rosalie, und die Andern meiner Frau Baase gewidmet werden."

"Gut," sagte sie, "ich höre also das Beste; denn Ihre ernstafte Sachen dünken mich närrischer, als Ihre muntern." – "Ich hoffe," sprach Herr von O**, "die Freundinn wird in diesem Stück anders denken, als die Baase!"

"Sie wissen, sagte er zu Madame G**, dass ich zu haus vielen Unterricht erhielt, und auch nach dem auf einer hohen Schule studieren musste. Ich befolgte beides ziemlich gerne, aber meistens nur Maschienenmässig; und erst auf meinen Reisen fühlte ich dass die Sachen, die man Denken, Wissen und Urteilen heisst, in mir lagen und geschäftig sein wollten; und dass ich von Ihnen im gesellschaftlichen Umgang mit Gelehrten. Künstlern und Damen, einen eben so nützlichen Gebrauch machen könnte, als ich in Gastöfen, Kaufmannsbuden und andern Gelegenheiten, mit meinem Gelde ihat."

"Diese Vorrede ist sehr artig geraten, Herr Vetter; machen Sie sich aber bald an das Ende Ihrer Historie."

"Sie finden es artig, und ich soll bald endigen! Das sieht widersprechend aus! – Doch, ich wollte eben sagen, dass ich unvermerkt ein Beobachter wurde, und durchgehends so viel Widerspruch unter dem Reden und Handeln der Menschen fand, und mich darüber ärgerte, dass ich mir vornahm, wenigstens in mir alles Misstönende zu vermeiden."

"Und also aus Ihrer Seele eine Harmonica zu machen!" fiel Frau G** ein. "Sie wissen aber, dass dieses Instrument aus lauter Glasstücken besteht; und dass, wenn eines davon bricht, ein ganzer Ton fehlt."

"Und sehen Sie, liebe kritische Baase, ich will lieber einen Ton fehlen lassen, als dass alle ohne Uebereinstimmung sein sollen; und, dem Himmel sei Dank! meine Seele ist nicht zerbrechlich."

Frau G** wandte sich zu mir: "Dieses gehört Ihnen, Rosalia,