und Henriettens Bildniss beleuchtete, belebte auf einmal mit ganzer Kraft das Gefühl von Unsterblichkeit unsers besten Teils; mein Herz sprach: "Ja, glänzender, als die höchste Blühte Deiner irdischen Reize war, ist nun die verewigte Schönheit Deiner Seele! und ich, in vollem Genuss des Lebens und der Gesundheit, auf Dein frühes Grab gestützt, sehe die höchste Glückseligkeit in Deinem seligen tod! – Das Beste, so ich nach diesem noch von der Erde begehren würde, ist eine Träne der Freundschaft, die das Auge meiner Mariane auf meinem grab vergösse, wenn ihr Herz noch eine Zeit lang ein Zeuge der Tugend des meinigen gewesen sein wird."
Aber, Mariane! warum kniete ich in dem Augenblicke, da ich an meinen C** dachte, nieder? warum flossen bei seiner Erinnerung meine Tränen häufiger, und warum fühlte ich mein Herz gepresster, als vorher? – An dem grab einer viel liebenswürdigern person, als ich bin, geschahe dieses. – Ach, wenn es Vorbedeutung wäre, dass mein Herz auch von der Hand meines Geliebten gebrochen werden sollte! – Ich konnte nicht mehr bleiben; rafte eine Handvoll Grashälmchen zusammen, die ganz dicht an dem Leichenstein hervorgesprosset waren, und küsste Henriettens Namen. – Die Kälte des Steins, die ich an meinen Lippen empfand, und welche auch zugleich im Ueberbeugen durch meinen seidenen Mantel auf meine Brust drang, gab mir eine Art von Erstarren. Ich ging heraus, musste mich aber, weil ich etwas zitterte, niedersetzen; da kam der junge Weber mit seiner Frau, Henriettens treue Lise, und der Hofbauer, mit zwei Kindern, hinter der Capelle her, ohne zu reden, und die Männer mit den Hüten in der Hand. Sie staunten mich an und schaueten umher, ob noch Jemand bei mir wäre? – Lise schlug die hände zusammen, und sagte: "Ach, Sie lieben mein armes fräulein noch!" fiel vor mir auf die Knie und weinte laut. Die andern stunden wehmütig um uns her. Ich konnte es nicht länger aushalten, steckte mein Gras in die Schürze, und reichte den Leuten die hände. – Lise sah das Bild, zog meine Hand an sich: "Ach, so sah sie aus, so schön war sie!" – Die andern drangen sich ehrerbietig, aber eifrig hinzu; und die Ausrufungen: Ach, Du wohltätiger Engel! und das mit erhabenen Händen: Gott vergelte Dir! gingen mir durch die Seele. Weinend sagte ich: "Gott segne Eure dankbare Herzen, und lasse Uns einmal alle im Himmel bei ihr stehen, wie wir bei ihrem grab stehen!"
Wie schnell, meine Mariane, wirkten diese wenigen Worte auf die guten Leute! Alle hände falteten sich; in jedem Gesicht war ein frommer Entschluss und ein Schimmer von seliger Freude. Sie fassten meine hände, mein Kleid; gerade, als ob sie mir für die Einladung dankten, und versprechen wollten, gewiss da zu sein!
Henriette! vielleicht hat Deine Seele in den Unsrigen gelesen, und freute sich, dass bei Deinem grab Gelübde der Tugend gemacht werden! – Feierlich dachte ich dieses, da ich noch ihr Grab ansahe. – Ich umarmte Lisen, winkte den Leuten, da zu bleiben, und ging langsam mit den letzten Strahlen der Sonne nach R** zurück, wo ich in mein Zimmer mich einschloss, von meinem Grase Henriettens und meinen Namen zwischen Papier flochte, Ihnen schrieb, und jetzt mit einer heiligen aber süssen Schwermut schlafen gehe.
Ihre
Rosalia.
Dreissigster Brief
Da bin ich in der Stadt zurück; und da wir uns nun ein Jahr hier aufhalten werden, habe ich einen Plan für mein Vergnügen gemacht. Doch wenn jemals eine fremde person Ursache hatte, den Charakter der hiesigen Einwohner zu lieben, so habe ichs, weil die meisten, die ich hier kenne, so viel Aufmerksamkeit für mich bezeigen, dass sie in alles eingehen, was sie von meinen Lieblingsneigungen wissen; denn sie befleissen sich, mir die Familien zu bezeichnen, worinn schöne moralische Auftritte vorkommen. Andre suchen in ihrem Gedächtniss charakteristische Züge hervor, die zur Ehre der Menschheit unsers Zeitalters dienen, und ich habe wirklich das Glück gehabt, in dem Zirkel, in welchem ich meistens lebe, dem Vergnügen des Lobens, das Uebergewicht über die Reize des Tadelns zu geben. – Ein Zufall veranlasste die Bemerkung, dass verkehrte Begriffe von der Glückseligkeit, den Fortgang und die Ausbreitung der Tugend verhinderten. Hätte man, zum Beweis, eben so viel Wert auf die Bekanntschaft und den Umgang mit Weisen und Tugendhaften gelegt, als man demjenigen Vorzüge erteilt, der sich des vertrauten Zutritts bei Grossen und Mächtigen rühmen kann: so würde die Begierde nach wahren Verdiensten des Geistes und Herzens eben so herrschend geworden sein, als es der Ehrgeiz nach Rang und Titeln geworden ist. – Ein munterer, aber zugleich ganz vieldenkender junger Mann fiel hier ein: Er wäre überzeugt, dass dieser Wunsch sehr leicht erfüllt werden konnte, wenn das Glück der Tugend und Weisheit in sichtbaren Kennzeichen erschiene; oder wenn in jedem land ein Mittelpunkt vorhanden wäre, dem allein wahres tätiges Verdienst sich nähern dürfte. Ein einziger edler Mann kann dieses hervorbringen! Ich sah, fuhr er fort, den Beweis davon, während meinem Aufentalte in S**, wo einer der würdigsten Cavaliere eine angesehene Stelle bekleidet, und darin nicht nur die Früchte seiner Gelehrsamkeit zum Besten des Landes verwendet, sondern als Schutzgeist der Rechtschaffenheit, der Kenntnisse und