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" erwiderte er; "aber, hast Du denn vergessen, dass ich selbst Versuche gemacht habe, sogar die Stefte auszuziehen, an die einige von den Triebfedern befestigt sind? Aber, wenn ich sah, dass Du aus Dankbarkeit für meine Liebe alles aufopfern wolltest: so konnte ich nicht fortfahren, und liess Dich nach der Anlage der Mutter natur gehen, ungeachtet ich sah, dass das Abstechende Deines Charakters mit dem Charakter Andrer, Dir manches Unangenehme zuziehen würde. Doch, da Du ein hübsches Mädchen wurdest, und Dein Kopf eben so leicht und munter, als Deine Seele empfindsam war: so dachte ich, es würde wohl einen jungen Mann geben, dem einmal das wunderliche Gemische von Schwachheit und Stärke, so in Dir liegt, eben so erträglich vorkommen könnte, wie mir." –

Innig gerührt dankte ich dem besten Oheim für diese Gattung von Freiheitsbrief, den er mir durch diese Erklärung gab. Meine Seele atmet nun viel leichter, als in manchen vorigen Stunden. – Mein Oheim duldet mich gerne, so wie ich bin, und Mariane von St** liebt mich just deswegen! Das ist genug, genug Glück, von der männlichen und weiblichen Welt! Ungestört und ungetadelt sollen alle andre vor und neben mir gehen! Ich werde keinem zurufen, in meine Fusstapfen zu treten. Wenn ich nur unter dem Schutze der herablassenden männlichen Weisheit meines Oheims, an dem freundlichen arme der weiblichen Tugend, die unter der Gestalt meiner Mariane wandelt, den kleinen Weg meines Lebens durchgehen kann; sollten auch die schönen Hofnungen meiner zärtlichen Liebe zernichtet werden: so werde ich immer mich noch glücklich genug finden, wenn bei dem Genusse Ihrer Güte, mir das moralische Gefühl über Schönheiten des Geistes und der ausübenden Tugenden bleibt. – Adieu, meine Mariane! Warum, warum schreiben Sie so ungern! Wie viel verliert Ihre Rosalia dabei!

Neun und zwanzigster Brief

Abends 9 Uhr, von dem schloss R**.

Ich habe den heutigen schönen Herbsttag hier zugebracht; aber bloss in der Absicht, Henriettens Grab zu besuchen, und deswegen kam ich in grosser Gesellschaft, um von Frau G** weniger vermisst zu werden. Ich hatte das nemliche Kleid angezogen, in welchem mich Henriette das Erstemal sah; mich darin umarmt, und ihren schönen Kopf auf meine Schulter gelehnt hatte. – Ich ging durch einen Umweg, zwischen den Feldern und Hecken, ganz allein. Ich, die sonst unmöglich allein durch die Strasse einer Stadt gehen konnte. Aber das Gefühl von Tod, Ewigkeit, Tugend und Freundschaft, erhob mich über alle andere Empfindungen. Meine Seele dünkte mich grösser, erhabener, als jemals. In dem weiten Luftraume war Ruhe um mich her, da der Landmann auf der welkenden Wiese, und dem kaum ausgesäeten feld, für seine arbeitsame Hand nichts zu tun hat. Nichts störte meine Bewegungen, nichts hinderte sie. Ich war nicht munter, Mariane, aber glücklich, sehr glücklich! Jeder blick gegen Himmel war in meinem Herzen ein süsses heitres Gefühl von dem vaterland, das mich näher dünkte, als während meinem Aufentalte in der Stadt und in Häusern. – Die schöne braune Farbe des neugebauten Feldes liess mich, mit ausgebreiteten Armen und mit innigem Gefühl, unserm grossen liebenswürdigen Klopstock nachsagen: "Sei mir gegrüsst, Erde! mein mütterlich Land! die du mich gebahrest, und einst im kühlenden Schoosse zu den Entschlafenen Gottes begräbst, und meine Gebeine sanft bedeckst!"

Mit diesem kam ich allmählich auf die kleine Höhe, wo ich rechter Hand Henriettens Wohnhaus, die gelben welkenden Blätter der Laube und die rotwerdende Epichwand des Nebenhauses sah; auf meiner Linken aber, die sich am blauen Firmament erhebende Stücke der alten Capelle und des runden Daches über Henriettens grab, ansichtig wurde. Ich blieb stehen. Eine Träne trat, mit der Erinnerung jeder Auftritte in diesem haus, in mein Auge. – Edle selige Freundinn, Deinen Wohlstand, Deine Blüte sah ich nicht; nur Dein Verwelken und die zitternde Bewegungen, die der Hauch des Zufalls in den letzten Tagen Deiner Hinfälligkeit verursachte! Sanft, wie das Haupt einer zerstörten Blume, fielest Du zur Erde! – Ach, möchte mit Deinem letzten Blicke Deine reine Tugend mein Erbteil geworden sein! –

Nun war ich an ihrem Ruheplatze, und blieb am Eintritt stehen; nicht nur von dem Anblick ihres Grabes äusserst bewegt, sondern auch dadurch gerührt, dass ich meinen Schatten an ihrem Grabstein sah, wohin ihn die niedergehende Sonne warf. Ich weiss nicht, aus welcher gemischten Bewegung ich mich an eine Säule lehnte, und solche mit einem Arm umfasste, eben, da ich in mir sagte: "Der Schatten der lebenden Freundinn über dem Staub der toten." – Ich zog meinen Handschuh aus, sah auf Henriettens Miniaturbild, welches ich in ein Armband gefasst habe, küsste es, und ging an den sie deckenden Stein. – Ein kleiner Schauer überfiel mich, und auch der Gedanke, warum bist du herangegangen? Doch gleich zog ich auch meinen rechten Handschuh aus, breitete meinen ganzen Arm über den Stein hin, und ich konnte sprechen: "Ach, kalt, fühllos, wie Du! ist nun das Herz, in welchem die zärtlichste und feurigste Liebe wohnte, und aus welchem so viel tätige Tugend floss!" – Ein für Worte zu starkes Gefühl, liess mich auf eine Zeit lang schweigen und weinen. Tief in meine Seele drang der Gedanke Verwesung! Aber ein Sonnenstrahl, der zwischen den Säulen einfiel,