– Eine sehr muntre person sagte bei dieser gelegenheit, die Vorsicht müsse ganz eigene, uns unbegreifliche Ursachen gehabt haben, dass sie den Leichtsinn gerade auf die Jahre legte, wo man am meisten Klugheit nötig habe.
Fünf und zwanzigster Brief
Mariane! Ich war heute in einer grossen Gesellschaft. Männer, viele Männer, im eigentlichen verstand genommen, waren da; manche wichtige Gegenstände der Unterredungen kamen zum Vorschein; alle wurden flüchtig behandelt, nur bei dem von der Religion blieben sie am längsten stehen. Billig wäre es, das Nötigste und Beste am längsten zu betrachten; aber, meine Liebe! die Art, mit der etliche von den Männern von einigen Teilen der Religion redeten, war nicht gut! besonders schmerzte mich, dass gerade in Gegenwart der Hausbedienten solche Stücke berührt wurden, auf die sie notwendig aufmerksam werden mussten. Der Mann, so davon redete, sprach mit dem Ton des Wissens und der überzeugung. Ein Paar andere, die auch Anspruch an Scharfsinn haben, fielen ihm bei; der Hausherr war still, und natürlicher Weise sprachen die Frauenzimmer hier nicht mit. Meine Seele war ruhig, weil, dem Himmel sei Dank! meine Religion in meinem Herzen und nicht in meinem kopf ist, und ich sie in Handlungen, nicht in Reden lege: aber die horchende Miene der Bedienten drang mich, einem der besten unter den Männern zu sagen: Ob der treue Glaube des gemeinen Mannes dem zweifelnden und grübelnden Gelehrten nicht eben so ehrwürdig sein sollte, als die Unschuld der Jugend einer gewissen Gattung anderer Leute sei? Ich fände es sehr grausam, durch eine mutwillige Verwendung des Uebermaasses an Geisteskräften den Frieden der Seele des Ruhigglaubenden zu stören. – Der edle empfindsame Mann sah mich ganz bedeutend an, gab mir Recht, und unterbrach den reisenden Lauf des Gesprächs. Ich war froh darüber; denn warum soll der auf einem zügellosen Pferde sitzende Reiter das Recht haben, dem redlichen Fussgänger seinen stützenden Stab zu entreissen? der ihn just vor dem Abgrunde bewahren wird, in welchen der andre stürzen kann. – Ich sagte dann mir selbst, warum sehen die Männer die Pflichten der Religion, die Unterwerfung ihres Geistes, so leicht als ein Joch an, das ihren Nacken drückt, und suchen sich davon loszuwinden? warum geschieht dieses nur bei Männern von einer gewissen Klasse? Ist das Gefühl der Stärke, die ihnen die natur gibt, oder das, von Freiheit, Willkühr, und Obergewalt, die ihnen Umstände und gesetz geben, daran Ursache? Bald möchte ich das Letztere glauben! Denn unter dem weiblichen Geschlecht ist noch niemals eine Empörung über Glaubensartikel entstanden. Weil wir von Jugend auf, denke ich, an die idee einer über uns herrschenden Menschengewalt gewöhnt sind, so kostet es uns gar keine Mühe, Vorschriften und Gesetzen zu folgen und nachzugeben, die das Gepräge des göttlichen Willens und Ratschlusses an sich tragen. Zudem machte ich noch die Bemerkung, dass unter dem gemeinen, auch von Uebermacht beherrschten mann, von jeher die Schwärmer, und niemals die Bestürmer der Religion entstanden sind, so, dass der Mutwille und die Unbändigkeit, die aus dem Ueberflusse an Glücks- Geistes- oder Gewaltskräften entstehen, die Hauptursachen dieser männlichen Verkehrteit sein mögen. – Weiter, meine Liebe, gebührt mir nicht zu gehen! Doch freut mich innigst, bei den vielfältigen, oft zu eifrigen Widersprüchen gekommenen Unterredungen, über den wahren Verstand dieses oder jenes biblischen Gedanken, immer bei Allen eine tiefe Verehrung für den göttlichen Ausspruch gesehen zu haben: "Liebe Gott über alles, und deinen nächsten als dich selbst." –
Möge dieses in alle meine Taten des Lebens verwebt, und am Ende meiner Tage das, zeugnis sein, mit welchem ich den letzten blick auf meinen Nebenmenschen, und den ersten in die Ewigkeit tun werde! –
sechs und zwanzigster Brief
Könnte ich, o meine Mariane, nach dem Verluste der edlen Henriette noch jemand so sehr lieben, als ich Sie liebte, so hätte ich hier eine weibliche Seele gefunden, die mich anziehen würde.
Madame G** führte mich in eine grosse Gesellschaft, und sobald sie mich der Frau vom haus vorgestellt hatte, sagte diese mit einer Art Zischerei: "Wissen Sie, dass ich Heute so glücklich sein werde, die seltene Madame D** bei mir zu sehen? Vielleicht kommt sie nur, weil sie weiss, dass Sie da sind; aber ich werde sie doch auch besitzen." – Madame G** sagte nichts "darauf; wandte sich aber zu mir, und sagte: Sie werden Madame D**, meine liebste Freundinn, und eine sehr schätzbare Frau sehen, auf die ich Sie bitte, aufmerksam zu sein, denn ich will Ihnen von ihrem Charakter erzählen."
Es kam eine ziemlich grosse, wohlgewachsene Frau, von vier und dreissig Jahren, von vielem Anstande, mit vieler Lebhaftigkeit in ihrem Bezeigen. Nicht besonders schön, aber eine Physiognomie, die einnehmend war. Viele von den Männern bewiesen ihr besondere Aufmerksamkeit. Sie redete aber meistens mit Frauenzimmern, und gab, da sie mit Madame G** war, ihrer Unterhaltung einen geistreichen und zärtlichen Ton, der mit einem ganz eigenen Ausdruck ihrer Gesichtszüge begleitet war, die sie immer reizender machten, indem ihre stimme beständig sanfter und melancholischer wurde. Die Blicke der Madame G** waren aber während dem Reden ihrer Freundinn sehr bedeutend auf einen der anwesenden Herren geheftet, der nahe bei ihr sass, und in ein artig tändelndes Gespräch mit einer niedlichen Coquette verwickelt zu sein